http://www.faz.net/-gqe-u64i

Peter Hartz vor Gericht : Geld, Macht, Sex

Hat immer an sich geglaubt: Peter Hartz Bild: ddp

Vom System VW sollten alle profitieren: Arbeitnehmer, Konzern und natürlich auch der Personalvorstand mit Getreuen. Der Träumer Hartz hat immer an eine Welt geglaubt, in der alle gewinnen. In dieser Woche muss er sich vor Gericht verantworten.

          Alle sollten Sieger sein. Die Gegensätze zwischen oben und unten sollten verschwinden. Win-Win-Situationen wollten sie schaffen. Den Klassenkampf alt und überholt aussehen lassen: Klaus Volkert, der Gewerkschafter und Co-Manager. Peter Hartz, der Manager und Gewerkschafter. IG-Metall-Mitglieder sind sie beide. Abends prosteten sie sich zu, am nächsten Morgen spielten sie Tarifkonflikt.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Versöhnung von Arbeit und Kapital haben sie bei Volkswagen so weit getrieben, dass es nun zu einem Gerichtsprozess kommt. Am Mittwoch geht es los. 63 Seiten Anklageschrift, auf denen Peter Hartz 44 Fälle von Untreue und Begünstigungen des Betriebsrates vorgeworfen werden. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. 2,6 Millionen Euro soll der Schaden betragen haben, den Hartz seinem Unternehmen zugefügt hat. So viel Firmengeld soll der VW-Personalchef für Luxusreisen, Sonderboni und Ausflüge seiner Betriebsräte in die Rotlichtviertel der Welt springen lassen haben. Bisweilen kam er selbst auch mit.

          Immer bei den Siegern

          Ins Gefängnis wird der ehemalige Personalvorstand wahrscheinlich nicht wandern. Alle rechnen mit einer Bewährungsstrafe, nachdem Hartz vor Staatsanwälten ausgesagt und zumindest die finanzielle Verantwortung für den VW-Skandal übernommen hat.

          Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen: Hartz und Volkert

          Jahrelang sah es so aus, als ginge die Rechnung auf. Das System VW hat funktioniert. Hartz wie Volkert, beide Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen (siehe auch Peter Hartz: Vom Arbeiterkind zum Missionar), waren immer bei den Siegern. „Ich war ja einer, der gern über den roten Teppich mitgelaufen ist“, sagt Volkert. Hartz hätte es für sich nicht besser sagen können.

          In seinen ehrlichsten Momenten hat Hartz sich selbst in die Rolle eines Diktators verliebt. „Und es träumt mir, ich sei Alleinherrscher“, verriet er Mitte Oktober 2005 der „Zeit“. Wenige Tage vorher hatte die Staatsanwaltschaft zum ersten Mal sein Arbeitszimmer durchsuchen lassen. Hartz ist stolz auf seinen Traum. Und es ist ihm sehr ernst. Denn er ist selbstverständlich ein „wunderbarer, liebevoller, sympathischer Alleinherrscher, wie ihn die Weltgeschichte bisher noch nicht gekannt hat und der für sein Volk nur das Beste will“. Nach der Pfeife eines so wunderbaren Mannes zu tanzen muss richtig lustvoll sein.

          Wortschöpfer in der Nachfolge Jacob Grimms

          Geld, Allmacht, Sex. Alles stimmte. Auch der Ruf war erstklassig. Der gelernte Industriekaufmann Hartz wurde in seiner Heimat, dem Saarland, zum Professor ehrenhalber gemacht, in Würdigung seiner Verdienste um die Wirtschaft, wie Ministerpräsident Peter Müller sagte, „insbesondere für die Entwicklung innovativer Instrumente der Personalpolitik“. Was mit Blick auf die Akten im Rückblick fast obszön klingt.

          „Hartz eins zu eins umsetzen“, schmetterte Kanzler Gerhard Schröder im November 2002. Im Französischen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt wurde das Abschlussdokument der nach Hartz benannten Kommission weihevoll dem Kanzler übergeben. Damals war der Mann seinem Traum von der Allmacht ziemlich nahe gekommen. Als Reformator hatte er die rot-grüne Regierung aus der Krise gerettet. Als Wortschöpfer (“Job-Floater“, „Ich-AGs“, „Viertagewoche“) sah er sich in der Nachfolge Jacob Grimms: Schöpfer der „größten Sozialreform Deutschlands“. Und alles nur für das wahre Gute. Denn im Herbst 2005 sollte die Arbeitslosigkeit in Deutschland halbiert sein.

          Versöhnung von Kapital und Arbeit

          Hartz und Schröder. Da haben Wirtschaft und Politik zusammengefunden. Eine Versöhnung der Gegensätze zum Wohle aller Bürger. Ganz so wie Hartz und Volkert bei VW nichts als das Wohl ihrer Belegschaft im Sinne hatten. Jedes Jahr im April verhandelten die beiden die Boni für die leitenden Angestellten. Über das Geld für Freund Volkert entschied Hartz allein. Der Personalvorstand hat einen Betrag vorgeschlagen, Volkert stimmte zu. „Klaus, wenn du nicht im Betriebsrat wärst, dann wärst du bei uns im Top-Management“, soll Hartz gesagt haben.

          Weitere Themen

          Glut gemacht Video-Seite öffnen

          Glasmanufaktur Lasvit : Glut gemacht

          Böhmische Glasmanufakturen steckten lange in der Krise. Leon Jakimič hat vor zehn Jahren den Neuanfang gewagt. Eines seiner Erfolgsrezepte: Für Lasvit entwerfen namhafte Designer aus aller Welt.

          Topmeldungen

          Omarosa vs. Trump : Job gegen Schweigen?

          Das Trump-Team habe ihr einen hoch dotierten Job angeboten, um sie zum Schweigen zu bringen, behauptet Trumps frühere Mitarbeiterin Manigault Newman in einem Buch. Jetzt hat sie einen Mitschnitt veröffentlicht, der das zu belegen scheint.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.