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Nuklearallianz Siemens baut auf russische Kerntechnik

03.03.2009 ·  Seit Ende Januar zeichnet sich ab, dass Siemens bei der Atomtechnik künftig mit dem russischen Nuklearkonzern Atomenergoprom zusammenarbeiten will. Nun geht alles schneller als erwartet. Am Abend wurde eine Absichtserklärung zum Aufbau eines Gemeinschaftsunternehmens unterzeichnet.

Von Rüdiger Köhn und Andreas Mihm
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Schneller als erwartet haben sich Siemens und der russische Nuklearkonzern Rosatom auf Grundzüge einer Zusammenarbeit in der Kernenergietechnik geeinigt. Am Dienstagabend unterzeichneten sie eine Absichtserklärung zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens für das zivile Kernkraftgeschäft. Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher und Sergej Kirijenko, Generaldirektor der staatlichen Rosatom, unterschrieben den Vertrag in Berlin. Siemens hatte erst Ende Januar angekündigt, man werde sich aus der Finanzbeteiligung an und Kooperation mit dem französischen Kerntechnologiekonzern Areva zurückziehen.

Auf lange Sicht wollen Siemens und Rosatom im Bau von Kernkraftwerken kooperieren und weltweit als einer der wenigen Komplettanbieter von Kernkraftwerken auftreten, aufsetzend auf der russischen Druckwasserreaktor-Technologie. Bis Ende April sollen Einzelheiten über Struktur und Mitspracherechte geklärt werden. Über den Vertrag wird dann auch der Siemens-Aufsichtsrat befinden. Die russische Seite hatte schon den Bau eines neuen Kernkraftwerkes im ostpreußischen Königsberg (Kaliningrad) als ersten Schritt für die Zusammenarbeit vorgeschlagen.

Siemens will von der Renaissance der Kernkraft profitieren

Erst Ende Januar hatte der deutsche Industrie- und Elektrokonzern angekündigt, die seit 2001 bestehende Kooperation mit der französischen Areva aufzukündigen und sich einen neuen Partner zu suchen (siehe Siemens steigt aus Gemeinschaftsunternehmen mit Areva aus ). Siemens hatte seine gesamten Nuklearaktivitäten in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Areva eingebracht, an dem die Deutschen seitdem 34 Prozent gehalten haben. Zwar entsprach dies einer Sperrminorität und gewährte somit ein gewisses Mitspracherecht. Doch blieb Siemens weitgehend von Entscheidungen ausgeschlossen.

Das soll sich mit dem russischen Staatsunternehmen Rosatom ändern: Siemens will in einer Zusammenarbeit mit den Russen, die von Ministerpräsident Wladimir Putin stark befördert und von der deutschen Regierung zumindest mitgetragen wird, mehr operativen Einfluss ausüben. Das dürfte sich in der Konstruktion des neuen Gemeinschaftsunternehmens niederschlagen. Siemens weiß, dass man in dem von russischer Seite als „strategisch“ eingeschätzten Industriezweig keine Kapitalmehrheit bekommen wird.

Siemens will nun stärker von der weltweiten Renaissance der Kernkraftwerke profitieren. In der Branche, die in den vergangenen Jahren einem starken Konzentrations- und Fusionsprozess ausgesetzt war, ist die Rede davon, dass bis zum Jahr 2020 rund 400 neue Kernkraftwerke mit einem Marktvolumen von rund 1000 Milliarden Euro gebaut werden könnten. Das entspräche rechnerisch etwa einer Verdoppelung des heutigen Bestands. Selbst wenn nur die Hälfte davon realisiert würde, was Fachleuten realistisch erscheint, könnte die übersichtliche Branche mit vier weltweit präsenten Herstellern oder Konsortien davon erheblich profitieren.

Siemens hat keine Kompetenz mehr im „heißen Geschäft“ - aber bei Turbinen

Eine Kooperation mit den Russen scheint die einzige Option, die Siemens hat. Da die Deutschen keine Kompetenz mehr im „heißen Geschäft“ etwa mit dem Reaktor und den Brennelementen haben, können sie mit den nicht minder wichtigen Komponenten wie Turbinen, Generatoren oder Betriebsleittechnik partizipieren. Atomenergoprom, die Muttergesellschaft von Rosatom, bietet die gesamte Kette im Nuklearbereich von der Urangewinnung über Reaktoren, Brennelemente, Aufbereitung und Lagerung an. Siemens wird auch nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die russischen Kraftwerke auch westeuropäischen Sicherheitsnormen entsprächen.

Neben der französischen Areva und Rosatom - die beide die gesamte Kette vom Uranabbau über den Kraftwerksbau bis zur Aufbereitung im Programm haben - sind Toshiba/Westinghouse und General Electric/Hitachi die einzigen derzeit weltweit präsenten Konkurrenten im Kraftwerksbau. Sie wären aus deutscher Sicht für eine Zusammenarbeit eher nicht in Frage gekommen, weil sie neben dem „heißen Geschäft“ selber konventionelle Komponenten im Angebot haben.

Andererseits kommt es immer wieder zu Kooperationen. So haben Areva/Siemens Reaktoren russischer Bauart modernisiert. Gebaut werde, was und von wem die Kunden es verlangten, heißt es bei großen Energieversorgern. Da auch Kernkraftwerke aus unterschiedlichsten Komponenten - ziviler wie nuklearer Art - gebaut würden, gebe es immer Kombinationsmöglichkeiten auf Herstellerseite.

Deshalb soll die bis zur Jahresmitte geplante Aufkündigung der Finanzbeziehung von Siemens und Areva auch nicht das Ende ihrer Lieferbeziehungen bedeuten. Siemens hatte Ende Januar das Recht wahrgenommen, seinen Anteil von 34 Prozent Areva anzudienen. Dabei könnte die Transaktion dieses Paketes mit einem Wert von rund 2 Milliarden Euro normalerweise erst im Jahr 2012 erfolgen. Doch arbeiten beide Seiten an einer schnelleren Lösung. Neben dem Preis ist ein anderer wesentlicher Verhandlungspunkt auch die Konkurrenzausschlussklausel. Sie würde es Siemens normalerweise acht Jahre verbieten, in dem Nukleargeschäft tätig zu werden.

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Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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