Home
http://www.faz.net/-gqi-urga
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nachbau Londoner Taxis bald auf Chinas Straßen

02.05.2007 ·  Die britische Automobil-Ikone wird künftig auch in China gebaut. Billig produziert sollen die Taxis aus Schanghai den Weltmarkt erobern. Das Original ist dafür viel zu teuer.

Von Christoph Hein, Schanghai
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn ein Taxi gut genug ist für die britische Königin, dann sollte es das auch für Millionen von Chinesen sein. Bald werden sie es ausprobieren können: Denn die britische Automobil-Ikone - das Dach so hoch, dass auch der Bankier mit seinem Bowler bequem Platz findet - soll in China hoffähig werden. Dort billig hergestellt, wird es dann losrollen, den Weltmarkt zu erobern.

Mit etwa 180.000 Yuan (17.189 Euro) kosten die Londoner Taxis „made in China“ nur noch in etwa ein Drittel dessen, was die Briten verlangen. „Klar, wir müssen die Kosten verringern, wollen wir das Londoner Taxi weltweit verkaufen“, sagt Mark Fryer, beim Originalhersteller Manganese Bronze Holdings Plc für Strategie und Finanzen zuständig. „Wir haben eine riesige Datenbank mit Kaufinteressenten. Aber unser Preis ist ganz einfach zu hoch. Unsere Interessenten wollen Fahrzeuge, die weniger als 15 000 Pfund (22.115 Euro) kosten.“ Derzeit aber liegt der Verkaufspreis bei mindestes 30.000 Pfund. Für die Volksrepublik wird freilich auch das „London-Taxi made in China“ noch relativ teuer sein, verglichen vor allem mit den klapprigen Santanas von Volkswagen, die als Taxis in Schanghai ihre Passagiere befördern. 20 000 Wagen wollen die Chinesen in ihrer Fabrik in Schanghai im Jahr herstellen, bei 30.000 liegt die Fertigungskapazität in England. Ende 2007 sollen die China-Cabs auf den heimischen Markt rollen, ein Jahr später in den Export gehen.

Die Briten halten nur eine Minderheitsbeteiligung

Grundlage der Einführung der Ikone von der Insel ist ein Vertrag zwischen Geely Holding Group, dem in Hangzhou ansässigen größten privaten Automobilkonzern Chinas, und Manganese für ein Gemeinschaftsunternehmen. An ihm halten die Briten mit 48 Prozent eine Minderheitsbeteiligung. Um sie zu finanzieren, geben sie junge Aktien aus, die wiederum Geely kauft. Am Ende wird Geely mit 23 Prozent an Manganese beteiligt sein, und damit durchgerechnet eine deutliche Mehrheit an der Produktion in Schanghai halten. Zwei Sitze im Gremium (Board) des britischen Automobilherstellers sprangen für die Chinesen als seine nun größten Anteilseigner auch noch heraus - und damit der so begehrte Einblick in Fertigung und Handel im Westen.

Während Geely für den Taxihandel in Asien zuständig sein soll, wollen die Briten den Rest der Welt betreuen. Wichtig für sie: Dank Geely kommen sie an Bauteile, die leicht um die Hälfte billiger ausfallen können, als wenn sie weiterhin in Europa gefertigt würden. Doch auch quantitativ stehen die Engländer vor einem Quantensprung, erfüllen sich die Erwartungen: Bislang verkauft Manganese nur rund 2500 Taxis im Jahr, 90 Prozent davon auf der Insel.

Große Hoffnungen

Warum aber sollten die sparsamen Chinesen sich den Luxus gönnen, in einem teureren Gefährt chauffiert zu werden? Und warum sollen die Taxiunternehmen im Fernen Osten überhaupt so viel Geld für ein solches Fahrzeug ausgeben? Liu Jinliang, Vizepräsident von Geely, glaubt die Antwort zu kennen: „Unser Taxi, der TX4, kann bis zu 1,5 Millionen Kilometer laufen - andere kommen vielleicht auf 500 000. Das also rechnet sich“, sagt er. Auch wolle Geely im Franchiseverfahren ein landesweites Netzwerk für seine Taxis hochziehen: Über ein und dieselbe Rufnummer könnten Kunden dann chinaweit das Gefährt mit dem Charme der Alten Welt buchen. Und außerdem werde sein Wagen immerhin sechs Fahrgäste aufnehmen statt vier, wie die anderen Taxis auf Chinas Straßen, meint Liu. Interessant sei schließlich auch der Export: So gibt es zwar etwa im Stadtstaat Singapur schon ein paar Londoner Taxis. „Aber 2008 will Hongkong die Entscheidung zur Erneuerung seiner Flotte treffen, da rechnen wir uns Chancen aus. Zudem haben uns schon einige Nachbarländer angesprochen.“ Für Geely ist das Edelgefährt mit seinen Londoner Wurzeln die Krönung eines sehr eigenen Weges: Vor gerade zwei Dekaden hatte Li Shufu seine Firma gegründet, um Einzelteile für Kühlschränke zu liefern. Es folgten Bauteile für die Innenausstattung von Wohnungen und Häusern, dann Motorräder und schließlich Automobile. Auf der Auto-Messe in Schanghai zeigt Geely nun 14 neue Modelle. Die Hoffnungen sind groß: Im vergangenen Jahr stieg der Absatz des achtgrößten chinesischen Automobilherstellers um 34 Prozent auf 204.000 Einheiten an. Spätestens 2009 will Li die Fertigungskapazität seines Konzerns auf 600 000 Einheiten hochgetrieben haben. Die Exporte - noch vor allem in Schwellenmärkte - sollen in diesem Jahr auf 33.000 Einheiten verdoppelt werden.

Vier Modelle für China

Bei Shanghai LTI Automobile Ltd., wie das chinesisch-britische Gemeinschaftsunternehmen heißt, werden insgesamt vier Modelle entstehen: Dem Taxi und einer auf ihm basierenden Limousinen-Version sollen zwei weitere große Wagen folgen. Schon jetzt haben sich die Chinesen die Verkaufsrechte für die drei Limousinen gesichert - mit Ausnahme des Marktes in Großbritannien.

Was aber, wenn die London-Taxis jenseits der chinesischen Mauer nicht laufen? Auch dann wird Geely nicht bange: Immerhin waren die Briten einst Lieferanten für einige Bauteile von Rolls-Royce. „Wir könnten doch“, so wird nun bei Geely überlegt, „einen kleinen Rolls entwickeln.“ Geely-Gründer Li betrachtet die Sache mit seiner ihm eigenen Nüchternheit: „Immerhin kennen und besitzen wir nun die Technik, um Luxusautomobile herzustellen.“

Quelle: F.A.Z., 02.05.2007, Nr. 101 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 27 41

30.05.2012 16:35 Uhr
  Vortag
Dax 6.291,29 −1,65%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.370,58 −1,69%
Dow Jones 12.436,50 −1,15%
EUR/USD 1,2400 −0,70%
Rohöl Brent Crude 103,84 $ −2,82%
Gold 1.579,50 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.