Um die Schätze tief unten im Boden zu heben, ist zuerst ein kleines Erdbeben nötig. Damit Ölförderunternehmen wissen, wo genau das schwarze Gold verborgen ist, starten sie gerne Explosionen. Mit Sprengstoff erschüttern sie den Boden, die Schallwellen der Detonation machen auf seismischen Messgeräten verschiedene Bodenschichten sichtbar. „So erkennt man, wo welche Gesteinsschicht liegt und ob darin Öl und Gas verborgen sein könnte“, sagt Branchenkenner Steffen Bukold von Energy Comment in Hamburg.
Mit komplizierter Technik das Gestein durchleuchten und Tausende Meter tief durch Tiefsee und Gestein zu wühlen - die Ölförderung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Besonders im vergangenen Jahr, als der Ölpreis bei 147 Dollar je Barrel (159 Liter) stand, schien den Öl-Pionieren kein Aufwand zu groß und keine Technik zu teuer, um an den kostbaren Rohstoff zu gelangen. Heute braucht es sehr viel mehr als die Handpumpe, mit der Edwin Drake es vor 150 Jahren im amerikanischen Titusville zum ersten Mal schaffte, Öl zu fördern.
Den Rohstoff an die Oberfläche zu bringen, wird immer schwieriger. Dabei hat die Abhängigkeit von dem fossilen Energieträger keineswegs abgenommen - im Gegenteil: Seitdem Schwellenländer wie China oder Indien ihre Wirtschaftsentwicklung mit Riesenschritten vorantreiben, ist der weltweite Energiehunger größer denn je.
Gute Stimmung in der Branche
Dementsprechend gut ist die Stimmung in der Ölbranche, seitdem in den vergangenen Wochen große Ölfelder entdeckt wurden. Das amerikanische Unternehmen Anadarko meldete gemeinsam mit dem Partnerunternehmen Tullow Oil einen gewaltigen Fund vor der Küste Afrikas: Mehr als 1000 Kilometer ziehe sich das Venus-Feld vor der Küste Sierra Leones bis nach Ghana. Brasiliens Petrobras frohlockt derweil wegen der Felder Tupi und Guará. In der Tiefsee vor der südbrasilianischen Hafenstadt Santos könnte Guará 1,1 bis 2 Milliarden Barrel bergen; im Tupi-Feld könnten sogar 5 bis 8 Milliarden Barrel förderfähiges Öl lagern. Und BP ist stolz auf das Tiber-Feld. Bis zu 3 Milliarden Barrel werden unter dem Meer im Golf von Mexiko vermutet.
Ein neuer Optimismus hat die Branche erfasst. Schon werden Stimmen laut, die die Ölversorgung in den kommenden Jahrzehnten dank der neuen Funde als gesichert sehen. Denn nicht nur die Größe, sondern auch die hohe Zahl der Neuentdeckungen ist überraschend. Innerhalb der ersten Jahreshälfte summierten sich die Funde auf 10 Milliarden Barrel Öl, rechnet das renommierte Energie-Beratungsunternehmen IHS Cera vor.
Mit nicht weniger als 200 Funden könnte 2009 für die Industrie zum erfolgreichsten Jahr seit einem Jahrzehnt werden. Denn nicht nur im Golf von Mexiko, vor der Küste Südamerikas und vor Sierra Leone wurden Vorkommen entdeckt. Ebenso wurden neue Quellen in Australien, Norwegen, Russland und dem Irak ausgemacht. Davon profitieren mächtige Anbieter wie Branchenprimus Exxon Mobil, primär aber kleine Unternehmen wie Tullow Oil.
Doch die Natur macht es den Explorationsunternehmen nicht leicht, die Schätze zu heben. Das Tiber-Feld im Golf von Mexiko liegt zum Beispiel etwa 400 Kilometer südöstlich der texanischen Stadt Houston in einer Meerestiefe von mehreren Kilometern. Große schwimmende Plattformen sind nötig, deren Bohrer sich durch Wassertiefen von mehreren Kilometern erst einmal bis zum Meeresboden vorarbeiten müssen. Danach geht es für den Bohrer durch kilometertiefe Schichten von Salz und Gestein. Der Aufwand hat seinen Preis. Tiefseebohrungen können den Auftraggeber schnell 100 Millionen Dollar kosten.
Gebohrt wird in alle Richtungen
Der kostbare Rohstoff lässt sich auch aus Ölsanden gewinnen, die vor allem in Kanada vorkommen. Das Ölsandgemisch zu fördern und zu verarbeiten ist technisch jedoch aufwendig und teuer. „Die Erschließung läuft langsam, und nur 1,5 Prozent der weltweiten Ölversorgung findet über Ölsande statt“, erläutert Fachmann Bukold. Ölsande bleiben daher ein Nischenthema.
Bei den traditionellen Bohrungen hat der technische Fortschritt hingegen einige Verbesserungen gebracht. „Es wird immer üblicher, nicht nur vertikal in die Tiefe zu bohren, sondern den Bohrer in jede beliebige Richtung auszurichten“, sagt Bukold. „Viele Vorkommen lassen sich durch eine horizontale Bohrung besser und schneller ausbeuten.“ So könne man in weitere Ölschichten vordringen, denn Öl sei im Boden nicht wie in einem See vorhanden, sondern wie in einem Schwamm im Gestein verteilt.
Obwohl 2009 zum erfolgreichsten Jahr für die Erdöl-Pioniere seit der Jahrtausendwende werden könnte, bezweifeln Branchenvertreter, dass das neue Angebot ausreichen wird, um den Öldurst der kommenden Jahrzehnte zu stillen. Zwar haben die Verfechter der sogenannten Peak-Öl-These, die davon ausgehen, dass der Zenit der Ölproduktion schon überschritten ist, während der Krise weniger Gehör gefunden als zu Zeiten, als der Ölpreis bei 147 Dollar je Barrel stand - verstummt sind sie jedoch keineswegs.
Gerne erinnern sie daran, dass gerade auf den gigantischen Ölfeldern im Nahen Osten, die vor allem in den sechziger Jahren erschlossen wurden, die Produktion zurückgeht. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) nimmt die Förderung auf diesen 500 größten Feldern jedes Jahr um 9 Prozent ab. Gab es vor 20 Jahren noch 15 Felder mit einem Ausstoß von mehr als einer Million Barrel am Tag, sind mittlerweile nur noch vier übrig.
Das brasilianische Tupi-Feld wird auf 8 Milliarden Barrel Öl geschätzt
Willem de Meyer, Erdölspezialist bei der auf Rohstoffe spezialisierten Fondsgesellschaft Earth Resource Investment Group (ERIG), bezweifelt, dass die neuen Funde ausreichen, um die Nachfrage in den kommenden Jahren zu bedienen. „Das Angebot ist ernsthaft unter Druck. Die neuen Funde mögen den Engpass hinauszögern, aber sie werden es nicht verhindern“, sagt de Meyer. Selbst die großen Funde der vergangenen Wochen reichten kaum aus, um den weltweiten Bedarf mehr als ein paar Wochen zu stillen. „Die mögliche Erdöl-Ausbeute bei dem Tupi-Feld vor der brasilianischen Küste wird auf 8 Milliarden Barrel Öl geschätzt. Bei einem weltweiten Energiedurst von 85 Millionen Barrel am Tag, reicht es noch nicht einmal hundert Tage“, sagt de Meyer.
Die Ausbeute des Tiber-Felds im Golf von Mexiko fällt mit geschätzten 3 Milliarden Barrel noch weitaus magerer aus. „Das reicht gerade einmal zwölf Tage“, rechnet de Meyer vor. Um die Situation auf dem Ölmarkt nachhaltig zu entspannen, müssten seiner Ansicht nach noch sehr viel mehr Felder in dieser Größenordnung gefunden werden. Doch die Finanzkrise und der Einbruch des Ölpreises erschwerten es den Unternehmen, ihre Projekte zu finanzieren. „Die Budgets für dieses Jahr und das kommende sind 30 Prozent niedriger als 2008“, sagt de Meyer. Zudem seien ein paar Unternehmen ganz vom Markt verschwunden: „Der Rückgang der Investitionen aufgrund der Krise war sehr viel stärker als der Rückgang der Nachfrage.“ Von ihrem Höchststand von 86 Millionen Barrel 2007 ist die Rohölnachfrage um 3 Millionen Barrel auf 83 Millionen Barrel in diesem Jahr gefallen, also gerade einmal um 3 Prozent.
Peter Jackson, bei dem amerikanischen Energieberatungsunternehmen IHS Cera für Produktion zuständig, schätzt die Lage auf dem Ölmarkt in den kommenden Jahren sehr viel entspannter ein. Durch den Nachfragerückgang während der Finanzkrise hätte sich das tägliche Plus an Erdöl, das trotz bestehender Kapazitäten nicht gefördert würde, von 2 Millionen Barrel auf 6,5 Millionen Barrel am Tag erhöht. Das sei der höchste Wert seit 1988. „Das ist ein wichtiger Puffer für die Zukunft“, sagt Jackson. In den kommenden 20 Jahren sieht Jackson keinerlei Anzeichen für Engpässe auf der Angebotsseite - bis dahin werde das Angebot steigen, solange der Ölpreis nicht weiter sinke. Auch für die Zeit nach 2030, nachdem der Zenit erreicht sei, bestehe kein Grund zur Panik.
„Wir verharren dann erst einmal auf einem Tableau, von wo aus das Angebot dann ganz langsam fällt“, prognostiziert er. Jackson beurteilt die neuen Funde auch weitaus optimistischer als sein Kollege aus der Fondsbranche. Die Entdeckungen würden das Angebot langfristig entspannen, vor allem weil das Potential noch lange nicht ausgeschöpft sei. Neben den Fundorten entlang der amerikanischen und ostafrikanischen Küste seien auch Westgrönland, Madagaskar und die Falkland-Inseln vielversprechende neue Explorationsgebiete.
Schwer zugängliche Schätze
Die andere wichtige Variable, die darüber entscheiden wird, wie ent- oder angespannt die Lage auf dem Ölmarkt in den kommenden Jahren sein wird, ist die Nachfrage. Doch ihre Entwicklung ist ebenso ungewiss wie das Angebot. Im Jahre 2008 hatte die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) für das Jahr 2030 noch einen globalen Verbrauch von 113 Millionen Barrel am Tag prognostiziert. Mittlerweile rechnet die Opec jedoch nur noch mit einer Steigerung der Nachfrage von aktuell 83 Millionen Barrel auf 106 Millionen Barrel. Auch die IEA geht von einer Steigerung des Verbrauchs auf mehr als 100 Millionen Barrel am Tag innerhalb der kommenden 20 Jahre aus.
IHS Cera rechnet damit, dass der Verbrauch bis zum Jahr 2014 auf 89 Millionen Barrel wachsen wird. Dabei gehe die Belebung der Nachfrage vor allem von den Schwellenländern aus. Alleine China stehe für 1,6 Millionen Barrel der zusätzlichen Nachfrage.
Auch wenn die Meinungen darüber auseinandergehen, ob die neuen Funde das Potential haben, die Angebotssituation auf dem Ölmarkt nachhaltig zu entspannen: Einigkeit herrscht unter den Fachleuten darüber, dass ein Ölpreis von mindestens 70 Dollar je Barrel nötig ist, damit sich die Förderung der schwer zugänglichen Vorkommen überhaupt lohnt. Im Moment bewegt sich der Ölpreis um diese Marke. Ob er sich jedoch schon bald wieder in der Region jenseits der 100-Dollar-Marke aufschwingen wird, ist ungewiss.
Während die Analysten von Goldman Sachs den Ölpreis Ende des Jahres 2010 bei 95 Dollar je Barrel sehen, gehen Fachleute wie Jackson und der renommierte Öl-Analyst Fadel Gheit (siehe Interview) eher von einem Ölpreis um die 50 Dollar aus. Doch auch für diesen Fall findet Jackson tröstende Worte. „Selbst wenn das Öl nicht sofort gefördert wird, verschwinden die Vorkommen nicht.“ Stattdessen bleiben sie weiterhin dort, wo sie teilweise schon seit mehreren hunderttausend Jahren liegen - als unentdeckte und schwer zugängliche Schätze, verborgen in der Tiefsee.
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