Joel Hodgson kann 100 Meter unter 11 Sekunden laufen - und hat nicht einmal sonderlich dafür geübt. Dass der Mitarbeiter der Anwaltskanzlei Freshfields so schnell rennen kann, stellte sich erst heraus, als der junge Mann aus Belize von den Kollegen ausgesucht wurde, um die olympische Flagge zu tragen. Welch eine Ehre - für Freshfields und für Hodgson. Der Mitarbeiter in der Abteilung der Rechnungslegung hat harte Zeiten hinter sich: von der Mutter in Belize verlassen und mit seinen Geschwistern obdachlos, wurde er von einem englischen Militär adoptiert und landete mit dessen Frau in England.
Nach Familientragödien landete Hodgson als Jugendlicher wieder auf der Straße und arbeitete schließlich für ein Londoner Obdachlosenmagazin. Von der Redaktion wurde er eines Tages für ein Sonderprogramm ausgesucht, das etablierte Unternehmen wie Freshfields als Sponsoren für junge Arbeitslose suchte. Hodgson überzeugte bei Freshfields so sehr, dass er mittlerweile bei der renommierten Anwaltskanzlei vollbeschäftigt ist. Die Kanzlei träumt davon, dass er 2014 in den Commonwealth-Spielen für Belize die 100 Meter läuft. So viel Glück auf einmal kann Hodgson gar nicht fassen.
Freshfields hat vierzig Anwälte abgestellt
Tim Jones, der für die Sponsorenarbeit zuständige Partner bei Freshfields, kann es ebenfalls kaum fassen, was für eine Chance die Olympischen Spiele für die Kanzlei sind. Es ist das erste Mal, dass eine Anwaltskanzlei allein das gesamte rechtliche Feld der Vertragsarbeiten für die Olympiade abdeckt: Es müssen die Übertragungsrechte gesichert sein, und die Verträge mit den Sponsoren, Lieferanten und Tausenden von Mitarbeitern und Teilzeitkräften müssen geschlossen worden sein; die Rechte der Sponsoren und die Nutzung der olympischen Symbole müssen gesichert sein, Rechtsstreitigkeiten um die Nutzung von öffentlichen Gebäuden, Parks und Sportarenen müssen aus dem Weg geräumt sein. Außerdem muss Freshfields Rechtsfragen zum Verfahren der Sportwetten und Dopingfälle klären.
Vierzig Anwälte hat Freshfields für die Arbeit abgestellt. „Die Olympiade macht aus uns plötzlich eine international anerkannte Kanzlei, zeigt potentiellen Kunden, dass wir internationale Großprojekte rechtlich begleiten können“, frohlockt Jones. „Mit der Olympiade können wir unsere gesamte Palette der rechtlichen Arbeit demonstrieren. Das positioniert uns am Markt neu und motiviert unsere Mitarbeiter.“ Freshfields nimmt es daher in Kauf, für die Arbeit nicht bezahlt zu werden.
Fast 50 Unternehmen sind beteiligt
Sponsoren der Olympischen Spiele in London profitieren davon, dass Großbritannien wie bei keinen Spielen zuvor die Privatwirtschaft in die Organisation einbezogen hat - das sei ein wesentlicher Grund, warum London den Zuschlag gegenüber anderen Konkurrenten erhalten habe, meint Jones. Die Staatskosten für die städtebauliche Räumung, Sanierung und Entwicklung der Industriebrachen im Ostteil der Stadt für die Olympischen Spiele beliefen sich schließlich auf 9,3 Milliarden Pfund. Aber die Organisation der Spiele obliegt einer privatwirtschaftlichen Gesellschaft Locog, dem London Organizing Committee of the Olympic and Paralympic Games, mit einem Budget von 2,2 Milliarden Pfund. Der ehemalige Partner und Europa-Betriebschef von Goldman Sachs, Paul Deighton, leitet Locog. Und so sah zuletzt alles danach aus, dass die Spiele an diesem Wochenende mit 15.000 Sportlern und 4 Milliarden Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt reibungslos beginnen können.
Hinter den Kulissen sind fast 50 Unternehmen maßgeblich daran beteiligt, dass die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden können, angefangen von der amerikanischen Planungsgesellschaft Populous, die den Masterplan für die Konzeption des Parks aufstellte, die Logistik orchestrierte, das Stadion konzipierte und die städtebauliche Einbindung des Komplexes für die Zukunft plante; zudem das internationale Architekturbüro Atkins, das die mehr als 100 Anlagen errichtete, die später wieder abgebaut werden; bis hin zu BMW, die 200 elektrische Wagen, 400 Fahrräder und weitere elektrisch getriebene Fahrräder, Motorräder und Hybridwagen stellt, um die Athleten und Besucher zu fahren. Dann gibt es noch die Marktforschungsgesellschaft Nielsen, den Unternehmensberater Boston Consulting; dann Rapiscan Systems, die allein 2000 Kontrollsysteme liefern wird, um Autos, Besucher und Handgepäck auf Sprengsätze zu durchsuchen.
Militär musste einspringen
„So ein Auftrag für ein Unternehmen geht weit über den rein wirtschaftlichen Wert der Arbeit hinaus“, sagt Ajay Mehra, Präsident von Rapiscan Systems. Für viele Unternehmen ist es die Chance, vor der internationalen Kundschaft demonstrieren zu können, dass sie pünktlich hochqualitative Produkte nach neuestem wissenschaftlichen Stand in großem Format erfolgreich anbieten und betreiben können.
Die Sicherheitsgesellschaft G4S, einer der Sponsoren und Dienstleistungsanbieter der Olympischen Spiele, halste sich indessen zu viel auf. G4S hatte sich verpflichtet, 10.400 der erforderlichen 23.700 Sicherheitskräfte der Spiele anzuheuern, auszubilden und pünktlich an Ort und Stelle zu schicken. Nur 16 Tage vor Beginn der Olympiade stellte sich zum Entsetzen der Regierung und Veranstalter heraus, dass G4S erst 4000 Kräfte vor Ort hatte und die Gesellschaft mit dem Anheuern weiteren Personals völlig überfordert war. Das Militär musste einspringen und 3500 Soldaten schicken, die teilweise gerade erst aus Afghanistan zurückgekehrt waren. Das Fiasko wird G4S etwa 50 Millionen Pfund kosten und Nick Buckles, den Vorstandsvorsitzenden der Sicherheitsgesellschaft, möglicherweise seinen Posten.
Schon vor Jahren wurden Bäume gepflanzt
Für die großen Sponsoren sind die Spiele fast schon ein Routinegeschäft. Gesellschaften wie Adidas begleiten sie über viele Jahre hinweg. Adidas hat für die Londoner über fünf Jahre 100 Millionen Pfund investiert. Der Konzern liefert die Sportbekleidung für die Olympischen Spiele, rüstet das britische Athletenteam aus, hat selbst mehrere Spitzensportler unter Vertrag und investiert kräftig in das Marketing. Dennoch: Für Adidas, einen Konzern, der von den globalen Sportereignissen lebt, machen selbst diese 100 Millionen Pfund für die Londoner Olympiade nicht einmal 10 Prozent des Betrages von 1,2 Milliarden Euro aus, den die globale Gruppe Adidas jährlich für Marketing ausgibt.
Im Hintergrund arbeiten indessen zahlreiche Unternehmen, die hochqualifizierte Dienste liefern und deren Name nicht auf den Trikots der Sportler prangen: Spezialunternehmen, die vor dem Bau des olympischen Parks 2 Millionen Kubikmeter Erdreich bewegen, 800.000 Kubikmeter verseuchten Boden reinigen und die Industriebrachen über Kilometer von japanischem Knotengras befreien mussten. „Nennen Sie uns ein Umweltgift, und wir haben es dort gefunden“, heißt es bei Locog. Mittlerweile erblüht die grüne Parklandschaft um die Stadien. Die Bäume schon vor Jahren angepflanzt.
Es sollen die grünsten Spiele der Welt werden
Alle Unternehmen mussten sich anstrengen, um höchste Umweltanforderungen für die „grünen“ Spiele zu erfüllen: Für die Kunststoff-Olympiabekleidung von Adidas wurden 2 Millionen Plastikflaschen wiederverwertet. Mit dem Bau einer Betonfabrik auf dem Baugelände des Olympiaparks wurde der Betontransport von 60.000 Lastwagenfahrten eingespart. 97 Prozent des Baumaterials wird wiederverwertet. Ganze Gebäude wie die Basketballhalle werden später verkauft, zum Beispiel an Brasilien. Es sollen die grünsten Spiele der Welt werden.
Um die technische Sicherheit zu erhöhen, wird General Electric nicht nur die Beleuchtung und Flutlichtanlagen liefern, ein Kraftwerk auf dem Gelände betreiben und die Poliklinik für die Sportler mit medizinischen Geräten ausstatten, sondern überall werden elektrische Sicherheitsmodule dafür sorgen, dass die Spiele auch nicht einen Bruchteil einer Sekunde von Stromausfall gestört werden könnten.
Pieter-Jon Buitelaar, Betriebsmanager von Atos, dem Technologiepartner der Spiele, fieberte der Eröffnungsfeier mit schlaflosen Nächten entgegen: „Das muss einfach klappen, wenn auf Knopfdruck 4 Milliarden Menschen weltweit das Spektakel in diesem Londoner Stadion am Fernseher verfolgen wollen“, sagte er in den Tagen vor der Eröffnung und trieb seine 500 Mitarbeiter in dem Sicherheitszentrum von Atos in einem der Bankenhochhäuser von Canary Wharf an. Er hat Erfahrungen auf den Olympiaden in Vancouver, Peking und Athen gesammelt.
Die technologische Begleitung einer Olympiade ist der größte IT-Vertrag auf der Welt. Das IT-System wird die Akkreditierung von 14.700 Athleten, 21.000 Journalisten und 200.000 Teilnehmern und Mitarbeitern verarbeiten; 10.000 Computer, 900 Netzwerkrechner (Server), 1000 Netzwerke und Sicherheitsgeräte an den 90 olympischen Sportstandorten werden vernetzt; Sportergebnisse werden in Bruchteilen von Sekunden global an die Medien und Kommentatoren übermittelt. Es sind noch mal 30 Prozent mehr Daten als zuletzt in Peking. „Die Rolle der Technologie bei den Olympischen Spielen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, warnt der Verwaltungsratsvorsitzende der Spiele, Sebastian Coe.
Buitelaar von Atos weiß, dass mit Fehlern gerechnet werden muss: Computerzusammenbruch, Serverfehler, Terroranschlag und menschliches Versagen. „Es wird etwas schiefgehen; das bleibt nicht aus. Wichtig ist nur, dass wir sofort reagieren können - das haben wir jetzt in Testläufen 200.000 Stunden lang geübt.“
Alles nur gekauft!
Walter Kühn (agrus)
- 29.07.2012, 10:33 Uhr
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Gerold Keefer (solaris21)
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heinz herzing (heinz48)
- 28.07.2012, 02:32 Uhr
Das Marketing ist fast Allumfassend. Das Militär wird gezeigt als
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klaus keller (klkeller)
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Verlogene Spiele
H. Lothar Wessling (hdzgm77)
- 27.07.2012, 23:07 Uhr
