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Neue Bundesländer : „Vorne Z, hinten Z - Zeitz ist das Letzte“

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Liebevoll restaurierte Fassaden kaschieren kaum den Niedergang: Innenstadt von Zeitz Bild:

Bis zur Wende im Jahr 1989 war Zeitz ein florierender Industriestandort. Das war bis zum Zweiten Weltkrieg so, und das blieb bis zur Wende so. Heute hat kaum ein Industriebetrieb überlebt. Die Geschichte eines Niedergangs. Von Steffen Uttich

          An sonnigen Tagen scheint alles wie in einer ganz normalen deutschen Kleinstadt. Der Besucher bummelt an liebevoll restaurierten Gründerzeithäusern vorbei. Eisdielen laden zu einer süßen Abkühlung ein.

          Die Straßen rund um die Innenstadt sind frisch geteert, viele Fußwege neu gepflastert - und rund um die historische Moritzburg lässt es sich auf dem Gelände der drei Jahre zurückliegenden Landesgartenausstellung immer noch wundervoll flanieren.

          Eine ganze Generation ist weg

          Um das Elend dieser Stadt zu erkennen, muss der Besucher über fünfzehn Jahre nach der deutschen Einheit schon etwas genauer hinschauen: In die Gesichter der Menschen, die in der Innenstadt unterwegs sind - selten ist darunter ein junges zu entdecken.

          Mit Vollgas in den Aufschwung. Aufschwung? Südzucker ist einer der letzten Arbeitgeber in Zeitz

          Es hat hier im südlichsten Zipfel von Sachsen-Anhalt den Anschein, als ob eine ganze Generation wie vom Erdboden verschluckt wurde. Und eigentlich ist das auch so: Von knapp 45.000 Einwohnern vor dem Fall der Mauer leben jetzt noch rund 28.000 in der Stadt, nur ein Drittel davon ist unter 40 Jahre alt.

          Die Jungen sind gegangen

          Es sind vor allem die Jungen und Flexiblen, die die Flucht ergriffen haben - und immer noch ergreifen. Oberbürgermeister Dieter Kmietczyk (parteilos) kann es ihnen nicht verdenken. Kmietczyk kam aus den Reihen der Bürgerbewegten nach der Wende zu seinem Amt. Ein bisschen pflegt er noch diese Vergangenheit, wenn er mit dem Dienstfahrrad statt mit dem Dienstauto in seiner Stadt unterwegs ist.

          In Zeitz ist das Fahrradfahren wegen der bergigen Straßen gar nicht so einfach. Aber was ist schon einfach in einer Stadt, in der innerhalb weniger Jahre fast alle industriellen Arbeitsplätze verlorengingen und die Arbeitslosenquote heute bei 20 Prozent liegt. Im Februar 1998 lag die Quote sogar bei unglaublichen 32,3 Prozent.

          Zu DDR-Zeiten war Zeitz eine Industriestadt

          Das Hydrierwerk mit 4000 Mitarbeitern, der Maschinenbauer Zemag mit 2500 Mitarbeitern, die größte europäische Kinderwagenfabrik Zekiwa mit 2000 Mitarbeitern - Zeitz war zu DDR-Zeiten eine Industriestadt. Nahrungsmittel, Kosmetik, Textil - viele Branchen waren innerhalb der Stadtgrenzen zu Hause.

          Vor den Toren lag noch in Richtung Leipzig ein riesiges Braunkohlerevier, in Richtung Gera pendelten viele Einwohner zur Wismut AG in die Urangruben. Eine Vielfalt an Betrieben - fast alle sind Vergangenheit.

          An Zeitz hatten die Politiker kein Interesse

          Die großen Fabriken in der Stadt waren nicht groß genug, um etwa wie das nahe gelegene Leuna schon aus politischen Gründen als erhaltenswert zu gelten. Und nicht klein genug, um flexibel auf das neue Umfeld zu reagieren.

          Die kleineren Betriebe scheiterten daran, weil sie versuchten, ihr eigenes Süppchen zu kochen. Oder weil aus dem Westen die Geschäftemacher kamen, die noch schnell ein paar Fördermittel mitnahmen und den Laden danach dichtmachten. „Die Geschäftsführungen waren teilweise auch sehr blauäugig“, erinnert sich Kmietczyk. Die entlassenen Arbeiter reagierten darauf mit Resignation oder bestellten den Umzugswagen.

          Triste Brache statt blühende Industrie

          Heute sind die größten Arbeitgeber neben der öffentlichen Verwaltung eine Zuckerfabrik mit einem Bioäthanolwerk der Südzucker AG und ein italienischer Kunststoffhersteller namens Radici, beide mit weniger als 600 Beschäftigten. Von der industriellen Vergangenheit künden leere Flächen, die das Stadtbild an vielen Ecken prägen. Von der Kinderwagenfabrik blieb nur noch eine Wand übrig, die aus Denkmalschutzgründen stehengelassen wurde.

          Durch die einst abgeschotteten Betriebsgelände führen nun öffentliche Straßen. Welche Tradition hier brachliegt, wird bei einem kleinen Bummel durch die Stadt deutlich. Fabrikantenvillen künden noch vom Wohlstand der Gründerzeit. Ein Badehaus, das vom einstigen Kinderwagenfabrikanten Näther gestiftet wurde, lässt erahnen, wie vor den großen Kriegen Unternehmer und Stadt miteinander verflochten waren.

          Wer kann, der geht

          Trotz der Millionen an Fördermitteln, die geflossen sind, trotz herausgeputzter Häuser und neuer Straßen: Die Stimmung in der Stadt ist schlecht. „Das Problem der Leute ist nicht das Geld“, hat Diakon Günter Helgert von der kleinen katholischen Gemeinde beobachtet. „Die Menschen belastet, dass sie keine Arbeit haben, dass sie nicht mehr gebraucht werden.“ Und dass so viele wegziehen.

          Es entsteht der verheerende Eindruck, hängengeblieben zu sein - und hoffnungslos verloren. Keine aggressive, eine depressive Stimmung macht sich dadurch breit, durchzogen von Galgenhumor. „Nützt nüscht“, ist eine häufig gehörte Formel im Dialekt der Gegend, wenn die Leute auf die trostlose wirtschaftliche Lage zu sprechen kommen.

          Vorne Z und hinten Z

          Aus DDR-Zeiten ist das Image der Stadt ohnehin schon arg ramponiert. „Vorne Z und hinten Z - Zeitz ist das Letzte", heißt es spöttisch bis heute. Bis zum Mauerfall war die Stadt grau und die Luft dreckig. Dass sich nun wieder durchatmen lässt, dafür war vielen aber der Preis zu hoch - gezahlt wurde mit Deindustrialisierung.

          „Wir müssen den Ruf aufpolieren“, hat sich der radfahrende Bürgermeister vorgenommen. Der Zuschlag für die Landesgartenschau 2004 war ein Schritt in diese Richtung. Doch die Abwanderungsstatistik spricht immer noch eine eindeutige Sprache.

          Während also die Gegenwart trostlos erscheint, klammern sich die Hoffnungen an die Zukunft - und die Vergangenheit. Denn in der Weltwirtschaftskrise ging es der Stadt noch schlechter als heute. Schon damals hieß es: Zeitz stirbt. „Sie sehen“, sagt Kmietczyk, „Totgesagte leben länger.“

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