24.11.2009 · Nach dem überraschenden Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden stellt sich die Frage nach dem Nachfolger der Spitze des Industriekonzerns. Der kommissarische Chef Georg Pachta-Reyhofen könnte dauerhaft zum neuen Firmenlenker ernannt werden.
Von Rüdiger KöhnNoch am Montagvormittag lud der MAN-Konzern zum traditionellen vorweihnachtlichen Kamingespräch mit der Presse am 18. Dezember ein. Da wollte Hakan Samuelsson eigentlich eine Tour d`Horizon machen – einschließlich Korruptionsaffäre. Die wollte der Konzern eigentlich zu größten Teil bis dahin abgearbeitet haben. Nur wenige Stunden nach der Einladung erschütterte die Nachricht über den Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden die Unternehmenszentrale in der Münchener Ungererstraße. Samuelsson hat die Verantwortung für den Korruptionsskandal übernommen, der im Mai durch eine Großrazzia von Staatsanwaltschaft, Polizei und Finanzbeamten schlagartig bekannt wurde.
Hätte sich die für viele Mitarbeiter als Hiobsbotschaft empfundene Nachricht seit längerem abgezeichnet, die Einladung zum Kamingespräch wäre wohl nicht mehr verschickt worden. Sehr schnell verschwand das Konterfei von Samuelsson im Internetauftritt des Münchener Industriekonzerns, der Lastwagen, Busse, Dieselmotoren und Turbomaschinen im Angebot hat. Stattdessen ist Georg Pachta-Reyhofen an die Spitze gerückt – „kommissarisch“, wie es heißt. Der 54 Jahre alte Manager führt den Konzern parallel zu seiner bisherigen Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender der Tochtergesellschaft MAN Diesel mit Sitz in Augsburg.
Aus dem kommissarischen Chef könnte ein dauerhafter werden. Denn im Unternehmensumfeld kursieren Gerüchte, wonach Pachta-Reyhofen tatsächlich zum künftigen Konzernchef berufen werden könnte. Ihm wird als Maschinenbauingenieur die neue Aufgabe zugetraut. Er ist zudem durch seine Vorkenntnisse breit aufgestellt, weil er das Lastwagenwerk in der Türkei mit aufgebaut hat. Eingetreten in den Konzern ist er 1986, wo er in der österreichischen Tochtergesellschaft begann, die heute für MAN Militärfahrzeuge herstellt. In den Konzernvorstand kam er im Juli 2006. Er übernahm die Verantwortung für den Bereich Dieselmotoren.
Wolfsburg plant enge Verzahnung von MAN, Scania und VW geplant
Es überrascht etwas, dass der 53 Jahre alte Anton Weinmann als Vorstandschef der mit Abstand größten Konzernsparte Nutzfahrzeuge das Nachsehen hat. Während Diesel und Turbo bislang noch relativ robust durch die Krise kommen, schreibt die Nutzfahrzeugsparte in den ersten neun Monaten ohne die neue Tochtergesellschaft in Brasilien Verluste von 59 Millionen Euro. Der Auftragseinbruch von 53 Prozent als Folge der Wirtschaftskrise zwingt zur größten Aufmerksamkeit. So gesehen wäre eine Übernahme der Gesamtverantwortung durch Weinmann naheliegend gewesen. Gegen ihn spricht jedoch, dass er Betriebswirtschaftler und Zahlenmensch ist, damit wenig technische Vorkenntnisse hat.
Pachta-Reyhofen ist derzeit federführend mit der zum Januar 2010 geplanten Zusammenführung der beiden Konzernsparten Dieselmotoren und Turbomaschinen beschäftigt. Sie sollen nicht nur ein stärkeres Gegengewicht zum dominierenden Nutzfahrzeuggeschäft bilden. Sie könnten im Falle der geplanten umfassenden Neuordnung der Nutzfahrzeugsparte im Volkswagen-Konzern separiert, veräußert oder an die Börse gebracht werden. Volkswagen, mit 29,9 Prozent größter Aktionär des Dax-Konzerns MAN, hält zugleich die Stimmenmehrheit von knapp 71 Prozent am schwedischen Konkurrenten Scania. Die Wolfsburger planen eine engere Verzahnung von MAN, Scania und VW Nutzfahrzeuge. Schon am Montag wurde der Rücktritt von Samuelsson von manchen Analysten als Zeichen gewertet, die Integration könnte beschleunigt werden.
Die eigentliche Begründung für die Personalentscheidung, nämlich die Übernahme der Verantwortung für die Schmiergeldaffäre, wurde in den Hintergrund gedrängt. Gegen eine zügigere Bündelung der Nutzfahrzeuggeschäfte unter dem VW-Dach spricht allerdings, dass die Wolfsburger derzeit organisatorisch wie finanziell mit der Übernahme von Porsche beschäftigt sind. Das Aufstocken der MAN-Anteile würde aus heutiger Sicht mindestens 1,7 Milliarden Euro kosten, sollte eine Beteiligung von etwas mehr als 50 Prozent erreicht werden. Es kann auch deutlich mehr werden. Denn mit Überschreiten der Schwelle von 30 Prozent müsste VW ein freiwilliges Übernahmeangebot unterbreiten. Somit halten Marktbeobachter eine neue Nutzfahrzeugallianz immer noch für ein eher mittelfristig ausgelegte Szenario. Die Übernahme von Porsche soll mit einer Verschmelzung womöglich 2011 angeschlossen sein.
Plädoyer für den Erhalt der Unabhängigkeit soll für Unmut gesorgt haben
Der Schwede Samuelsson hoffte, dass ein zusammengeführter neuer Nutzfahrzeughersteller, der deutlich gegenüber dem europäischen Marktführer Daimler aufholen würde, unter der Ägide von MAN vonstatten geht. Immer wieder plädierte er dafür, dass das Münchener Unternehmen breit an der Börse gestreut bleiben müsse. Das Plädoyer für den Erhalt der Unabhängigkeit, ist aus dem Umfeld von VW zu hören, soll bei dem größten europäischen Autokonzern für Unmut gesorgt haben; vor allem bei dessen Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender von MAN ist. Dabei wurden nicht die Qualitäten von Samuelsson im operativen Geschäft in Frage gestellt. Mit dem Verkauf der Raumfahrttechnologie, des Druckereimaschinengeschäftes (MAN Roland) und der Industriedienstleitungen (Ferrostahl) hat Samuelsson MAN zügig auf die wesentlichen und erfolgversprechenden Aktivitäten ausgerichtet.
Gegen eine reine Interimslösung Pachta-Reyhofen spricht zudem, dass der 58 Jahre alte Finanzvorstand Karlheinz Hornung nicht die vorübergehende Leitung übernommen hat. Für eine Übergangsphase hätte er die Geschäfte weiterführen können. Pachta hätte sich auf die Integration von Diesel und Turbo konzentrieren können. Doch dessen diplomatisches Auftreten – anders als beim selbstbewussten Samuelsson – kann seiner Karriere förderlich sein. Es gibt eine Parallele zur VW-Tochtergesellschaft Audi. Dort wurde Rupert Stadler Ende 2006 kommissarisch zum Vorstandvorsitzenden als Nachfolger für Martin Winterkorn ernannt, der Volkswagen-Chef wurde. Nur einen Monat später – im Januar 2007 – wurde Stadler formell zum Audi-Chef erkoren. Und noch eine Parallele gibt es: Georg Pachta-Reyhofen ist Österreicher wie Ferdinand Piëch.
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 103,69 $ | −2,96% |
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