18.06.2010 · Die Katastrophe im Golf von Mexiko verunsichert die Energiebranche. Die Krise von BP wirft ein Schlaglicht darauf, dass die Jagd nach dem schwarzen Gold immer schwieriger und riskanter wird. Doch die Zukunft der Ölriesen hängt von der Tiefsee-Förderung ab.
Von Marcus TheurerAnfang März war die Welt von Tony Hayward noch in Ordnung. Der Ölkonzern BP hatte Analysten und Investoren zur alljährlichen Strategiekonferenz eingeladen, und in der Unternehmenszentrale im noblen Londoner Westend spulten Vorstandschef Hayward und seine Kollegen routiniert ihre Präsentationen ab. Über den bunten Charts prangten Überschriften, die das "sichere, zuverlässige und effiziente Betriebsmodell" des Ölriesen priesen. Stolz legte Produktionsvorstand Andy Inglis ein Balkendiagramm auf, das BP als "das führende Unternehmen" in der Tiefsee-Ölförderung auswies - mit weitem Abstand vor den Konkurrenten wie Shell, Exxon-Mobil und Chevron.
Nur ein viertel Jahr später klingen die Botschaften wie Zynismus und schrille Warnungen: Wer will heute schon noch gerne führend sein, in einer Fördermethode, die zur schwersten Ölkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten geführt hat? Vor den Augen der ganzen Welt mussten Hayward und seine Ingenieure in den vergangenen zwei Monaten weitgehend hilflos zuschauen, wie Millionen Liter giftiges Rohöl sich im Golf von Mexiko ausbreiteten, ohne dass sie die fatalen Lecks mehr als 1500 Meter unter dem Wasserspiegel hätten abdichten können.
Das Perfido-Feld hält den Rekord
Die von der gesunkenen Plattform "Deepwater Horizon" aus vorgenommene Bohrung war kein technisches Kuriosum, sondern alltägliches Geschäft in diesem Hightech-Bereich der Ölindustrie. Im Golf von Mexiko und vor den Küsten Südamerikas und Afrikas wird in teilweise noch viel tieferen Gewässern nach dem schwarzen Gold gesucht. Den Weltrekord hält zurzeit das Perdido-Feld im Golf von Mexiko: Um an das Öl dort zu kommen, hat ein Konsortium unter der Führung von Shell, an dem auch BP und Chevron beteiligt sind, in 2500 Meter tiefen Gewässern noch einmal Tausende von Metern in den Meeresgrund gebohrt.
Der Wasserdruck dort unten ist so hoch, dass Autos wie Streichholzschachteln zerquetscht würden, das Wasser ist eiskalt, das geförderte Öl kochend heiß und die geologischen Verhältnisse sind schwer einschätzbar. Noch vor wenigen Wochen konnten die mit solchen Superlativen aufwartenden Ölriesen auf Bewunderung hoffen. Seit der "Deepwater Horizon" gelten sie Kritikern als gefährlicher Größenwahn auf Kosten der Umwelt.
Was treibt die Konzerne in diese technischen Wagnisse? Möglich geworden sind die Vorstöße in die Tiefsee erst durch den technischen Fortschritt. Noch in den neunziger Jahren galten Projekte, wie sie heute von vielen Ölgesellschaften realisiert werden, als unmöglich. Doch wirtschaftlich tragfähig ist die extrem aufwendige Tiefsee-Ölförderung erst durch einen kontinuierlich gestiegenen Ölpreis geworden, der wiederum die Folge eines rasant gewachsenen weltweiten Energiehungers ist.
1998 kostete ein Fass Rohöl (159 Liter) je nach Sorte teilweise nur neun Dollar. Kurz vor Beginn der Weltwirtschaftskrise im Sommer 2008 war der Preis auf rund 140 Dollar geklettert. Die Rezession führte zwar vorübergehend zu einem starken Rückgang, doch notiert der wichtigste Energierohstoff trotz einer in vielen Ländern schleppenden Konjunkturerholung inzwischen bereits wieder bei rund 70 Dollar. Nach zwei Jahren eines sinkenden Ölverbrauchs dürfte die Nachfrage dieses Jahr nach Einschätzung von Experten schon wieder steigen. Die Internationale Energieagentur (IEA), das zentrale Forschungsinstitut der Industrieländer im Energiesektor, rechnet damit, dass die Nachfrage bis 2030 im Schnitt jährlich um knapp 1 Prozent steigt. Eine Fortsetzung der Rally am Ölmarkt ist damit vorgezeichnet, denn die Erschließung neuer Ölquellen wird immer schwieriger.
Für die westlichen Energieriesen ist der Vorstoß in die Tiefsee langfristig eine existentielle Frage. Unternehmen wie BP, Shell und Exxon-Mobil steckten in einer "Identitätskrise", sagt Fatih Birol, der Chefvolkswirt der IEA. Beispiel Shell: Bei dem niederländisch-britischen Konzern fallen jedes Jahr rund 5 Prozent der bisherigen Ölförderung weg, weil alte Quellen ausgeschöpft sind. Der Schwund muss durch die Erschließung neuer Felder ausgeglichen werden, und das ist gar nicht so einfach.
Die Macht der OPEC
Mehr als drei Viertel der noch vorhandenen Ölreserven lagern in den zwölf Staaten, die der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) angehören. Bei deren Ausbeutung bleiben die privaten Ölriesen des Westens oft außen vor. Die wahren Herrscher im Ölgeschäft sind deshalb längst Staatskonzerne wie die saudi-arabische Ölgesellschaft Saudi Aramco. Im Vergleich zu deren Förderreserven nimmt sich der Ölnachschub der westlichen Konzerne gering aus.
Als Ausweg gibt es für die börsennotierten Ölkonzerne des Westens nur zwei Alternativen: Sie können sich entweder auf Kooperationen in politisch wenig berechenbaren Förderländern einlassen oder wie etwa in der Tiefsee mit hohem technischen Aufwand bisher unerreichte Vorkommen anzapfen. Shell hat zum Beispiel 2009 eine langfristige Fördervereinbarung mit dem Irak geschlossen, BP kooperiert in Russland.
Doch solche Partnerschaften gelten als zu instabil, als dass sich die Unternehmen auf sie verlassen wollen. Das ist der Grund, warum der Konzern zugleich auf kühne Tiefwasserprojekte wie Perdido setzt. Das ist zwar technisch schwierig und - wie die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko der Welt vor Augen geführt hat - riskant. Aber dafür liegt Perdido 200 Meilen vor der texanischen Küste und damit in einer politisch stabilen Weltgegend.
Umso härter würde es nicht nur BP, sondern alle westlichen Ölkonzerne treffen, wenn die Regierungen rund um den Globus nach der Ölpest im Golf die gewagte Hightech-Förderung durch eine restriktivere Genehmigungspraxis ausbremsen oder gar abwürgen würden. Bei BP und Shell machen Tiefsee-Ölquellen heute bereits mehr als 10 Prozent der Produktion aus - mit stark steigender Tendenz. Die amerikanische Regierung hat im Golf für zunächst sechs Monate neue Bohrungen untersagt, bis die Unfallursache auf der "Deepwater Horizon" geklärt ist. Auch für Alaska, wo die technischen Herausforderungen ähnlich groß sind, gilt das Moratorium.
Die Ölriesen hoffen darauf, dass die Tiefwasser-Blockade nicht von langer Dauer sein wird, und viele Experten halten diese Erwartung für realistisch: Zu wichtig ist etwa der Golf von Mexiko inzwischen für die Ölversorgung der Vereinigten Staaten. Der amerikanische Präsident Barack Obama mag zwar gegen BP wettern, doch auch er weiß, dass ohne die riskanten Bohrungen vor der eigenen Küste Amerikas Abhängigkeit vom ausländischen Öl gefährlich steigen würde.
Tiefseebohrung
Jens Richter (Kingcash)
- 18.06.2010, 14:26 Uhr
Problematik noch geschoent
Frank Pauls (faweho)
- 18.06.2010, 15:45 Uhr
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