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Orchester der Atomindustrie : Die Unvollendete

Dirigent Jaroslav Opela stimmt sein Orchester bei den Proben zum Abschlusskonzert im Kloster Wettenhausen ein letztes Mal ein. Mehr als 28 Jahre hat er die „Camerata Nucleare“ dirigiert. Bild: Helmut Fricke

Die Camerata Nucleare war einst das Hausorchester der Nuklearindustrie. Mit dem Niedergang der Atomkraft ging nun auch die Laufzeit des Ensembles zu Ende.

          Als der Schlusston mit dem Applaus verschmilzt, sitzt Rudolf Rieser da, nimmt seine Geige vom Kinn und lächelt. Der Dirigent am Pult wischt sich die Tränen von der Wange, auch der Konzertmeister reibt sich die Augen, Rieser nickt bloß. Das war sie dann also, die letzte Note im Auftrag der Kernenergie, nach 28 Jahren. Natürlich mussten sie zum Abschied Schuberts „Unvollendete“ spielen, so viel Symbolik muss sein. Denn gerne hätten sie noch weitergespielt, doch die Laufzeit der Camerata Nucleare ist vorbei, das „Kammerorchester der Energiewirtschaft“ hat sein letztes Konzert gegeben.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Vielleicht liegt seine Gelassenheit daran, dass Rudolf Rieser schon seit gut zehn Jahren pensioniert ist, vielleicht auch daran, dass er einst Energie- und Kraftwerkstechnik studiert hat und deshalb als Ingenieur auf die Dinge eher analytisch als romantisch blickt. Rieser ist mit seinen 72 Jahren jedenfalls bereit für den Abschied. Er kann zwar immer noch nicht verstehen, warum Deutschlands Politiker vor vier Jahren beschlossen haben, aus der Atomenergie auszusteigen, obwohl die Kraftwerke seiner Ansicht nach noch zuverlässig funktionieren, doch er hat sich damit abgefunden, dass das große Zeitalter der Kernenergie vorbei ist. Bis Fukushima dachte er, dass es noch kommen würde.

          Rieser war dabei, als die Camerata Nucleare Anfang 1986 von Reinhard Ettemeyer gegründet wurde. Der war seinerzeit Kraftwerksleiter in Gundremmingen und der Meinung, dass man es den Chemikern von der BASF gleichtun und auch ein Werksorchester gründen könnte - nur eben mit Kerntechnikern.

          Die Musik sollte helfen, das Ansehen der Atomindustrie zu verbessern

          Doch dann kam Tschernobyl: Zu Beginn konnten selbst die deutschen Kerntechniker nicht recht nachvollziehen, was in der Ukraine eigentlich passiert war, zu groß war das Chaos. Als die Wolke kam, stellten sich manche unter, wenn es regnete. Kraftwerksleiter Ettemeyer schloss sich nach dem Unglück zwei Tage in sein Zimmer, war weder für seine Frau noch für seine Kinder zu sprechen, er grübelte, ob er das alles noch verantworten könne, die Arbeit im Kraftwerk und auch die kleine Orchestertruppe, die er gerade erst gegründet hatte.

          Doch die klassische Musik sollte nun dabei helfen, das Ansehen der angeschlagenen Atomindustrie zu verbessern. Womit, wenn nicht mit klassischer Musik kann man zeigen, dass in Kernkraftwerken kulturinteressierte, ja ganz normale Menschen arbeiten? So wurde aus musizierenden Kerntechnikern eine Orchestertruppe mit Mission.

          Einen Tag vor dem Abschiedskonzert ist Rieser, den alle nur Rudi nennen, mit zehn Musikern zum Grab von Orchestergründer Ettemeyer gekommen, um sich zu verabschieden. Sie legen einen Kranz nieder, „In Dankbarkeit - Deine Freunde von Camerata Nucleare“ steht darauf. Ettemeyer liegt schon seit bald 15 Jahren begraben auf dem Friedhof, von dem aus man die Kühltürme des Atomkraftwerks von Gundremmingen sehen kann, still und stetig pusten sie weißen Dampf in den Himmel. „Wir hatten großartige Auftritte“, sagt Rieser halb zu sich und seinem Freund und halb zu Ettemeyers Witwe, die mit am Grab steht.

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