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Lieferdienst für Lebensmittel : Wenn der Milchmann klingelt

Lieferung frei Haus: Auf Wunsch bringt Fahrer Kaveh die Ware auch bis in die Küche. Bild: Stefan Finger

Es muss nicht immer Rewe, Edeka oder Amazon sein: Ein Online-Händler aus Holland liefert frische Lebensmittel bis an die Tür. Billiger als alle anderen.

          Kaveh studiert Deutsch und Geschichte in Düsseldorf, Lehrer will er werden. Um das Studium zu finanzieren, fährt er zweimal die Woche Lebensmittel in Kaarst aus. Er parkt das weiße Lieferauto vor einem Klinkerhaus, schnappt sich zwei Kisten mit Milch, Obst, Gemüse, Pampers und Chips, die die Familie am Vorabend online bestellt hat. „Ich bin der moderne Milchmann“, flötet er, nachdem er geklingelt hat. Der Student fährt die Ware nicht für den Rewe vor Ort aus, auch nicht für Edeka oder Amazon. Kaveh arbeitet für einen Konkurrenten aus den Niederlanden, den in Deutschland noch niemand auf dem Schirm hat. Picnic heißt der Online-Händler, der in Holland für mächtig Wirbel sorgt: Frische Ware zum besten Preis, ohne Liefergebühr und ohne lange Warterei. Das ist das Versprechen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor zweieinhalb Jahren erst hat das Start-up in Amersfoort begonnen, klein und unauffällig zunächst: vier Gründer, eine Stadt, 150.000 Einwohner, ein paar Lieferautos, Lagerarbeiter und Fahrer. Die etablierten Supermarktketten rieben sich die Augen. Picnic expandiert bisher wie wild. Man liefert mittlerweile in 37 Städte, auch in die großen, Den Haag und seit März auch Amsterdam gehören dazu. Und wo immer Picnic startet, wird die Konkurrenz überholt. Binnen zwei Jahren hat sich so der Online-Anteil am Lebensmittelhandel verfünffacht, von einem auf fünf Prozent. 100.000 Kunden wurden erobert, die Marke von 100 Millionen Euro Umsatz rasch überschritten. „2018 werden wir bereits 300 Millionen Euro umsetzen“, tönt Michiel Muller, einer der vier Gründer, die jetzt ansetzen zum Angriff auf das große Nachbarland. Seit Oktober läuft ein Pilotprojekt in Kaarst und Neuss. „Der Test war erfolgreich“, sagt Frederic Knaudt vom Deutschland-Team. „Mitte April legen wir richtig los.“

          Bisher tauchte der Name Picnic in Kaarst nirgends auf. Es sollte nicht jeder mitbekommen, dass die Holländer sich nach Deutschland vorwagen. Drei bis fünf Städte in Nordrhein-Westfalen nahe der Grenze sollen dieses Jahr dazukommen, nächstes Jahr dann 20 bis 30.

          Der große Durchbruch ist noch niemandem geglückt

          Nun ist es nicht so, dass hierzulande kein Bringdienst für Lebensmittel existiert. Es hat sich herumgesprochen, dass Teile des Geschäfts ins Netz abwandern. So war das bei Büchern, dann bei Schuhen, Elektrogeräten und Möbeln. So wird es auch bei den Lebensmitteln kommen. Davon ist der Handel überzeugt, spätestens seit AmazonFresh, der Frischedienst des amerikanischen Online-Giganten, vor einem Jahr in Deutschland loslegte. Rewe liefert inzwischen in 75 Städten, der zu Edeka gehörende „Bringmeister“ steuert Berlin und München an. Die Start-ups MyTime und Allyouneedfresh verschicken Lebensmittel mit DHL im ganzen Land. Der große Durchbruch ist bislang jedoch noch niemandem geglückt. Selbst Amazon fährt bislang nur in Berlin, Potsdam, Hamburg und München durch die Viertel der Wohlhabenden, die sich den teuren Service leisten können. Aldi versucht sich gar nicht erst als Hauslieferant, Lidl hat seinen Test in Berlin vor kurzem aufgegeben, weil sich das Geschäft „nicht kostendeckend betreiben“ lasse. Auch Kaufland hat einen Rückzieher gemacht.

          Online bleibt fürs Erste in der Nische, nur ein Prozent der Lebensmittel werden im Netz bestellt. Die Deutschen sind da zögerlicher als Holländer, Franzosen und Engländer. Auf mittlere Sicht aber wird der Anteil auch hierzulande auf zehn Prozent steigen, da ist sich die Fachwelt einig. Die Frage ist nur, wer sich durchsetzt, wer die teure „letzte Meile“ bis zur Haustür in den Griff bekommt. Die Supermarktketten? Amazon? Oder vielleicht doch ein Neuling?

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