25.02.2010 · In einer mehr als dreistündigen Anhörung vor dem amerikanischen Kongress hat sich Toyota-Chef Akio Toyoda für Sicherheitsmängel seiner Autos entschuldigt. Toyoda räumte Fehler bei der Qualitätssicherung seines Konzerns ein, für die er die „volle Verantwortung“ übernehme.
Von Roland Lindner und Carsten GermisDer Toyota-Vorstandsvorsitzende Akio Toyoda hat am Mittwoch bei einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongress schonungslos Bilanz in der Rückrufaffäre beim von ihm geführten japanischen Autohersteller Toyota gezogen. Toyoda übernahm die Verantwortung für die aufgetretenen Defekte und entschuldigte sich für Unfälle, an denen Toyota-Fahrer beteiligt waren. In Amerika werden nach Angaben der Regierung 34 Unfalltote mit unbeabsichtigter Beschleunigung der Autos von Toyota in Verbindung gebracht. Toyota macht rutschende Fußmatten und klemmende Gaspedale für das Gasgeben verantwortlich und hat weltweit mehr als 8 Millionen Autos zurückgerufen. Akio Toyoda gab nun zu, dass Toyota bei seiner raschen Expansion Sicherheit und Qualität seiner Fahrzeuge als oberste Ziele aus den Augen verloren habe, und versprach eine verbesserte Qualitätskontrolle. „Mein Name ist auf jedem Auto. Sie haben meine persönliche Zusage, dass Toyota energisch und unaufhörlich daran arbeiten wird, das Vertrauen unserer Kunden zurückzugewinnen.“
Toyota stehe am Scheideweg, sagte Toyoda bei einem Empfang nach seiner Anhörung vor dem Kongress vor Toyota-Arbeitern und -Verkäufern unter Tränen. „Wir müssen alles in unserer Firma überdenken“, kündigte er ein radikales Umdenken an. Er bereue, dass er sich nicht schneller eingeschaltet habe, nachdem die Probleme bekannt wurden. Er werde künftig auch selbst das Gespräch mit Kunden suchen, kündigte er in einem CNN-Interview an.
Der Auftritt Toyodas vor den amerikanischen Abgeordneten war mit Spannung erwartet worden. Der Enkel des Firmengründers hatte noch vor einer Woche strikt abgelehnt, persönlich nach Washington zu reisen, sich dann aber doch dem Druck aus Amerika gebeugt. Toyoda führte die überhöhte Expansionsgeschwindigkeit seines Unternehmens, das vor zwei Jahren den amerikanischen Wettbewerber General Motors als weltgrößten Autohersteller abgelöst hat, als einen Grund für die Rückrufe an: „Offen gestanden fürchte ich, das Tempo, mit dem wir gewachsen sind, war zu hoch.“ Toyota habe traditionell die Prioritäten Sicherheit vor Qualität vor Stückzahlen gehabt, aber „diese Prioritäten sind durcheinandergekommen“. Es sei auch ein Fehler gewesen, Entscheidungen über Rückrufe zentral von Japan aus zu steuern. Die einzelnen Regionen sollen künftig mehr Entscheidungsgewalt bekommen, zudem wolle Toyota einen Qualitätsausschuss einrichten, in dem außenstehende Experten aus Nordamerika und anderen Ländern vertreten sein sollen.
Scharfe Angriffe der Abgeordneten
Die Kongressabgeordneten schonten Toyoda und den ebenso vertretenen Amerika-Chef Yoshimi Inaba bei der Anhörung nicht und griffen die Manager zum Teil scharf an. Paul Kanjorski, ein Abgeordneter aus Pennsylvania, sagte, Toyota habe das Vertrauen der Amerikaner in japanische Qualität erschüttert, und er hoffe darauf, dass das amerikanische Rechtssystem dafür sorge, dass die von den Defekten Betroffenen entschädigt werden.
Toyoda entschuldigte sich für alle Unfälle von Toyota-Fahrern, und er sprach speziell den Angehörigen der vier Todesopfer sein Beileid aus, die in einen Unfall in San Diego im August 2009 verwickelt waren. Dieser Unfall hat in Amerika besonders viel Aufmerksamkeit erfahren, weil der Notruf eines der Fahrzeuginsassen veröffentlicht wurde. Als eine der Rednerinnen bei der Anhörung war im Laufe des Tages eine Angehörige dieser Opfer vorgesehen. Sie hat zwei Kinder, eine Enkelin und einen Schwiegersohn verloren. Schon bei der Anhörung am Tag zuvor vor einem separaten Ausschuss des Kongresses spielte die Perspektive von Betroffenen eine große Rolle. Eine Toyota-Fahrerin berichtete unter Tränen von ihrem „Nahtoderlebnis“, als ihr Lexus bei einer Fahrt vor drei Jahren beschleunigte und sie ihn erst nach zehn Kilometern rasender Fahrt habe unter Kontrolle bringen können.
Bei dieser Anhörung wurde Toyota vom amerikanischen Vertriebschef James Lentz vertreten. Lentz wich hier von seiner vormals kategorisch vertretenen Position ab, dass Fehler in der Elektronik als eine mögliche Ursache für unbeabsichtigte Beschleunigung auszuschließen seien. Er sagte auf die Frage eines Abgeordneten, es sei möglich, dass das Problem „nicht vollständig“ gelöst sei. Bislang habe Toyota zwar keine Defekte in der Elektronik entdeckt, aber das Unternehmen werde weiter alle denkbaren Ursachen prüfen.
Mahnungen der Regierung in Tokio
Unmittelbar vor der Anhörung am Mittwoch hatte die japanische Regierung Akio Toyoda indirekt daran erinnert, dass von seinem Auftritt vor dem Kongress auch viel für die japanische Exportwirtschaft abhänge. „Als Produzent sollte Toyota die Tatsache ernst nehmen, dass es Qualitätsmängel gegeben hat, und daran arbeiten, das Vertrauen der Menschen in Amerika zurückzugewinnen, ohne überstürzte Entscheidungen zu treffen“, sagte Kabinetts-Staatssekretär Hirofumi Hirano in Tokio. Zu Spekulationen in der japanischen Presse, dass die Anhörung in Washington zum Teil auch politisch motiviert sein könnte, um die amerikanische Autoindustrie zu stützen, lehnte Hirano eine Stellungnahme ab.
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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