Es war vor drei Jahren, als die Männer mit dem vielen Geld nach Mansfield kamen. Sie waren unterwegs im Auftrag von Energiekonzernen, und sie versprachen Grundbesitzern in dem entlegenen Dorf im amerikanischen Bundesstaat Louisiana mühelosen, schnellen Reichtum. Alles, was sie als Gegenleistung wollten, war die Erlaubnis, auf dem Land der Einwohner von Mansfield nach Erdgas bohren zu dürfen. Mancher ist dadurch über Nacht zum Millionär geworden, denn tief unter den Wäldern und Weiden liegt das „Haynesville-Feld“, eines der größten Gasvorkommen der Welt.
Es ist wie ein Wunder. Das Gas, das hier und an vielen anderen Orten in den Vereinigten Staaten gefördert wird, hat den Energiemarkt des Landes auf den Kopf gestellt. Die amerikanischen Erdgasreserven sind in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte gewachsen, und die Vereinigten Staaten haben Russland als größtes Förderland der Welt abgelöst. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht von einer „Gasschwemme“ mit globalen Auswirkungen. Der Gaspreis in Nordamerika hat sich seit 2005 halbiert - und das in einer Welt, in der Energie knapper und teurer geworden ist.
Fachleute sprechen von „unkonventionellem Gas“ - ein Sammelbegriff für Lagerstätten die technisch und wirtschaftlich schwer erschließbar sind. Um den Energieschatz des Haynesville-Feldes und ähnliche Vorkommen zu heben, braucht es Hightech-Methoden: Die Ingenieure müssen die massiven Felsformationen aufbrechen, indem sie große Mengen eines Cocktails aus Wasser, Sand und Chemikalien tief in die Erde pumpen. Der amerikanische Schiefergas-Boom ist das frappanteste Beispiel für einen von der breiten Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommenen Technologie-Sprung im Energiegeschäft.
Im Erdgasgeschäft ist Australien eines der neuen Zentren
Andere Länder hoffen darauf, dank des technischen Fortschritts ähnlich gewaltige Gasvorräte wie die Amerikaner heben zu können. In Polen werden die größten Schiefergasvorkommen Europas vermutet. Auch in Deutschland sind die Energiekonzerne aktiv geworden. China, Indien und Indonesien wollen ihre Schiefergasvorkommen ebenfalls anzapfen.
Aber der Wandel reicht weiter. Rund um den Globus werden auf der Jagd nach Öl und Gas Methoden eingesetzt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Zuvor als unerreichbar oder hoffnungslos unwirtschaftlich geltende Lagerstätten können jetzt ausgebeutet werden. Im Erdgasgeschäft ist Australien eines der neuen Zentren. Hier hat die Branche mit der Erschließung großer Vorkommen in Kohleflözen begonnen. Zugleich rückt der bislang noch regional stark fragmentierte Gasmarkt immer enger zusammen: Erdgas wird mittlerweile durch starke Kühlung verflüssigt. Der Vorteil dieser aufwendigen Methode: Das „Liquified Natural Gas“ (LNG) kann in Tankschiffen verfrachtet werden.
In Kanada baggert Shell schon heute im Tagebau nach Öl
Auf diesem Weg werden Distanzen überwunden, die via Pipeline nicht überbrückt werden können. Am Bestimmungsort wird das Flüssiggas wieder in Gas umgewandelt und in die regionalen Netze eingespeist. Der globale LNG-Handel wächst rapide. In Qatar hat Shell derweil die weltgrößte Raffinerie zur Umwandlung von Erdgas in Flüssigtreibstoff in Betrieb genommen. Das sogenannte GTL (Gas to Liquid) wird etwa Diesel beigemischt und soll in Zukunft auch Flugzeuge antreiben.
Auch im Ölgeschäft wird bisher Unmögliches möglich gemacht. Selbst in der Arktis gibt es inzwischen Probebohrungen. In Kanada baggert Shell schon heute im Tagebau nach Öl: Der niederländisch-britische Konzern hat dort Milliarden in den Aufbau seiner Ölsandproduktion investiert. Der kostbare Energieträger wird dabei mit Hilfe von heißem Wasser und Chemikalien aus ölhaltigem Boden extrahiert.
Die maximalen Wassertiefen sind doppelt so groß wie vor zehn Jahren
Im „goldenen Dreieck“ der Tiefsee-Ölförderung, das von Westafrika, Brasilien und dem Golf von Mexiko gebildet wird, stellen die Ölkonzerne derweil immer neue Tiefbohrrekorde auf. Die maximalen Wassertiefen, in denen sie heute operieren, sind doppelt so groß wie vor zehn Jahren - und die Jagd geht trotz der verheerenden BP-Ölpest im Golf weiter. Brasilien hat mit der Entdeckung des Tupi-Ölfelds vor seiner Küste das große Los gezogen. Es ist einer der größten Ölfunde in den vergangenen Jahrzehnten. Aber der brasilianische Staatskonzern Petrobras und seine Partner müssen das schwarze Gold, das im Südatlantik unter einer dicken Salzschicht lagert, aus 6000 Meter Tiefe nach oben pumpen.
Mit dem technischen Aufwand wachsen die ökologischen Kosten, und das gilt nicht nur für die BP-Katastrophe im Golf von Mexiko. Die energieaufwendige Ölsandförderung von Shell gilt Umweltschützern wegen Wasserverschmutzung, Landschaftszerstörung und hohen Klimagasemissionen als Ökofrevel. Das ruft inzwischen auch die Politik auf den Plan: Connie Hedegaard, der für den Klimaschutz zuständige EU-Kommissar, lässt ein Einfuhrverbot für Treibstoffe, die aus Ölsand gewonnen werden, prüfen.
Neue Energievorkommen zu erschließen wird immer aufwendiger
Auch die Erdgasförderung aus Schiefergestein und Kohleflözen, die unter anderem das Grundwasser gefährdet, ist heftig umstritten. „Wenn die Energiebranche ein goldenes Zeitalter für Gas haben will, dann braucht sie goldene Sicherheitsstandards“, mahnt Fatih Birol, der Chefökonom der IEA. Wie dramatisch die Folgen der Hightech-Energiejagd sein können erfuhren kürzlich die Einwohner des englischen Seebads Blackpool. Im Frühjahr mussten dort Schiefergas-Probebohrungen gestoppt werden, nachdem mehrfach die Erde gebebt hatte.
Vor allem die großen westlichen Ölkonzerne wie Exxon-Mobil, Shell und BP verschieben die ökonomischen und technologischen Grenzen immer weiter. „Sie haben keine andere Wahl, als teure Projekte mit hohen Risiken anzugehen“, sagt der Energieökonom Alex Kemp von der Universität Aberdeen. Die einfach zu erschließenden Öl- und Gasquellen sind in zunehmendem Maße entweder ausgeschöpft, oder sie werden von mächtigen Staatskonzernen wie Saudi Aramco und National Iranian Oil kontrolliert.
Durch hohe Energiepreise lohnen sich aufwendige Fördermethoden
Aber es ist nicht nur der technische Fortschritt, der auf der Jagd nach Energie neue Horizonte eröffnet: Nur bei hohen Preisen wird, was technisch möglich ist, auch wirtschaftlich rentabel. „Viele Tiefseebohrungen rechnen sich erst ab einem Ölpreis von 60 bis 70 Dollar je Fass“, sagt Julie Wilson vom Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. Auch die Ölsandförderung in Kanada ist extrem teuer. Das ist kein Hindernis mehr: Allen Sorgen um den Klimawandel zum Trotz ist der globale Energieverbrauch seit der Jahrtausendwende um mehr als ein Viertel gestiegen.
Das Fass Brent-Rohöl zu 159 Liter kostet heute rund 110 Dollar - mehr als zehnmal so viel wie Ende der neunziger Jahre.
Bitte schnellstens Fracking verbieten!
Raoul Duke (RaDuke)
- 04.07.2011, 13:59 Uhr
@Raoul Duke
Michael Scheffler (Striesner)
- 04.07.2011, 14:42 Uhr
Herr Duke - Wie wollen Sie denn sonst eine Industriegesellschaft betreiben
Horst Trummler (Vandale6906)
- 04.07.2011, 15:14 Uhr
