Selten war die Kluft zwischen Rheinland und Ruhrgebiet so groß wie an Weiberfasnacht in diesem Jahr. Während die Jecken in Köln am Alten Markt um 11.11 Uhr die Sektkorken knallen lassen, herrscht vor dem Opel-Werk in Bochum an diesem Donnerstag Tristesse. Frierend steht an „Tor 1“ ein halbes Dutzend Fernsehreporter neben den Übertragungswagen von N24, NTV, WDR und RTL. Sie warten auf die Arbeiter der Frühschicht, aber die kommen erst um 14 Uhr wieder zum Tor heraus. Zu filmen gibt es jetzt fast nichts. Außer zwei Plakaten aus Pappe, die leicht schief am Metallzaun hängen. Auf dem einen steht: „Weg mit dem Horror-Plan“ und auf dem anderen: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Es wirkt eher rührend als renitent.
Wer mit dem Taxi anreist, muss aufpassen, welches Modell er wählt: Nur Opel-Autos dürfen auf das Gelände rollen. Dort steht das wuchtige, rot verklinkerte Verwaltungsgebäude mit dem riesigen Opel-Markenzeichen, dem Blitz, an der Front. Im dritten Stock herrscht grimmige Stimmung. Am langen Korridor sind die Büros der 35 Betriebsräte aufgereiht, spartanisch eingerichtet, mit grauen Kunststoffschreibtischen und dicken Filzfliesen.
„Die Leute hier sind von den widersprüchlichen Informationen sehr verunsichert“, sagt Betriebsrat Peter Rösler leise. Kein Wunder: Erst zwei Nächte zuvor hat der Mutterkonzern General Motors in Amerika seinen Restrukturierungsplan inklusive der Ankündigung von Massenentlassungen vorgelegt. Allein außerhalb Amerikas sollen 26.000 Stellen wegfallen, so viele, wie es bei Opel in Deutschland insgesamt gibt. Gelesen hat Rösler den Plan nicht, er kann kein Englisch – „leider“, wie er hinzufügt. Schon in der Nacht darauf gibt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Teilentwarnung: Nach einem Gespräch mit GM-Chef Rick Wagoner in Detroit meldet er, es seien vorerst keine Werksschließungen in Deutschland geplant.
Das Werk Bochum hätte den größten Investitionsbedarf
Dennoch: Die gut 5000 Opel-Beschäftigten in Bochum sind am stärksten bedroht. Denn Bochum hat wegen der vergleichsweise alten Ausrüstung der Fabrik den größten Investitionsbedarf. Rösler weiß um die Gefahr: Schon jetzt arbeite das Werk nur mit halber Auslastung. Statt der von den Kapazitäten her möglichen Jahresproduktion von 250.000 Einheiten liegt der Ausstoß der Fabrik in diesem Jahr voraussichtlich nur bei 130.000 Autos. Hergestellt werden das Kompaktmodell Astra und der Zafira. Beide konnten laut Rösler kaum von der Zusatznachfrage durch die Abwrackprämie profitieren. Die kommt eher dem kleineren, billigeren Corsa zugute. Nur das Getriebewerk in Bochum-Langendreer, das für den Corsa zuliefert, konnte die Produktion ein wenig hochfahren.
Falls sich im Zuge der Sanierung von General Motors Europa eine Schließung abzeichnet, will man in Bochum aber nicht kampflos aufgeben. Konkrete Schritte haben die Arbeitnehmervertreter zwar noch nicht beschlossen. „Demonstrieren könnte man nur, wenn man wüsste, wogegen“, sagt Rösler. Auch ein Streik ist angesichts der schon seit Wochen eingeführten Kurzarbeit kein geeignetes Mittel. „Aber das hier ist ein ganz anderer Fall als das Nokia-Werk. Es gibt vielfältige politische Möglichkeiten. Wir würden nicht leise gehen.“ Rösler weiß, wovon er spricht, der 49 Jahre alte Kraftfahrzeugmechaniker arbeitet seit 27 Jahren für Opel. Das Werk in Bochum hatte noch Anfang der neunziger Jahre gut 20.000 Beschäftigte, die letzte Rationalisierungsrunde musste im Jahr 2004 verkraftet werden. Damals war die Stimmung aufgeheizt, kippte beinahe ins Gewalttätige. 3000 Mitarbeiter mussten gegen Abfindungen das Werk verlassen.
„Die meisten Investoren wollen nur schnelles Geld sehen“
„Heute wird hier Topqualität produziert, die Belegschaft ist hochmotiviert, und wir haben die flexibelsten Arbeitszeiten unter allen deutschen Werken“, so Rösler. Keinesfalls wollen sich die Betriebsräte der einzelnen Standorte in Bochum, Kaiserslautern, Rüsselsheim und Eisenach gegeneinander ausspielen lassen: „Wir werden an einem Strang ziehen.“ Das Gleiche gilt für die 600 gewerkschaftlichen Vertrauensleute im Bochumer Werk. Alle zwei Wochen treffen sie sich mit dem Betriebsrat, um sich informieren zu lassen. Falls es zum Einstieg eines neuen Miteigentümers bei Opel kommt, würde Rösler den Staat einem Privatunternehmen allemal vorziehen. „Da weiß man nicht, wer kommt. Und die meisten Investoren wollen nur schnelles Geld sehen.“ Von GM wünscht sich Rösler, dass Opel-Autos auch in Amerika verkauft werden. „Da sperren die sich gegen“, sagt er.
Für Bochum wäre die Schließung des Opel-Werks eine Katastrophe. Die Fabrik ist für die Stadt ungefähr so „systemrelevant“, wie es Lehman Brothers für die Bankenwelt war. Das weiß man am besten bei der Industrie- und Handelskammer „Mittleres Ruhrgebiet“: Rund 10 000 Beschäftigte in Bochum und der benachbarten Region hängen unmittelbar vom Werk ab. Die Schließung wäre der zweite große Schlag in kurzer Zeit. „Nach dem Aus von Nokia muss ein Gau bei Opel auf jeden Fall vermieden werden“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Tillmann Neinhaus. Das ist nicht nur ein Spruch, er kann es detailliert mit Zahlen belegen. Allein 3500 Beschäftigte arbeiten bei direkten Dienstleistern des Werks wie Spediteuren, Entsorgern und Reparaturbetrieben oder bei Zulieferern wie dem Autositzhersteller Johnson Controls. „Wenn Opel schließt, trifft das die industrielle Substanz der Stadt in ihrem Kern“, sagt Neinhaus.
Bereits der Weggang von Nokia hat geschmerzt
Von den insgesamt 120.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in der Stadt arbeitet noch rund ein Drittel in der Industrie. Größte private Arbeitgeber neben Opel sind Deutsche BP und ThyssenKrupp mit jeweils gut 3000 Leuten, doch auch bei ThyssenKrupp gibt schon es allgemeine Abbaupläne. Ein harter Schlag war bereits der Weggang von Nokia Anfang 2008. Damals gab es 2300 Entlassungen. Die Narben sind noch nicht ganz verheilt. „In diesem Sommer werden noch jeden Monat einige hundert Leute aus Beschäftigungsgesellschaften zurück an den normalen Arbeitsmarkt kommen. Und da sieht es nicht gerade rosig aus“, so Neinhaus. Die Arbeitslosenquote in der Stadt liegt bei etwa 10 Prozent.
Ganz unterkriegen lassen will sich der IHK-Mann aber auch nicht: Es gebe einen kleinen Silberstreif am Horizont – wenn er auch sehr schmal sei. Nokia musste rund 40 Millionen Euro an Subventionen zurückzahlen, und das Land legte noch 20 Millionen für die Wirtschaftsförderung drauf. Damit wurden Existenzgründungen gefördert – darunter vor allem einige kleinere Sicherheits-Softwarefirmen. Als wichtigsten Erfolg nennt Neinhaus die daraus resultierende Ansiedlung eines Forschungszentrums des Blackberry-Herstellers RIM, bei dem auch hundert Nokia-Ingenieure unterkamen. Fast ist so ein kleines „Cluster“ entstanden, ein Netzwerk junger Technologiefirmen.
„Ich sehe Bund und Land in der Verantwortung“
Über das Entstehen neuer Unternehmen freut sich auch Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, senkt es doch die Abhängigkeit der Stadt von Opel zumindest ein wenig. Seit 2004, als die letzte Krise bei dem Autohersteller tobte, regiert die 60 Jahre alte SPD-Politikerin Bochum und kämpft mit einem strukturellen Defizit von jährlich 130 Millionen Euro – das meiste davon fließt in Pensionsrückstellungen für Beamte. Bochum sei deshalb finanziell zu keiner nennenswerten Hilfe für Opel in der Lage. Ihre größte Hoffnung setzt die ehemalige Finanzdezernentin nun auf Hilfe von oben. „Ich sehe Bund und Land in der Verantwortung“, sagt Scholz. Ministerpräsident Rüttgers hat eine Kreditbürgschaft von bis zu 500 Millionen Euro für Opel in Aussicht gestellt. Fehlt nur noch grünes Licht aus Berlin für den Bürgschaftsanteil des Bundes – und dort wartet man auf einen konkreten Restrukturierungsplan von Opel.
Wenigstens in Sachen Gewerbesteuer würde Bochum durch ein Aus für das Opel-Werk nichts verlieren: Da das Unternehmen Verlust macht, wird auch nichts in die Stadtkasse abgeführt. Das war bei Nokia noch anders. Die Finnen zahlten jedes Jahr etwa 25 Millionen Euro – ein Zeichen für äußerst gute Gewinne. Trotzdem eröffnete Nokia kurze Zeit nach der Schließung in Bochum lieber ein Werk in Rumänien – was Empörung hervorrief.
Viel kann Ottilie Scholz für die Opel-Beschäftigten nicht tun, wie sie selbst zugibt. „Einfluss nehmen können wir nur sehr begrenzt, die Entscheidung über das Werk liegt beim Konzern.“ In einer hastig angesetzten Pressekonferenz verkündet sie lediglich, die städtische Wirtschaftsförderung sei bereit zu „ungewöhnlichen Wegen“. Auch eine weitere Ausgliederung von Betriebsteilen zur Kostensenkung würde man durch Hilfestellungen, etwa bei Grundstücken, unterstützen.
Und dann setzt Scholz auch noch auf die menschliche Seite: Über Ministerpräsident Rüttgers hat sie eine Einladung an GM-Chef Wagoner ausgesprochen. „Er sollte uns mal besuchen, damit er sieht, was Opel für die Stadt bedeutet. Viele Familien arbeiten seit Generationen bei Opel. Das Unternehmen ist Teil der Identität der Stadt.“ Bei einem Besuch in Bochum könnte Wagoner auch das große Transparent bewundern, das am Rathaus hängt: „Wir sind Bochum“, steht darauf.
Wenn man sarkastisch wäre
Michael Arndt (Mikel1962)
- 20.02.2009, 18:05 Uhr
Lustig ist doch...
Markus Leibold (MSL)
- 20.02.2009, 18:13 Uhr
Ein schon lange nicht mehr Klassenkampf
Herold Binsack (Devin08)
- 20.02.2009, 19:49 Uhr
Opel - keine Lösung in Sicht ....
Dieter Liepold (abraze)
- 20.02.2009, 19:55 Uhr
Eine gute Lektüre
Chris Heidrich (Rockwilder1979)
- 20.02.2009, 19:59 Uhr