Die niederländische Großbank ABN Amro wird möglicherweise zerschlagen. Ein Konsortium aus drei Interessenten mit der britischen Royal Bank of Scotland (RBS) als Führer kündigte in einem Schreiben an den Vorstand des renommierten Geldhauses ein Gegenangebot an. Das neue Käufertrio, dem Spaniens Banco Santander und der belgische Allfinanzkonzern Fortis angehören, will den britischen Rivalen Barclays übertrumpfen, der seit März in exklusiven Verhandlungen mit ABN Amro steht. Doch die Frist für diese Gespräche endet am kommenden Mittwoch.
Über den Vorstoß von Fred Goodwin, Chef der Royal Bank of Scotland, wurde seit Tagen spekuliert. ABN Amro bestätigte die offizielle Ankündigung des Gegenangebotes. Bislang war in Finanzkreisen von einem Doppelschlag der Schotten mit Banco Santander die Rede, die ABN Amro übernehmen und dann zerschlagen wollen. Doch diesem Duo gesellt sich jetzt mit Fortis ein weiterer Bündnispartner hinzu.
ABN Amro ist nun 68 Milliarden Euro wert
Die attraktiven Konditionen des Bankentrios dürfte der niederländische Branchenführer, der 1990 aus der Fusion der Konkurrenten ABN und Amro entstanden war, kaum ignorieren. „Vorstand und Verwaltungsrat werden den Brief sorgfältig im Rahmen ihrer Verantwortlichkeiten beurteilen“, heißt es in der Stellungnahme. Vermutet wird, dass das neue Konsortium bereit ist, bis zu 40 Euro für jede Aktie - jeweils in bar und mit eigenen Papieren - zu bezahlen.
Danach sollen die bisherigen Aktionäre von ABN Amro zu neuen Teilhabern von mindestens einem der drei neuen Eigentümer avancieren. Das Angebot von Barclays-Chef John Varley dürfte nach Schätzungen lediglich bei 34 Euro je Aktie gipfeln. Im Vorgriff auf diese Aussichten zog die Aktie von ABN Amro am vergangenen Freitag um 6 Prozent auf 35,65 Euro an. Damit ist die niederländische Großbank 68 Milliarden Euro wert. Mit dem Verkauf einzelner Unternehmensteile an drei Interessenten, so das Kalkül der Fondsmanager, lässt sich insgesamt mehr erlösen, als wenn der Konzern als Ganzes bestehen bleibt und in neue Hände übergeht.
10.000 Arbeitsplätze müssten wohl wegfallen
Um allerdings den höheren Preis für die gemeinsame Übernahme zu rechtfertigen, müssten die neuen Eigentümer umso tiefere Schnitte bei den Fixkosten in Betracht ziehen, heißt es in Londoner Finanzkreisen. So rechnen Analysten damit, dass bei einer Zerschlagung von ABN Amro konzernweit 10.000 der insgesamt mehr als 130.000 Arbeitsplätze wegfallen müssten.
Aus dem Umfeld von ABN Amro ist zu hören, dass Vorstandschef Groenink auf der Hauptversammlung am 26. April den Aktionären sein Konzept präsentieren will, um so einen chaotischen Verlauf mit endlosen Debatten etwa mit Hedge-Fonds-Vertretern zu vermeiden. Barclays und ABN Amro, die einen gemeinsamen Marktwert von rund 140 Milliarden Euro erzielen, einigten sich bislang darauf, dass der künftige Konzernsitz in Amsterdam, die operative Führung jedoch weiter von London aus erfolgen soll. Darüber hinaus werde der Vorstandsvorsitzende (CEO) von Barclays, der Chef des Verwaltungsrates (Chairman) von ABN ernannt.
Aktionärs-Aktivist für radikalen Strategiewechsel
Die drohende Bieterschlacht um ABN Amro spielt dem Londoner Hedge-Fonds The Children's Investment Fund (TCI) in die Hände. Der Aktionärs-Aktivist, der einst die Übernahme der Londoner Börse durch die Deutsche Börse vereitelte und bei ABN Amro rund 1 Prozent der Aktien hält, machte sich im Februar für einen radikalen Strategiewechsel stark.
In einem Brief an die Konzernspitze forderte TCI eine Zerschlagung beziehungsweise einen Verkauf der Bank, um so einen höheren Wert für die Aktionäre zu erzielen. Vom Vorstand wurde dies abgelehnt. Groenink hat Mitte März mit Barclays-Chef Varley einen „Weißen Ritter“ gefunden.
Viel Bewegung am weltweiten Bankenmarkt
Varleys Rivalen Goodwin wird nachgesagt, am amerikanischen Geschäft von ABN Amro, vor allem an der renommierten Bank La Salle in Chicago interessiert zu sein. Banco Santander schielt indessen auf das lateinamerikanische Geschäft sowie auf Italien, wo die Niederländer erst im vergangenen Jahr die Regionalbank Antonveneta nach einer langwierigen Übernahmeschlacht erworben hatten. Der Banken- und Versicherungskonzern Fortis indessen könnte die europäischen Aktivitäten, aber auch die asiatischen Geschäfte übernehmen; einschließlich des starken Bankfilialnetzes in den Niederlanden, wo Fortis besonders mit Versicherungen vertreten ist.
Der Allfinanzkonzern aus Belgien visiert eine breitere Geschäftsbasis - auch regional - an, um unabhängiger von den dominierenden Benelux-Märkten zu werden. Dass dabei auch größere Akquisitionen in Frage kommen, hat Fortis mit dem Interesse an der französisch-belgischen Bank Dexia gezeigt, blitzte dort aber ab. Für den Fortis-Vorstandsvorsitzenden Jean-Paul Votron kommen allerdings feindliche Übernahmen nicht in Frage.
