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Veröffentlicht: 19.03.2017, 22:12 Uhr

Deutsche Krankenhäuser So wenig Kontakt zum Patienten wie möglich

In unseren Kliniken stehen viele teure Computer. Aber wenn nachts die Patienten vor Schmerz wimmern, hilft keiner. Ein Leidensbericht.

von Maria Frisé
© Junker, Patrick Im Neubau der Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg: Das Krankenhaus verspricht auf seiner Internetseite „modernste Medizin auf höchstem Qualitätsniveau“.

Drei Wochen habe ich nach einem komplizierten Beinbruch in einem der modernsten Krankenhäuser des Landes gelegen. Fast 500 Betten haben die Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg, das Schmuckstück ist ein vor drei Jahren in Betrieb genommener Neubau am Stadtrand. Das imposante Gebäude könnte auf den ersten Blick auch ein Vier-Sterne-Hotel sein. Die liebenswürdigen, auskunftsbereiten Hostessen im fast schon luxuriösen Foyer bestärken den Eindruck. Der Anspruch des wohlhabendes Landkreises, der die Trägerschaft übernommen hat, ist deutlich sichtbar. Hier wurde nicht gespart.

Zugegeben, ich habe meine Erfahrungen dort zum vermutlich ungünstigsten Zeitpunkt des Jahres gesammelt: zwischen Weihnachten und Neujahr und darüber hinaus. Am 23. Dezember gegen 17 Uhr eröffnete mir ein netter Chirurg auf dem Flur vor der Kardiologie, er wolle mich gleich noch vor den Feiertagen operieren. Dauer ungefähr drei Stunden. Ich habe ihn nie wiedergesehen und konnte ihm nur schriftlich danken für die kunstvolle Konstruktion, mit der er meinen Oberschenkel von der Hüfte bis zum Knie stabilisiert hat.

Gesundheitswesen als Ganzes aus dem Blick verloren

Manche Krankenhäuser werben heute mit dem Versprechen, dass Patienten bei ihnen keine oder kaum Schmerzen leiden müssen. Für viele ist das selbstverständlich. In den Hochtaunus-Kliniken jedoch fand man für Morphin, das ich nicht vertrug, offenbar keinen Ersatz. Wortlos und ungerührt von meinem stundenlangen Wimmern schloss die bildschöne Nachtschwester aus Eritrea die Tür, nachdem sie mir verärgert erklärt hatte, sie habe nur die Anweisung, mir das Präparat Novalgin zu geben. Sie weigerte sich, den diensthabenden Arzt zu rufen. Was hätte geschehen können, wenn etwas Lebensbedrohendes die Ursache für meine Schmerzen gewesen wäre? Dieses einzige Mal habe ich mich beschwert. Drei Wochen lang gelang es den Ärzten nicht, meine wiederkehrenden Schmerzattacken zu beherrschen, die in einer Art Ohnmacht endeten und dazu führten, dass ich auch am nächsten Tag nichts essen konnte.

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Vielleicht war ich ja nur aus Versehen auf der falschen Station gelandet, auf K2 Ost, der Geriatrie, die hier einen besonders guten Ruf hat wegen ihrer Kompetenz und besten Ausstattung in Sachen Rehabilitation. Für mich, die ich nach der Operation möglichst bewegungslos auf dem Rücken liegen sollte, war all das zu diesem Zeitpunkt nicht optimal. Ich war nur noch eine Nummer, ein Fall, ausgeliefert einem Dutzend und mehr Hilfskräften, von denen sich keine für mich, so schien es mir, verantwortlich fühlte.

Das dürfte überhaupt zu den Grundfehlern der Organisation eines modernen Krankenhauses gehören: das mangelnde Miteinander der einzelnen Bereiche. Krankenpflege und ärztliche Betreuung, haben die außer der gegenseitigen Information über den Computer überhaupt noch etwas miteinander zu tun? Die Vergrößerung der Stationen – statt 20 Betten, wie früher üblich, sind es in dieser modernen Klinik mehr als doppelt so viele – fördert auch eher die Anonymität als den erstrebten Teamgeist. Hochleistungsmedizin mit Hilfe von teuren Geräten und kompetenten Ärzten ist ja nicht alles, was ein Patient erwartet – und was er braucht. Die alten Werte der Caritas, wer wagt noch sie einzufordern? Die Gesundheitsreformen der jüngsten Zeit haben immer nur ausschnittsweise Veränderungen bewirkt. Es scheint, als habe man darüber das Gesundheitswesen als Ganzes aus dem Blick verloren.

„In fünf Tagen ist bei uns Schluss für Sie“

Den freundlichen, aber wortkargen Chefarzt der Geriatrie habe ich immerhin bei seinen Visiten etwas kennengelernt. Er unterscheidet sich deutlich von den Chefs alter Schule, die mit großem Gefolge um das Bett des Patienten herumstanden und sich berichten ließen. Mein Chefarzt blieb jedes Mal an der Tür stehen, verschanzt hinter seinem brusthohen Rollwagen, auf dem der Computer thronte. Mit dem Gerät stand der Arzt auf Kriegsfuß, er wollte bei der Bedienung des Rechners keinesfalls durch meine Fragen gestört werden. Ein kurzes Aufatmen, wenn die Kommunikation mit dem störrischen Computer endlich gelungen war, die richtige Patientenkartei gefunden und vielleicht auch noch erste Ergebnisse aus dem Labor vorlagen. Und schon war die für eine Visite vorgesehene Zeit um. Dass dieser Arzt die Minuten fressende Technik hasste, war ihm anzumerken.

Als „Lehrkrankenhaus“ firmieren die Hochtaunus-Kliniken. Gelehrt wurde möglicherweise am Computer auf dem Flur, aber bestimmt nicht am Krankenbett. Wie es überhaupt ein Prinzip zu sein schien, so wenig Kontakt wie möglich zum Patienten entstehen zu lassen. Wechselnde Assistenzärzte und deren Vertreter schneiten eilig herein, auch sie fast ausschließlich mit der Dokumentation beschäftigt. Einen Blickkontakt mit dem Patienten hielt nicht einmal die Stationsärztin für nötig. Fragen waren ihr lästig. Mein schüchterne Bitte um Auskunft („Was wird jetzt mit mir? Wie geht es weiter?“) fand sie eine Zumutung. „In fünf Tagen ist bei uns Schluss für Sie“, wurde ich abgewiesen. Was danach komme, gehe sie nichts an.

Keine Zeit zum Zähneputzen

Ich war offenbar schon unter der Rubrik „unerwünscht langer Aufenthalt“ eingeordnet. Bezahlt werden die Krankenhäuser schließlich nicht mehr dafür, dass sie ihre Patienten so lange behandeln, wie es jeweils nötig ist. Sondern nach sogenannten Fallpauschalen. Belegt ein Patient länger als danach vorgesehen ein Bett, leidet das Geschäft.

Es gab während meiner Wochen in den Hochtaunuskliniken auch Tage, an denen ich überhaupt keinen Arzt zu Gesicht bekam. So konnte es passieren, dass der aus seinem kurzen Weihnachtsurlaub zurückgekehrte Chef den vergessenen Verbandwechsel selbst machen musste und außerdem mit einer Blutprobe feststellte, dass mein Hämoglobin-Wert inzwischen im Keller war, von zwölf auf sechs gesunken. Vier Bluttransfusionen weckten meine Lebensgeister wieder.

Noch nie habe ich es mit so vielen verdrossenen, enttäuschten, überanstrengten Menschen zu tun gehabt wie auf der Station K2 Ost. Im Eilschritt hasteten sie auf den langen, breiten Gänge von einem Zimmer, von einem roten Alarmknopf zum nächsten. Eine Laufleistung von zehn Kilometern täglich scheint in dieser Klinik für die Beschäftigten die Norm zu sein. Ich habe mich bemüht, die Strecke nicht noch durch meine Notrufe zu verlängern. Anfangs mussten mir die gehetzten Krankenschwestern allerdings beim morgendlichen Waschen helfen. Das heißt, am Wochenende fiel das Waschen einfach aus. Und abends erhielt ich, wenn ich Glück hatte, auf mein inständiges Bitten einen nassen Waschlappen für das Gesicht. Zähneputzen war nicht vorgesehen: keine Zeit.

„Trotzdem stehen wir in der Krankenhaushierarchie ganz unten“

Dass Sauberkeit Ansichtssache ist, lernte ich bald. Mit faszinierender Ruhe zog die korpulente afrikanische Putzfrau jeden Morgen mit dem Wischmopp feuchte Schneckenspuren durch mein Zimmer und wechselte anschließend ebenso im Zeitlupentempo den Lappen. Bücken gehörte nicht zu ihrer Auffassung von Raumpflege. So blieben die beiden getrockneten Bananenscheiben, die mir heruntergefallen waren, zwei Wochen unter meinem Bett liegen, genauso wie mein roter rechter Strumpf.

Einmal besuchte mich die Tochter einer Freundin im Krankenhaus. Sie ist seit 35 Jahren Krankenschwester in einer Unfallklinik. Das bedeutet: Stress ohne Ende. „Trotzdem stehen wir in der Krankenhaushierarchie ganz unten“, klagte sie. „Wir werden alle bis zur Erschöpfung ausgenützt. Wenn gespart werden muss, fallen als Erstes bei uns Stellen weg, nie in der Verwaltung. Die wuchert weiter, und dort verdient man mehr.“ Nicht der niedrige Lohn sei der Hauptgrund für die verbreitete Unzufriedenheit unter den Pflegekräften, sondern die Geringschätzung ihrer Arbeit. Und besonders ältere Pflegekräfte litten darunter, dass sie ihren Beruf nicht mehr so ausüben können, wie sie es einst gewohnt waren. Alles, was einen Kontakt zum Patienten entstehen lässt, Pflege eben, sei bis auf das Notwendigste gestrichen, klagte eine Krankenschwester. Keine Zeit, nicht einmal zum Trösten, das manche Patienten dringend brauchen.

Mit klaffender Wunde am Hinterkopf

Die Einzigen auf dem Stockwerk, die nicht unter Zeitdruck zu arbeiten scheinen, sind die meist freundlichen, jungen Therapeutinnen in ihren grünen Kitteln. Ihnen ist noch nicht einmal ihr Mut machendes Lächeln vergangen. Sie haben mir Sitzen und Stehen beigebracht, wenige Tage bevor ich entlassen wurde. Die in der „Fallpauschale“ vorgesehene Verweildauer hatte ich längst überschritten.

Ich habe mich bei meinen Freunden umgehört, in der Hoffnung auf positive Erfahrungsberichte aus dieser noch wie neu glitzernden Klinik, auf die man im Landratsamt so stolz ist. Doch, es gibt sie, von meiner und vermutlich auch von anderen Stationen. Die Ärzte seien gut, haben mir einige Freunde versichert. Und im Pflegenotstand befänden sich eben alle deutschen Krankenhäuser. Zehntausende Pflegekräfte fehlten in Deutschland, der Arbeitsmarkt sei leer. Die Hochtaunus-Kliniken suchen jetzt unter Flüchtlingen für die Pflege geeignete, um sie selbst auszubilden. Das dauert mindestens drei Jahre.

Aber dann hörte ich auch von haarsträubenden Erfahrungen in der Notaufnahme, die mit Anfangsschwierigkeiten nicht zu entschuldigen sind. Zum Beispiel von einem Mädchen, das bei Glatteis mit dem Rad gestürzt war und mit klaffender Wunde am Hinterkopf und deutlichen Anzeichen einer Gehirnerschütterung Hilfe brauchte. „Kommen Sie bloß nicht heute“, sei die Mutter, die ihre Tochter anmelden wollte, abgewiesen worden. Mehrere Krankenwagen mit unversorgten Patienten stünden vor der Tür, sämtliche Stühle im Warteraum seien besetzt. Am nächsten Morgen sei die Situation kaum besser gewesen. Zwar sei die Wunde der Tochter nach langem Warten genäht worden. Für eine gründliche Untersuchung sei jedoch keine Zeit, hieß es, und im Übrigen könne die Assistenzärztin auch keine Überweisung an weitere diagnostischen Abteilungen veranlassen. Kurz mit der Taschenlampe in die Augen leuchten, das sei es gewesen.

Die Vermeidung roter Zahlen

Ein anderer Fall, der sich während meines Krankenhausaufenthalts ereignete, war noch erschreckender: Eine alte Dame wurde mit einem Beckenbruch eingeliefert, operiert und nach der Fallpauschalen-Regelung trotz immer noch nässender Wunde nach Hause entlassen. Nach einigen Tagen ließ sich die Patientin wieder in die Klinik zurückbringen, weil der Zustand ihrer Wunde sich erheblich verschlechtert hatte. Doch sie wurde nur neu verbunden und mit der Ermunterung „Das wird schon wieder“ zurückgeschickt. Ihr Sohn, Arzt in einer 200 Kilometer entfernten Stadt, fand sie zu Hause mit hohem Fieber vor. Er ließ sofort einen Krankenwagen kommen und brachte sie in seiner Klinik unter.

Unglückliche Zufälle, wie sie überall und immer wieder vorkommen? Oder doch Symptome für eine Medizin, die sich auf dem falschen Weg befindet? Ärzte und Pflegekräfte werden mit umständlicher und zeitraubender Dokumentation belastet, Stationen werden vergrößert und zusammengelegt. Fast jedes mittlere Krankenhaus verfügt heute über teuerste Geräte, dafür fehlt an anderer Stelle Geld. Oberstes Gebot der Verwaltung ist es, rote Zahlen zu vermeiden. Die Ärzte haben, so scheint es, immer weniger zu sagen. Die Taunus-Kliniken hätten ein gut ausgestattetes Modell, ein Vorbild werden können, so modern, wie sie sind. Aber wenn Zahlen das Wichtigste im Gesundheitswesen sind, geht anderes verloren.

Maria Frisé war bis 1990 Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

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