09.08.2005 · Mit Pfiff und Fördermitteln haben Automobilbau und Chemieindustrie in Ostdeutschland Erfolg. Und die Finanzierung übernimmt in Halle an der Saale auch schon einmal ein Schokoladenhersteller.
Von Christian Geinitz, LeipzigDie Sachsen fühlen sich im Kleinen ganz groß. Sie rühmen sich, für den Herren den Bierdeckel als „Faserguß-Untersetzer“ 1892 zum Patent angemeldet zu haben und für die Dame 1899 den BH, das „Frauenleibchen als Brustträger“. Den Teebeutel von 1929 verbuchen sie ebenso auf ihrem Tüftlerkonto wie die Filtertüte für den Kaffee, die sich eine Dresdner Hausfrau mit dem schönen Namen Melitta Bentz 1908 patentieren ließ.
Vielleicht weiß außerhalb der Mundart nicht jedermann, was ein Aktendulli ist. Aber benutzt haben den in Chemnitz erdachten Heftstreifen zum Ablegen gelochter Papierbündel wohl die meisten. Jetzt kommt auch der kleinste und billigste Wohnwagen aus dem Freistaat. Gemeinsam haben die Sportwagenmanufaktur Funke und Will und der Anhängerhersteller Stema einen Caravan entwickelt, der 5.555 Euro kosten soll (F.A.Z. vom 9. August).
Entrepreneur des Jahres
Wie pfiffig die beiden Fahrzeugbauer aus Großenhain bei Riesa sein können, haben sie schon früher gezeigt. Stema, 1951 in der DDR gegründet, hat sich seit der Wende so hochgearbeitet, daß heute jeder dritte Personenwagen-Anhänger auf deutschen Straßen aus Großenhain kommt. Rund 200 Mitarbeiter fertigen 62.000 Einheiten im Jahr, und das offenbar so erfolgreich, daß ihr Unternehmen 2004 als „Entrepreneur des Jahres“ ausgezeichnet wurde.
Hinter Funke und Will verbergen sich zwei Ingenieure gleichen Namens, die ebenfalls manche Anerkennung gewannen. Als erstes ostdeutsches Unternehmen haben sie den Deutschen Gründerpreis 2004 in der Kategorie „Aufsteiger“ erhalten.
Geheime Autos unter bunten Planen
Die beiden gebürtigen Rheinländer erfüllten sich einen Traum, als sie aus ihrer Diplomarbeit an der Fachhochschule Köln - den Entwurf eines Kleinsportwagens - einen Prototypen machten und diesen 1999 auf der Automesse IAA in Frankfurt präsentierten. Ursprünglich sollte der schnittige Flitzer mit dem Namen Yes nur als Referenzobjekt für ihre Ingenieurskunst im Fahrzeugbau dienen. Als dann der Yes selbst viele Bestellungen einbrachte, gingen Funke und Will mit ihm in die Serienfertigung.
Dazu bezog das Unternehmen einen Hangar auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen in Großenhain. Auf der Startbahn können die Testfahrer die kleinen Boliden auf bis zu 300 Kilometer in der Stunde beschleunigen. 50 Mitarbeiter bauen heute etwa ebenso viele Yes-Fahrzeuge im Jahr und eine ungenannte Zahl von geheimen Auftragsautos, die sich in der Flugzeughalle unter bunten Planen verstecken.
Im Osten groß geworden
6 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften die Großenhainer und bezeichnen sich seit dem ersten Jahr als profitabel. „Geboren sind wir und unsere Idee in Westdeutschland, groß geworden sind wir hier im Osten“, sagt Vorstand und Aktionär Philipp Will. Richtig wachsen soll das Projekt freilich im fernen Westen: von 2006 an will Will den Yes in den Vereinigten Staaten verkaufen und den Umsatz verdoppeln.
Um die Expansion zu finanzieren, hat seine Gesellschaft eine fünfjährige Inhaber-Teilschuldverschreibung über 2 Millionen Euro aufgelegt. Das Skurrile daran ist, daß nicht eine Bank die Anleihe vertreibt, sondern eine Schokoladenfabrik.
Nicht alles so festgefahren
Nach dem Erfolg der eigenen Emission über das hauseigene Call-Center hat der Süßwarenhersteller Halloren in Halle an der Saale die Halloren Finanzdienstleistungs GmbH gegründet. Gerade einmal acht Wochen alt, verkauft das Service-Center schon die Wertpapiere für drei Unternehmen, darunter für Funke und Will zu 7,25 Prozent Jahreszins.
„Hier im Osten geht noch was“, sagt Will, „da ist nicht alles so festgefahren“. Natürlich seien es auch die Fördermittel gewesen, die ihn nach Großenhain lockten, gibt er zu. Wer alle Subventionen nutzt, kann sich als Mittelständler in Ostdeutschland bis zur Hälfte seiner Investitionen vom Steuerzahler finanzieren lassen.
Lange automobile Tradition
Aber ähnlich wichtig seien ihnen die großzügige Anlage gewesen, die niedrigen Kosten, die hohe Qualifikation und Motivation der Mitarbeiter und die „lange automobile Tradition mit den wachsenden Zulieferstrukturen“.
Tatsächlich gehört der Kraftfahrzeugbau heute wieder zu den erfolgreichsten Wirtschaftszweigen in Ostdeutschland. Nach einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat sich der Umsatz der Automobilindustrie in den neuen Ländern zwischen 1991 und 2003 von 0,97 auf 10,7 Milliarden Euro mehr als verzehnfacht. Die Exportquote erreicht 45 Prozent.
Erstmals wieder Umsatz der Wendezeit erzielt
Die Industrie gilt als wichtigster Teil des Verarbeitenden Gewerbes hinter der Ernährungswirtschaft. Die Zahl der Beschäftigten in der Autoindustrie brach zwar zwischen 1991 und 1996 von 50.000 auf 22.000 Mitarbeiter ein, ist bis zum Jahr 2003 aber wieder auf 40000 gestiegen.
In solche Größenordnungen können in den neuen Ländern nur wenige Branchen vorstoßen. Dazu gehört die chemische Industrie, die 45.500 Mitarbeiter beschäftigt. Zwar ist diese Zahl weit von den 180.000 Arbeitern aus DDR-Zeiten entfernt. Die Produktivität der hochmodernen Anlagen ist aber derart hoch, daß mit weniger Beschäftigten fast derselbe Umsatz erzielt wird wie damals. Der Arbeitgeberverband Nordostchemie rechnet für dieses Jahr mit einer Erlössteigerung auf rund 14 Milliarden Euro. „Damit wird der Umsatz der Wendezeit erstmals wieder erreicht“, teilt der Verband mit.
Es geht steil bergauf
Platzhirsch in der Chemieindustrie ist Sachsen-Anhalt mit seinem Chemiedreieck. Bekannt sind die Kunststoff-Riesen Dow Chemical in Schkopau, die Raffinerie in Leuna oder Europas größtes Aspirinwerk von Bayer in Bitterfeld. Im Schatten dieser Leuchttürme gedeihen viele kleinere Pflänzchen.
Der größte unter diesen Mittelständlern sind die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in der gleichnamigen Elbestadt. Das Werk wurde in der Düngemittelkrise Ende der neunziger Jahre schwer gebeutelt. Nachdem es die Marktbereinigung überlebt hatte, übernahmen 2002 die Schweizer Ameropa-Gruppe und die tschechische Agrofert das Werk. Seitdem, sagt der neue Geschäftsführer Rüdiger Geserick, gehe es mit der ehemaligen Degussa-Tochtergesellschaft „steil bergauf“.
Agrochemie-Park geplant
Zwar sind von den 8.600 Nachwende-Beschäftigten heute nur noch 660 im Betrieb, der Rubel aber rollt in Piesteritz: Das Geschäftsjahr 2004 mit etwa 400 Millionen Euro Umsatz gilt als eines der gewinnträchtigsten der Werksgeschichte.
Da die 200 Hektar Betriebsgelände nicht vollständig genutzt werden, will Geserick dort den ersten Agrochemie-Park Deutschlands ansiedeln. Die Würzburger Neckermann GmbH investiert bereits 70 Millionen Euro in die zweitgrößte deutsche Anlage zur Gewinnung von Biodiesel, 22 Millionen davon steuert das Land bei.
Aus der Branche der erneuerbaren Energien gibt es drei weitere Investoren, die den Agrochemiepark mit zusammen 140 Millionen Euro und etwa 200 Mitarbeitern beleben wollen: „Die brauchen unsere Flächen, die Elbe und unsere Schienen für den Transport der Biomasse, die brauchen unseren Prozeßdampf und natürlich die Förderung“, zählt Geserick auf.
Leider wenig repräsentativ
Vielleicht brauchen sie auch die wissenschaftliche Begleitung, die im Stickstoffwerk zu haben ist. Denn SKW ist eines der wenigen größeren Unternehmen in den neuen Bundesländern mit einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Aus einem Budget von 3 bis 4 Millionen Euro im Jahr entwickeln 57 Mitarbeiter in den Laboratorien, Gewächshäusern und auf 140 Hektar Freilandfläche neue Wirkstoffe für die Pflanzenernährung.
Für das Unternehmen lohnten sich die Aufwendungen allemal. Mit den in den vergangenen fünf Jahren in Piesteritz entwickelten neuen Produkten erwirtschaftet die Gruppe heute 20 Prozent ihres Umsatzes. So positiv das Piesteritzer Beispiel anmutet, so wenig repräsentativ ist es doch. Nach einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel sind die Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen der Privatwirtschaft in Ostdeutschland so unzureichend, daß mit recht von einer „Innovationsschwäche“ gesprochen werden könne.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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