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Öffentlicher Verkehr Busunternehmen kritisieren Staatsnähe der Konkurrenz

 ·  Vom neuen Jahr an können Busunternehmer hierzulande Fernverkehr anbieten und somit der Deutschen Bahn Konkurrenz machen. Diese ist bisher der größte Anbieter im Bus-Geschäft.

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© dpa Vergrößern Viele Busunternehmer sind zuversichtlich, da sie große Lücken im Fernverkehrsangebot der Bahn sehen

Wolfgang Steinbrück ist Busunternehmer. Seine Busse fahren von Berlin nach Thüringen und von Dresden nach Frankfurt. Bald könnte sich einiges ändern im deutschen Busgeschäft - auch für Steinbrück. Denn vom neuen Jahr an können Busunternehmer hierzulande Fernverkehr anbieten; sie können also der Deutschen Bahn Konkurrenz machen. Fast achtzig Jahre lang war ihnen das (vom Berlin-Verkehr abgesehen) verboten - zum Schutz der Staatsbahn. Das ändert sich nun mit der Liberalisierung, die die schwarz-gelbe Koalition eingeleitet hat, um dem Kunden mehr Auswahl in der Mobilität und günstigere Preise zu ermöglichen.

Künftig muss kein Busunternehmer mehr eine Konzession beantragen, er kann einfach Busse auf die Strecke schicken. Nur eine einzige Bedingung stellt die Politik noch zum Schutz des staatlich subventionierten Schienennahverkehrs: Die Haltestellen der Fernbusse müssen mindestens 50 Kilometer voneinander entfernt liegen, und die Fahrzeit zwischen zwei Halten muss mindestens eine Stunde dauern.

Bis vor kurzem sah Steinbrück, der zugleich Präsident des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) ist, die Liberalisierung als Chance für den Mittelstand. Mit Unverständnis reagiert er jedoch auf die Ankündigung der Deutschen Post, bald zusammen mit dem Automobilklub ADAC Fernbusse zu betreiben. „Aus Sicht der privaten Omnibusunternehmen ist es bedenklich, wenn die Liberalisierung, die den Markt ja für möglichst viele Unternehmen öffnen sollte, durch die finanzielle Macht eines Dax-Konzerns mit großer Staatsnähe ausgehebelt wird“, sagt Steinbrück.

Die Bahn plant keine Ausweitung des Engagements

Mehr als ein Viertel der Aktien der Post lägen bei der staatlichen KfW und damit indirekt beim Bund. „Wenn die Politik Märkte liberalisiert und dann zusieht, wie ein ehemaliger Staatskonzern dick mitmischen will, wird der deutsche Mittelstand in die Röhre schauen“, befürchtet Steinbrück.

Die Post will zusammen mit dem ADAC von 2014 an in ganz Deutschland ein Fernbusnetz aufbauen. „Hochwertig und schnell“ solle es sein und die wichtigsten Metropolen verbinden, teilen die Partner mit. „Die Zeit ist reif für eine preisgünstige, sichere und komfortable Mobilitätsalternative“, sagt Jürgen Gerdes, Briefvorstand der Deutschen Post. Diese Chance sehen auch andere Wettbewerber: Schon 2013 wollen die Deutsche Touring sowie das britische Unternehmen National Express hier fahren. Auch Neulinge wie MeinFernbus.de drängen auf den Markt, den einige auf ein zusätzliches Milliardenvolumen schätzen.

Derzeit erwirtschaften nach BDO-Angaben rund 4.700 private und öffentliche Busunternehmen mit 144.000 Beschäftigten 6,6 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, überwiegend im Nahverkehr und in der Bustouristik. Die Deutsche Post, die schon früher einmal Busse betrieb, ist indes nicht der einzige Staatskonzern auf dem Markt. Heute schon ist die Deutsche Bahn größter Anbieter im Bus-Geschäft. Der Bahnkonzern plant aber momentan keine Ausweitung seines Engagements. DB-Fernverkehrsvorstand Ulrich Homburg bezweifelt die Marktchancen. „Wir schätzen das Umsatzvolumen nur auf 150 bis 300 Millionen Euro im Jahr - und nicht auf das Zehnfache“, sagt er.

„Wir werden erst investieren, wenn wir glauben, dass wir auf dem Markt auch Geld verdienen können.“ Die Bahn werde nicht versuchen, zu Lasten der eigenen Bilanz Wettbewerber zu verdrängen. Homburg ärgert sich, dass Fernbusse keine Autobahnmaut zahlen müssen: „Jeder Lkw zahlt Maut, jeder Zug Trassengebühren: Wir können nicht verstehen, dass die Politik ein neues Angebot so subventioniert.“ Die Margen werden nach Homburgs Einschätzung klein sein. Den Bus-Fahrgast werde man nur über den Preis gewinnen, da die Fahrzeiten jene auf der Schiene weit überträfen. „Auf wesentlichen Fernverkehrsstrecken wird die Schiene nicht unter dem neuen Angebot leiden“, ist sich Homburg sicher.

Das Bundesverkehrsministerium dagegen schätzt den Anteil, auf dem die Busse den Zügen Konkurrenz machen könnten, auf einigen Abschnitten auf bis zu 20 Prozent. Auch viele Busunternehmer sind zuversichtlich. Sie sehen große Lücken im Fernverkehrsangebot der Bahn, etwa bei den Städteverbindungen in Baden-Württemberg. Ganz gelassen sieht auch Homburg die bevorstehende Marktöffnung nicht: „Die Bahn ist jederzeit reaktionsfähig“, sagt er. „Wir haben ein vollständiges Bus-Konzept für ein flächendeckendes Netz in der Schublade.“

BDO-Chef Steinbrück gefällt das nicht: „Die privaten Busunternehmen vertreten die Auffassung, dass es wenig Sinn macht, wenn eine Bundesbeteiligung (Post) der anderen (Bahn) jetzt wieder Konkurrenz machen will und die kleinen und mittleren Unternehmen zuschauen müssen, wie sich ihr Markt unter dem Säbelgerassel der Großen in Rauch auflöst.“ Steinbrück befürchtet überdies eine Quersubventionierung in den großen Konzernen. Er fragt: „Sollte die Post mit ihren Plänen baden gehen, zahlt dann die Zeche der Briefkunde?“

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