26.03.2007 · Vor Gericht ließ Peter Hartz seinen Anwalt sprechen. Interviews hat er seit dem Rücktritt nicht gewährt. Jetzt bricht der ehemalige VW-Personalvorstand im Gespräch mit F.A.S.-Redakteurin Inge Kloepfer sein Schweigen.
Vor Gericht ließ Peter Hartz seinen Anwalt sprechen. Interviews hat er seit dem Rücktritt nicht gewährt. Jetzt bricht der ehemalige VW-Personalvorstand sein Schweigen. Am Montag erscheint sein Buch „Macht und Ohnmacht“. Darin spricht er mit der F.A.S.-Redakteurin Inge Kloepfer über seinen Aufstieg im Saarland, die Jahre in Wolfsburg, das Abenteuer in der Berliner Politik. Und auch über seinen tiefen Sturz. In Auszügen lesen Sie hier, wie Peter Hartz seine Rolle im VW-Skandal und in dem daraus folgenden Prozess sieht.
Herr Hartz, an welchem Tag begann für Sie die Welt einzustürzen?
Das war der 15. Juni 2005. Nachmittags - gegen halb vier muss es gewesen sein - bekam ich einen Anruf von Bernd Pischetsrieder, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen. Ob ich mal reinschauen könne, fragte er mich. Es war die Bitte, mich in sein Büro zu begeben, das sich auf der anderen Seite des Flurs befand. Arglos ging ich hinüber. Dass er anrief, war schließlich nicht ungewöhnlich. Ich setzte mich, er zündete sich eine Zigarre an und gab mir zwei DIN-A4-Seiten zu lesen.
Und was war das?
Es handelte sich um einen Anlage- und Managementvertrag. Die Revision der Commerzbank hatte das Papier im Juni offenbar bei einem ihrer Mitarbeiter entdeckt und Volkswagen davon in Kenntnis gesetzt; denn bei einer der Vertragsparteien handelte es sich um zwei Mitarbeiter von Volkswagen: Helmuth Schuster und Klaus-Joachim Gebauer. Beide gehörten zu meinem Konzernressort.
Ich las die beiden Seiten. Äußerlich bin ich dabei wohl recht ruhig geblieben, doch ist mir während der Lektüre dieses Vertragswerks das Blut in den Adern gestockt. Aus der Konstruktion des Vertrags ging deutlich hervor, dass sich meine beiden Mitarbeiter an den im Planungsstadium befindlichen Handels- und Investitionsvorhaben über ein Geflecht zwischengeschalteter Firmen bereichern wollten. Außerdem wollten sich Schuster und Gebauer Schweizer Aufenthaltsgenehmigungen besorgen - ich denke einmal, für den Fall, dass sie sich absetzen wollten.
In der Presse ging es daraufhin bald nur noch um die Lustreisen bei VW. Hat Volkswagen von der Verbreitung der pikanten Einzelheiten aus der „Lebensbeichte“ Gebauers erst etwas mitbekommen, als Ende Juni 2005 die ersten Berichte über Vergnügungsreisen von Mitgliedern des Gesamtbetriebsratsausschusses erschienen?
Natürlich hat Volkswagen mitbekommen, welche Nachrichten auf dem Markt waren. Unser Kommunikationschef kam ziemlich schnell aufgeregt zu mir und berichtete, welche Gerüchte kursierten. Ich selbst kenne die Netzwerke ja nicht, über die so etwas dann verbreitet wird. Das alles muss in den ersten 72 Stunden nach der Kündigung Gebauers stattgefunden haben. Die boulevardhungrigen Reporter sind ausgeschwärmt und haben recherchiert. Und dann tauchten auch schon die ersten Geschichten auf.
In der Presse war Anfang Juli zu lesen, auch Sie hätten sich auf den Reisen des Betriebsrats an den Vergnügungen, die von Gebauer über Volkswagen abgerechnet wurden, beteiligt. War das so?
Diese Frage berührt mein Privatleben, das niemanden etwas angeht. Sie hat jedenfalls mit VW nichts zu tun. Lassen Sie mich an dieser Stelle ganz klar sagen: Ich habe mich nie auf Kosten von Volkswagen amüsiert.
Gebauer allerdings behauptet in seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft immer wieder das Gegenteil. Wer hat recht?
Die Medien haben die „Lebensbeichte“ Gebauers dankbar aufgenommen und mich daraufhin sehr schnell zum Kopf eines Vergnügungstrios gemacht, der ich nie gewesen bin. Sie haben mich aufgrund der Aussage einiger Personen ziemlich schnell verurteilt. Dieses Bild von mir ist in der Welt.
Sie also weisen die Behauptungen Gebauers von sich. Aber Sie wussten, dass sich verschiedene Herren des Gesamtbetriebsrats auf ihren Reisen durch die Welt auch gut amüsierten?
In der Geschäftswelt ist das alles wirklich nichts Besonderes. Amüsement am Rande von Dienstreisen findet vielerorts statt. Für mich war das insofern nicht zu beanstanden, als dass ich selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass die Betroffenen auf den Reisen ihre Arbeit tun und ihr privates Vergnügen im Anschluss daran privat bezahlen.
Wenn Sie für Ihr Unternehmen auf Reisen gehen, hart arbeiten und anschließend abends die Gelegenheit nutzen, um sich, sagen wir mal, in der Metropolitan Opera in New York eine Vorstellung anzusehen oder sich anderweitig zu amüsieren, dann ist dagegen so lange nichts zu sagen, wie Sie sich die Kosten des Vergnügens nicht vom Unternehmen erstatten lassen.
Nun waren die Herren aber nicht in der Oper, sondern eben andernorts?
Wollen Sie da grundsätzlich einen Unterschied machen? Einige der Teilnehmer haben sich - wie auch immer - auf Unternehmenskosten vergnügt, und genau da haben sie die Grenze überschritten.
Wie hat sich der VW-Konzern öffentlich zu den Vorwürfen gestellt?
Gar nicht oder eben ohne Konzept. Ich hätte die Kommunikation für mich persönlich selbst in die Hand nehmen sollen. Im Nachhinein erwies sich meine eigene Zurückhaltung als Fehler.
Sie tun gerade so, als wäre Ihr Sturz vor allem auf die Kommunikationsfehler von VW zurückzuführen. Heute aber sind Sie wegen eigener Fehler verurteilt?
Natürlich habe ich Fehler gemacht. Sie haben aber zunächst nach der Kommunikation gefragt. Am 28. Juni hat Volkswagen bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig aufgrund des Managementvertrags Anzeige gegen Schuster und Gebauer erstattet. Keiner hatte sich Ende Juni vorstellen können, was für eine mediale Eskalation in ganz anderer Richtung noch bevorsteht.
Klaus Volkert war, so heißt es immer wieder, der mächtigste Betriebsratschef in Deutschland. Ebenso wie Sie sollte er in den folgenden Monaten ins Zentrum der VW-Affäre rücken. Was hatte er für eine Stellung?
Volkert hatte schon aufgrund seiner vielen Funktionen eine Sonderstellung. Er war Betriebsratschef des Werks Wolfsburg, Chef des Betriebsrats in ganz Deutschland, Chef des Eurobetriebsrats und des Weltkonzernbetriebsrats. Er war Mitglied des Aufsichtsrats und saß im Präsidium dieses Gremiums. Er entschied mit über Investitionen in Milliardenhöhe - im In- und Ausland. Wir haben ihn wie einen Topmanager behandelt.
Er hatte einen Mitarbeiterstab, konnte den Flugservice des Konzerns in Anspruch nehmen, durfte erster Klasse fliegen, hatte einen besonderen Parkplatz auf dem Fluggelände unweit der Vorstände. Außerdem bekam er Vertrauensspesen. Und er nahm wie andere Führungskräfte am Bonusprogramm teil.
Und Sie haben ihm persönlich darüber hinaus noch - inoffiziell oder geheim - hohe Extrazahlungen zukommen lassen.
Richtig. Ich zahlte ihm über elf Jahre einen Sonderbonus . . .
. . . und eine Geliebte, die Brasilianerin Adriana Barros, eine TV-Moderatorin, die dann häufig auf Kosten von VW dem Betriebsratschef an seine entsprechenden Tagungsorte hinterherflog.
Der Betriebsrat verfügte während meiner Zeit weltweit über mehr als 850 Mitglieder und deren Mitarbeiter. Volkert kam eines Tages auf mich zu und sagte, ich solle Frau Barros einstellen, er brauche sie als Mitarbeiterin. Ich habe ihre Festanstellung aus Kostengründen abgelehnt und ihm nach einigem Hin und Her geraten, sie als Beraterin zu engagieren, über eine Art Agenturvertrag. Für mich war sie eine Mitarbeiterin, die für den Betriebsrat arbeitete. Eine Stelle mehr fiel quantitativ kaum ins Gewicht.
Wussten Sie zu dem Zeitpunkt, als Volkert sie ins Spiel brachte, dass sie seine Geliebte war?
Das ist eine Frage, an der man auch die unzulässige Vorteilsgewährung festmacht. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich es wusste, aber mir wurden ziemlich bald Gerüchte zugetragen, dass es so sei. Und das wahrscheinlich schon, bevor ich die erste Vierteljahresrechnung abzeichnete.
Wie sich später herausstellen sollte, hat sie für die Honorare kaum oder gar keine konkreten Leistungen für VW erbracht. Es hat über die Jahre aber auch niemand nachgefragt?
Volkert wollte sie unbedingt. Er hat mich bedrängt. Er sagte immer wieder, er brauche sie.
Am 8. Juli haben Sie dann Ihren Rücktritt angeboten.
Zu einem Rücktritt hatte mich niemand gedrängt, abgesehen vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff durch seine öffentlichen Äußerungen. An jenem 8. Juli übernahm ich in einer persönlichen Erklärung die Verantwortung für die Vorgänge und bot damit meinen Rücktritt an. Es war eine Reaktion auf die inzwischen verheerende Berichterstattung über VW. Fünf Tage später saß das Präsidium des Aufsichtsrats zusammen. Damals fiel dort, im Machtzentrum des Aufsichtsrats, der Beschluss, dem gesamten Aufsichtsrat zu empfehlen, mein Rücktrittsangebot anzunehmen.
War Ihr Rücktritt ein Fehler?
Dass mein Rücktritt zu diesem Zeitpunkt ein Fehler war, erkannte ich erst Monate später. Während ich versucht hatte, damit Schaden von VW abzuwenden und den Ball möglichst flach zu halten, ist genau das Gegenteil eingetreten: Die Wellen schlugen erst richtig hoch.
Gerhard Schröders großer Reformer erscheint plötzlich in einem zweifelhaften Licht. Für Schröders Gegner war das wohl eine Steilvorlage.
Für mich entstand in diesen Monaten ein Strudel, der sich immer schneller drehte. Atemberaubend. Machtlos schwamm ich im Kreis und wurde immer weiter hinuntergezogen. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich in den vergangenen eineinhalb Jahren über die Zeit nach dem 15. Juni 2005 nachgedacht habe. Ich musste sie analysieren, um zu begreifen, was geschah, und um es irgendwann auch verarbeiten zu können.
Haben Sie die Antwort auf die Frage, warum Sie derart dramatisch abgestürzt sind, gefunden?
Ich bilde mir nicht ein, die ganze Wahrheit zu kennen. Aber in Teilen sehe ich jetzt sicher klarer als 2005. Mein Sturz und die Vernichtung meiner Person durch die Medien haben verschiedene Dimensionen, die die Eskalation um meine Person stark beförderten.
Die Höhe der Bezahlung eines Betriebsrats an sich wurde im Gerichtssaal nicht angesprochen oder in Frage gestellt; nur die Art und Weise, also die Geheimhaltung, die natürlich den Vorwurf der Untreue und Begünstigung sehr nahe legt. Sie haben ein enges Verhältnis zu Piëch. Kann es wirklich sein, dass der nichts, aber auch gar nichts von den Sonderboni an Volkert gewusst hat?
Die Sonderbonuszahlungen habe ich allein veranlasst. Ferdinand Piëch und Jens Neumann haben davon nichts gewusst. Ich habe daher gegen die Transparenzpflicht verstoßen und dadurch eine Untreue im Rechtssinn begangen, auch wenn ich letztlich im Interesse des Unternehmens gehandelt habe.
Die Sonderbonuszahlungen an Volkert beliefen sich in den späteren Jahren auf fast 300.000 Euro im Jahr. Haben weder Piëch noch einer Ihrer Vorstandskollegen je nachgefragt? Haben Sie die Sonderboni nicht ein einziges Mal gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden erwähnt?
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ich war es, der das veranlasst hat. Ich habe damit Kompetenzregeln verletzt, und ich muss dafür die Konsequenzen tragen.Allerdings glaube ich: Hätte ich damals den Vorstandsausschuss für Führungsfragen entscheiden lassen, wäre er wohl meinen Empfehlungen gefolgt.
Es fällt schwer, Ihnen hier zu folgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass außer Ihnen niemand etwas wusste. Hatten Sie Angst, Volkerts Kooperationsbereitschaft zu verlieren, und haben seinen Forderungen deshalb nachgegeben?#
Mein Verteidiger hat das sinngemäß für mich gesagt. Natürlich wollte ich unser Verhältnis nicht mit seiner Unzufriedenheit belasten. Ich wollte ihn im Boot halten. Das galt für Frau Barros genauso wie für die Sonderboni. Ich, auch der ganze Konzern waren auf seine Kooperationsbereitschaft angewiesen. Ohne den Betriebsrat lief vieles nicht bei VW. Und Volkert führte den Betriebsrat. Er hat eigentlich immer gefordert. Aber das wiederum ist auch das Merkmal der gewerkschaftstypischen Kommunikationsweise. Dieses Fordern ist immer da.
Anders gefragt: Glauben Sie, Volkert hätte sich quergestellt, wäre das Geld nicht geflossen?
Das ist eine spekulative Frage. Ich habe ihn auch deshalb gut bezahlt, weil er seit Jahren eine Belegschaft von 344.000 Leuten zusammenhielt. Wir brauchten ihn.
Sie hätten, sagten Staatsanwaltschaft und die Richter, die Vermögensbetreuungspflicht in besonders schwerwiegender Weise verletzt. Im Klartext: Sie sind mit dem Geld der Aktionäre umgegangen, als wäre es Ihr eigenes.
So wird es gesehen. Und so muss auch ich es heute sehen. In juristischer Sicht sind meine großen Verdienste hinsichtlich der Vermehrung des Aktienvermögens nicht gegen die von mir veranlassten Bonuszahlungen an Volkert aufzurechnen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Auch spielt im Hinblick auf die Untreue im strafrechtlichen Sinne keine Rolle, dass ich - wie das Gericht bestätigt hat - meine Handlungsweise als im wohlverstandenen Interesse der Volkswagen AG liegend interpretiert habe. Lassen Sie mich aber eines noch sagen: Es kann durchaus ein positiver Ansatz sein, mit fremdem Geld so umzugehen wie mit eigenem, da man eigentlich mit dem eigenen Geld sorgsam umzugehen pflegt. Gemessen am Ergebnis für das Unternehmen, vertreten nicht wenige die Meinung, dass mein Umgang mit fremdem Geld durchaus erfolgreich war.
Herr Hartz, für die Verständigung mit der Staatsanwaltschaft war ein glaubhaftes Geständnis die Voraussetzung. Sie mussten zugeben, vorsätzlich gehandelt zu haben. Und so haben Sie es Ihren Verteidiger vor Gericht auch sagen lassen. Wenn man Sie allerdings jetzt hört, muss man den Eindruck gewinnen, Sie nähmen für sich selbst in Anspruch, nur fahrlässig gehandelt zu haben.
Ich denke, die Grenzen zwischen Fahrlässigkeit und Vorsatz sind für einen Laien fließend, womöglich nicht für Juristen. Für die, seien es noch so bedachte Richter, exzellente Staatsanwälte oder brillante Strafverteidiger, muss es ab einem bestimmten Punkt Schwarz oder Weiß geben. Also Richtig oder Falsch, Gut oder Böse, Vorsatz oder Fahrlässigkeit. In meinem Handeln kann man die Vorsätzlichkeit sicherlich sehen.
Aber eines kann ich Ihnen sagen: Wenn ich damals einen juristischen Ratgeber gehabt hätte, der mir in dem Moment, in dem ich Volkert den ersten Sonderbonus habe überweisen lassen, auf die Schulter getippt und mir gesagt hätte, dass ich gerade gegen geltendes Recht verstoße, hätte ich sofort davon abgesehen.
Die Verständigung zwischen Ihnen und der Staatsanwaltschaft wurde schon im Vorfeld scharf kritisiert. Nach Ihrer Verurteilung ist es sogar zu einer grundsätzlichen Debatte über Verständigungen in Strafprozessen gekommen. Diese Verständigungen werden nicht umsonst als „Deals“ bezeichnet. Man gibt etwas und bekommt etwas. Was haben Sie gegeben?
Ich habe ein glaubhaftes Geständnis abgelegt und damit das Verfahren verkürzt - zwei Sachverhalte, die ganz wichtige strafmildernde Umstände darstellen.
In der Öffentlichkeit wurde das Urteil als zu milde angesehen.
Milde? Ich selbst habe dazu meine eigene Meinung. Ich habe die Strafe akzeptiert, sonst hätte ich Rechtsmittel eingelegt. Insofern erübrigt sich meinerseits eine öffentliche Betrachtung darüber, ob ich mich „gerecht“ behandelt fühle. Die Staatsanwältin und auch die Richterin haben zu meinen Gunsten gelten lassen, dass ich mit meinem Geständnis zur Aufklärung der Sachverhalte beigetragen habe und bis dahin, wie die Staatsanwältin sagte, eine „lupenreine Weste“ hatte.
Sie haben auch gelten lassen, dass ich dem Treiben im Jahr 2004 selbst einen Riegel vorschob. Wichtiger aber war noch: Ich habe mich nicht selbst bereichert. „Kein Cent floss in seine eigene Tasche“, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Und auch die Vorsitzende Richterin hat das noch einmal bestätigt. Dies muss und will ich zu meiner Ehrenrettung hier einfach noch einmal anbringen.
Im Januar 2007 wurde Ihnen an zwei Verhandlungstagen der Prozess gemacht. Wie haben Sie diese Tage im Braunschweiger Landgericht erlebt?
Ich hatte mir vorgenommen, dort als aufrechter Mann hineinzugehen, als jemand, der zu den Fehlern steht, die er begangen hat. Deswegen habe ich das Gericht an beiden Tagen durch den Haupteingang betreten. Ich habe mir vorgenommen, dass ich diese Termine so professionell, wie es eben geht, hinter mich bringe.
Was ist im Moment der Urteilsverkündung in Ihnen vorgegangen?
Als die Richter in ihren schwarzen Talaren einzogen, herrschte Totenstille. Alle schauten auf die Vorsitzende Richterin. Auch wenn man weiß, was in etwa auf einen zukommt, stockt einem doch der Atem. Sie hob an und sprach mit sehr leiser Stimme, absolut geschäftsmäßig: „Im Namen des Volkes“ - allein diese vier Worte haben mich in dem Moment ins Mark getroffen.
Fühlen Sie sich gerecht bestraft?
Darüber habe ich auch sehr viel nachgedacht. Die professionelle Einschätzung, die mein Verteidiger von der deutschen Strafjustiz hat, hat nicht getrogen. Aber das Strafpaket des Peter Hartz ist ja ein anderes als das Strafmaß, das mir die Strafkammer zugemessen hat. Mein Strafpaket enthält zum einen jene zwei Jahre Freiheitsentzug auf Bewährung und 576.000 Euro Geldstrafe, zu denen mich das Gericht verurteilt hat.
Dieses Strafmaß wird eingepackt, verstärkt und potenziert durch den Boulevard, durch die politischen Medien, durch die intellektuellen Medien. Zu der Strafe des Gerichts kommt für mich die endgültige Vernichtung meiner Person durch die Medien hinzu.
Sie haben mich beschimpft, verunglimpft, lächerlich gemacht, verhöhnt. Der vollständige Rufmord ist gelungen. Das geht so weit, dass seriöse Zeitungen immer noch behaupten, ich hätte mich an Volkswagen bereichert, obwohl Staatsanwaltschaft und Gericht ausdrücklich betont haben, dass ich genau das nicht getan habe.
Dazu muss ich auch noch eine politische Strafe schultern. „Hartz IV“, dieses den Menschen so verhasste Gesetz, ist unverrückbar mit meiner Person verbunden. Da können sich die Politiker noch so sehr um eine Umbenennung bemühen. Hinzu kommen noch finanzielle Belastungen, die weit über die Geldstrafe hinausgehen.
Hatten Sie über die Jahre überhaupt kein schlechtes Gewissen?
Das ist eine gute Frage. Es ist immer einmal wieder aufgeflackert. Ich habe es wohl weggeschoben. Vielleicht aber hatte ich auch viel zu wenig Zeit, über all das immerzu nachzudenken.
Unbelehrbar und uneinsichtig, der Herr Hartz!
Hartmut Schliefkowitz (Kapau2007)
- 26.03.2007, 19:23 Uhr
Die Vergesslichen! 1001ter Teil:
Hartmut Schliefkowitz (Kapau2007)
- 26.03.2007, 19:34 Uhr
Nie vorschnell urteilen
Werner Theis (WernerTheis)
- 26.03.2007, 20:46 Uhr
Systemimmanent
Werner Kuemmerle (wkuemmerle)
- 26.03.2007, 21:54 Uhr
Zutreffend?
Martin Stuermer (MartinIIIII)
- 26.03.2007, 22:34 Uhr
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