27.10.2004 · VW-Personalvorstand Hartz hat kurz vor der letzten Runde der Tarifverhandlungen mit „massivem Personalabbau“ gedroht, sollten die Arbeitskosten nicht deutlich gesenkt werden - F.A.Z.-Interview.
Wenn es Volkswagen in den Verhandlungen über einen neuen Haustarifvertrag nicht gelingt, die Arbeitskosten drastisch zu senken, droht ein massiver Personalabbau. "Wenn wir unser Kostenkonzept nicht durchsetzen, wird unser Beschäftigungsvolumen in Deutschland in den nächsten Jahren dramatisch schrumpfen", sagte VW-Personalvorstand in einem Gespräch mit dieser Zeitung. An diesem Donnerstag gehen die Tarifverhandlungen in die letzte Runde. Eine Einigung ist jedoch nicht zu erwarten, nachdem sich die Fronten zwischen IG Metall und VW in der vergangenen Woche verhärtet hatten. Für Anfang nächster Woche hat die IG Metall bereits Warnstreiks angedroht.
Herr Hartz, bei Opel sollen 10.000 Stellen gestrichen werden. Wieviele Arbeitsplätze stehen bei VW auf dem Spiel, wenn die Gewerkschaft den von Ihnen geplanten Kostenabbau verhindert?
Zahlenspiele werden dem Ernst der Lage nicht gerecht. Tatsache ist: Wenn wir unser Kostenkonzept nicht durchsetzen, wird unser Beschäftigungsvolumen in Deutschland in den nächsten Jahren dramatisch schrumpfen. Das wäre sehr bitter. Denn wir wollen mit den Tarifverhandlungen unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit die Volkswagen-Arbeitsplätze in Deutschland sichern.
Die Fronten sind offenkundig sehr verhärtet. Wird es nach der letzten Verhandlungsrunde am Donnerstag schon bald zum ersten großen Streik in der Geschichte von Volkswagen kommen?
Wir setzen auf Verhandlungen und appellieren an die IG Metall, Streiks zu unterlassen. Streiks sind nicht zielführend. Und Streiks hat unsere Unternehmenspolitik absolut nicht verdient. Schließlich lautet unser Ziel, nicht nur die 103 000 Arbeitsplätze in den sechs westdeutschen Werken, sondern möglichst alle 176 000 Konzernarbeitsplätze in Deutschland zu halten. Wir streben zum Beispiel an, den geplanten Golf-Geländewagen in Wolfsburg zu bauen. Das würde allein 3000 Arbeitsplätze sichern. Das erfordert allerdings Zugeständnisse bei den Kosten. Die Personalkosten für jedes dieser Fahrzeuge liegen heute in Wolfsburg rund 1800 Euro über denen im internen Wettbewerb.
Also was glauben Sie: Kommt es zu einem echten Arbeitskampf?
Wir hoffen, daß es nicht dazu kommt. Die Entscheidung trifft am Ende die IG Metall. Aber es wäre ein verheerendes Signal, wenn es trotz unseres Angebots zu Streiks käme. Was das bedeuten würde für die Beschäftigungsbilanz in Deutschland, ist absehbar. Wir müßten dann bei unseren Investitionsentscheidungen die Richtung ändern. Wir haben allein in Wolfsburg seit 1996 mit innovativen Arbeitsmarktkonzepten rund 23 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse geschaffen. Bei einem Streik müßten wir diese Beschäftigungspolitik beenden.
Wollen Sie sich auch unter Inkaufnahme hoher Streikkosten durchsetzen?
Die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist bei einem Streik nicht mehr gewährleistet. Aber nochmal: Die Entscheidung über einen Arbeitskampf liegt nicht bei uns. Wir sind dazu gezwungen, unsere Kosten in Ordnung zu bringen und haben dazu ein Sieben-Punkte-Programm vorgelegt. Das werden wir umsetzen.
Was würde VW ein echter Arbeitskampf kosten?
Ein Arbeitskampf wäre sehr teuer. Nach wenigen Tagen stünde der Konzern still.
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hat kürzlich gesagt, VW drohe das gleiche Schicksal wie Opel, wenn die strukturellen Kostennachteile nicht beseitigt würden. Sehen Sie das auch so?
Wir haben ein dramatisches Kostenproblem an den deutschen Standorten, weil die Marktlage sich geändert hat. Wir produzieren tolle Produkte. Aber die Kunden geben heute nicht mehr so viel Geld aus. Also brauchen wir neue Konzepte, und die Kosten müssen in allen Bereichen runter. Beim Personal bezahlen wir heute bei VW 20 Prozent mehr, als es gemäß Flächentarifvertrag nötig wäre und 11 Prozent mehr als unsere Wettbewerber. Das können wir uns nicht mehr leisten.
Sie sind seit zwölf Jahren Personalvorstand bei VW. Sind Sie damit nicht hauptverantwortlich für dieses "dramatische Kostenproblem"?
Ich sehe das so: So lange es uns gut ging, haben wir die Belegschaft am Erfolg beteiligt. Schließlich wurden diese Lohnkonditionen hier auch erwirtschaftet. Doch nun ändert sich diese Zeit, und wir müssen den Gürtel enger schnallen. Wir müssen unsere Arbeitskosten binnen sechs Jahren um 2 Milliarden Euro senken. Das heißt logischerweise, daß wir den deutschen Standorten keinen Cent zusätzliche Kosten aufbürden können; weder bei den Personalkosten noch sonstwo. Aber wir wollen die Mitarbeiter ja am Unternehmenserfolg beteiligen. Dies in einem Tarifvertrag festzulegen, wäre ein großer innovativer Schritt, der zukunftsweisend für die Tarifpolitik in Hochkostenländern wäre.
Zahlt VW nicht heute die Rechnung für den langjährigen Schmusekurs mit Gewerkschaft und Betriebsrat?
Ich bin jetzt zwölf Jahre im Hause. Geschmust habe ich immer nur mit meiner Frau. Aber im Ernst: Daß wir eine so gute Kultur haben und auf eine Art Co-Management mit dem Betriebsrat setzen können, liegt an der Qualität der Mitbestimmung, die in der Vergangenheit maßgeblich zu unserem Erfolg beigetragen hat.
VW leidet genau wie Opel unter Überkapazitäten. Drohen bei Ihnen auch Werksschließungen?
Werksschließungen sind bei uns kein Thema. Wir haben zwar auch Überkapazitäten. Aber über die geforderte Flexibilität auf der einen und die geplanten Vorruhestandsprogramme auf der anderen Seite können wir dies steuern. Mit neuen Investitionen, wenn sie sich denn hier rechnen, haben wir auch eine Chance, das Problem zu lösen. Diese Maßnahmen sind in den sieben Tarifthemen enthalten.
Betriebsratschef Klaus Volkert macht Managementfehler für die Schieflage bei VW verantwortlich. Er moniert Fehler in der Modellpolitik, ausufernde Kosten bei Produktionsanläufen, mangelnde Effizienz in der Vertriebslogistik und insgesamt einen zu langsame Gangart bei der Verringerung der Prozeßkosten. Was sagen Sie dazu?
Jeder hat seine Sicht der Dinge. Klar ist: Wer nichts macht, der macht auch keine Fehler. Wer zum Beispiel eine "Luxusstrategie" bei Volkswagen pauschal kritisiert, der muss mir mal die Warteliste beim 10-Zylinder-Touareg erklären. Oder bei Bentley. Der Continental GT ist bis Ende nächsten Jahres ausverkauft. Wenn alle Werke so gut ausgelastet wären, wie die von Bentley, hätten wir keine Probleme.
Sie wollen die Arbeitskosten bis 2011 um 2 Milliarden Euro senken. Wieviel davon soll mit Hilfe dieser Tarifrunde besiegelt werden?
Wir müssen die Hälfte dieses Betrages in dieser Tarifrunde einfahren.
Ist das nicht eigentlich zu wenig, wenn man sieht, daß Wettbewerber wie Opel oder Ford ihrerseits ihre Kosten deutlich senken?
Nein, das ist ein realistischer Plan, bei dem die Resultate aber auch kommen müssen. Und bevor wir den Beitrag der Mitarbeiter zur Kostensenkung gefordert haben, haben wir mit "ForMotion" ein umfassendes Restrukturierungsprogramm aufgelegt, mit dem wir bis Ende 2005 insgesamt - inklusive laufender Programme - 4 Milliarden Euro einsparen werden.
Stehen hier übergeordnete gewerkschaftspolitische Ziele, die mit VW streng genommen nichts zu tun haben, einer Einigung im Wege?
Die IG Metall muss sich fragen, ob sie einen Konzern, der 176 400 Arbeitsplätze in Deutschland halten will, mit Streiks bestrafen will. Wir wundern uns in der Tat über den harten Widerstand.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.369,49 | −1,77% |
| Dow Jones | 12.427,60 | −1,22% |
| EUR/USD | 1,2389 | −0,80% |
| Rohöl Brent Crude | 103,55 $ | −3,09% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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