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Opel-Krise "Lieber die als wir"

13.10.2004 ·  Als die Vermutungen über die Schließung eines europäischen Opelwerks aufkamen, reagierten die Rüsselsheimer und die Belegschaft am Stammsitz noch gelassen. Doch die Selbstsicherheit ist verflogen.

Von Hanns Mattes, Rüsselsheim
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Vis-a-vis der Opel-Unternehmenszentrale liegt das Firmengelände von Auto-Jacob: "Wir sind da, wo Opel herkommt", wirbt das Rüsselsheimer Autohaus selbstbewußt. Wie lange das noch so bleibt, erscheint in diesen Tagen offen.

Seitdem der Mutterkonzern General Motors (GM) vor einigen Wochen ein neues Sparprogramm angekündigt hat, spekulieren auch die Leute am Opel-Sitz über die Zukunft der Fabrik. Einem europäischen Produktionsstandort drohe das Ende, geht das Gerücht, und in dieser Sparrunde könne es auch das Stammwerk treffen.

Herz des Unternehmens

Seit 140 Jahren produziert das Unternehmen in der Stadt, hat erst Nähmaschinen, später Fahrräder, schließlich Autos montiert. Mit der Fabrik ist auch Rüsselsheim gewachsen, vom Bauerndorf am Untermain zur Industriestadt mit knapp 60000 Einwohnern. Entlang der Einfallstraßen ziehen sich Hochhaussiedlungen aus den sechziger und siebziger Jahren. Damals boomten Opel und der Automarkt, Rüsselsheim schuf Platz für neue Arbeitskräfte. Im Eiltempo arbeitete man an der autogerechten Stadt: Rüsselsheim, eine Fabrik mit vierspurigen Ringstraßen und angeschlossenem Wohngebiet. Mehr als 40000 Menschen fanden in den siebziger Jahren Arbeit "beim Opel" - nicht "bei Opel" - und montierten dort Kadett, Ascona, Rekord.

Übrig geblieben ist heute nur noch rund die Hälfte der Arbeitsplätze. Rationalisierung, Ausgliederung und der Sanierungskurs der vergangenen Jahre, mit dem das Management der Verluste Herr werden wollte, haben den Standort auf rund 21000 Stellen schrumpfen lassen, die meisten entfielen in der Konzernzentrale und im technischen Entwicklungszentrum. Autos baut bei Opel in Rüsselsheim nur noch gut ein Viertel der Belegschaft, Schlips und Kragen haben die graue Arbeitskluft im Stammwerk weitgehend abgelöst. Und trotzdem: Für viele in der Stadt ist die Fabrik nach wie vor das Herz des Unternehmens.

Selbstsicherheit ist verflogen

Als die Vermutungen über die Schließung eines europäischen Opelwerks aufkamen, reagierten die Rüsselsheimer und die Belegschaft am Stammsitz noch gelassen. Vor zwei Jahren erst war "Leanfield", die hochmoderne Fabrik für die Vectra-Modelle, für 750Millionen Euro gebaut worden, und verglichen mit dem als Konkurrenten genannten ältlichen Saab-Werk im schwedischen Trollhättan fühlte man sich sicher. Zudem schien Opel nach schlimmen Managementfehlern Mitte der neunziger Jahren wieder auf einem guten Kurs: vorbei die Diskussionen um mangelhafte Qualität der Autos mit dem Blitz, endlich wieder attraktive Modelle, mit denen man der Konkurrenz aus Wolfsburg oder Köln entgegentreten konnte. Und im konzerninternen Wettbewerb? Kaum ein Standort, so die Einschätzung, habe eine bessere Infrastruktur oder eine günstigere Lage in Europa als Rüsselsheim - schon gar nicht die Kollegen bei Saab in Schweden.

Doch die Selbstsicherheit ist verflogen. Der Absatz stockt, in der Fabrik wird mangels Nachfrage nur in einer 30-Stunden-Woche gearbeitet. Sorgen machen sich aber längst nicht mehr nur die Männer aus der Montage: Wenn es wirklich um 12000 der gut 62000 Arbeitsplätze in den europäischen Werken des Mutterkonzerns General Motors geht, dann drohen auch in Verwaltung und Entwicklung drastische Einschnitte. So machen sich nun alle Opel-Mitarbeiter ihre Gedanken, und das längst nicht immer auf Grundlage einer europäischen Solidarität, mit der der Betriebsrat einem "Ausspielen der Standorte" entgegentreten möchte. Bei allem Verständnis für die Kollegen in Trollhättan oder Bochum: "Lieber die als wir."

Ärger richtet sich gegen amerikanische Konzernmutter

Man hofft in Rüsselsheim auf die Arbeitnehmervertreter, schließlich ist man bisher noch immer um Entlassungen herumgekommen, und wartet auf die Entscheidung. An diesem Donnerstag will General Motors sein Sparprogramm vorlegen. Bis dahin gilt: "Uns sagt man ja nichts, wir erfahren es doch als letzte." Verunsicherung und Ohnmacht paaren sich mit Zorn: Zu oft haben die Beschäftigten in den vergangenen Jahren zu hören bekommen, daß mit diesem oder jenem Einschnitt die Trendwende erreicht werde. Der Ärger richtet sich vor allem gegen die amerikanische Konzernmutter: "Die Amis" werden dafür verantwortlich gemacht, daß das Unternehmen durch ein verfehltes Management überhaupt in diese Schieflage geraten ist.

"Zum Verzweifeln" findet inzwischen auch Oberbürgermeister Stefan Gieltowski die Diskussion. Wie schon seine Vorgänger hat der Sozialdemokrat gezwungenermaßen daran gearbeitet, Rüsselsheim wirtschaftlich unabhängiger von Opel zu machen, denn als Steuerzahler ist der Konzern in den vergangenen Jahren weitgehend ausgefallen. Mit gerade einmal zwölf Millionen Euro Gewerbesteuern insgesamt kann Gieltowski noch kalkulieren. Gemessen an früheren Jahren ist das erbärmlich wenig: Zum Teil lagen damals allein die Nachzahlungen um ein Vielfaches höher. Vor allem aber beunruhigt Gieltowski, daß die Diskussion es fast unmöglich mache, neue Unternehmen in die Stadt zu locken: "Werben Sie einmal für den Standort, wenn Sie solche Schlagzeilen haben."

In der Rüsselsheimer Innenstadt, die im wesentlichen aus zwei Fußgängerzonen besteht, reagieren die Passanten derweilen mit Anflügen von Galgenhumor: Mit so etwas habe man ja Erfahrung, sagen sie, und deuten auf einen vierstöckigen Bau an der Frankfurter Straße. Der steht seit Jahren leer - es ist das ehemalige Karstadt-Kaufhaus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.2004, Nr. 240
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Jahrgang 1964, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Groß-Gerau.

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