25.01.2009 · Qimonda meldet Insolvenz an. Doch die Firma ist mit ihren Problemen nicht allein - auch viele andere in der Branche, die in den vergangenen Jahren Produktionskapazitäten aufstockten und jetzt kaum ausgelastet sind, stecken in der Krise. Den Chip-Herstellern fehlt ein Geschäftmodell für die Zukunft.
Von Stephan FinsterbuschJe kleiner die Chips, desto größer die Probleme: Während Entwickler und Ingenieure die Größe eines Rechenbausteins auf den Bruchteil der Breite eines menschlichen Haares zusammengeschrumpft und gleichzeitig die Leistung auf Hunderte von Millionen Operationen je Sekunde heraufgeschraubt haben, schreiben die Buchhalter in vielen Firmen die Geschäftszahlen mit tiefroter Tinte in die Bücher. Denn die Verluste der Konzerne gehen in die Milliarden.
Wer sich auf der Kapitalseite nicht beweglich zeigte und hin zu flexiblen Entwicklungs- und Fertigungsmodellen reformierte, hat nun schlechte Aussichten. Das alte Geschäftsmodell, Chip-Design, Fertigung und Vertrieb aus einer Hand anzubieten, ist angesichts der kostspieligen technischen Entwicklung, der sinkenden Preise und der riesigen Konkurrenz zerbrochen. Daher sind viele traditionsreiche Hersteller der 260 Milliarden Dollar schweren Branche in der Krise.
Etliche Branchenriesen schlingern
So hat die deutsche Qimonda AG gerade Insolvenz angemeldet – 13.000 Beschäftigte zittern um ihre Jobs. Der Mutterkonzern Infineon kämpft seit Monaten ums Überleben. Die amerikanische AMD-Gruppe spaltet sich gerade in ein Design- und einen Auftragsfertiger auf. Die koreanische Samsung Electronics rutschte erstmals tief ins Minus. Taiwanischen Hersteller wie Promos, Powerchip oder Nanya betteln ihre Regierung gleich scharenweise um milliardenschwere Staatshilfen an. Und nun hat auch Branchenprimus Intel Tausende von Stellen von seiner Lohnliste gestrichen, um Kosten zu sparen. Intel-Verwaltungsratschef Craig Barrett wird im Mai abtreten.
Kosten zu senken scheint auch geboten. Halten sich doch auf der Nachfrageseite die Kunden in Europa, Asien und Amerika mit Käufen von Computern, Handys und Netzwerkrechnern mehr und mehr zurück. Ajith Amerasekera, Direktor der Kilby Forschungs-Laboratorien von Texas Instruments, sagt, die Chip-Hersteller müssten lernen, anwenderorientiert zu arbeiten. Das heißt: Kundenwünsche zu spezifizieren und gezielt zu bedienen. Chip sei nicht gleich Chip. Die Anforderungen an einen Baustein können in der Medizin ganz andere sein als in der Konsumelektronik. Darauf müssten sich die Hersteller ihre Entwicklungs- sowie Fertigungsstrukturen ausrichten.
Rasanter Rückgang des Umsatzes
Bis dorthin aber ist es noch ein langer Weg. Wie das Analystenhaus Gartner mitteilte, ging der Umsatz der internationalen Chipindustrie im vergangenen Jahr mehr als vier Prozent auf 262 Milliarden Dollar zurück. Dieses Jahr wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Für das kommende Jahr ist kaum Besserung in Sicht, da die Auto- oder Computerbauer nun ihre Lagerbestände aufbrauchten und somit weniger Bedarf an neuen werksfrischen Halbleiterbausteinen haben als bisher angenommen. Das verschlechtere die Lage vieler Chipmacher von Woche zu Woche, erklärt Andrew Norwood.
Im November hatte der Chefanalyst von Gartner der Branche noch ein Wachstum von 2 Prozent in diesem Jahr vorhergesagt. Heute steht er auf der Prognose-Bremse, und mit ihm viele Unternehmen. Im Oktober hatte Qimonda die nächste Stufe eines Hunderte von Millionen Euro schweren Sparplans verkündet, heute hat sich die Firma ins Abseits manövriert. Im Herbst gab sich Marktführer Intel vorsichtig optimistisch, heute wagt das Management keine eindeutige Gewinnprognose über die kommenden Monate mehr. Auch Samsung, Toshiba und TSMC halten sich zurück.
Zu viele Kapazitäten, zu wenig Aufträge
Denn auf der Angebotsseite der Industrie sind riesige Kapazitäten zu verzeichnen, die in den vergangenen Jahren in der Hoffnung auf rasch wachsende Umsätze und Gewinne in der boomenden Industrie der Informationstechnologie aufgebaut worden waren – und zwar so viel, dass die Werke und Anlagen in vielen Chipfirmen heute kaum noch zur Hälfte ausgelastet sind. Das hat seinen Preis. Kostet doch eine neue Fabrik mit all ihren Reinräumen und Präzisionsgeräten heute mehr als 5 Milliarden Dollar. Als die Industrie Anfang der siebziger Jahre noch in den Kinderschuhen steckte, lagen die Ausgaben für ein Werk bei gerade mal 6 Millionen Dollar. In wenigen Jahren werden es mehr als 8 Milliarden sein.
Dann werden die Strukturgrößen der Chips von heute 45 Nanometer auf 32 und schließlich 22 Nanometer schrumpfen. IBM ist mit einem Versuchsmodell schon in den einstelligen Nanometer-Bereich vorgedrungen. Ende der sechziger Jahre waren auf einem einzigen Chip 3000 Transistoren angebracht, heute sind es Hunderte von Millionen. Damals galt ein Taschenrechner als eine Hochleistungsmaschine, heute steckt in einem einfachen Rechner oft mehr Leistungskraft als damals in einem ganzen Computer. Damals bot ein Chiphaus von der Entwicklung bis zur Fertigung alles aus einer Hand an. „Heute gehen sie den Weg der Spezialisierung“, sagt Jen-Hsun Huang, Präsident von Nvidia.
Massenfertigung in Asien
So hatten sich mit den kalifornischen Herstellern Qualcomm oder Nvidia schon in den neunziger Jahren erste Halbleiterhäuser auf das Entwerfen kundenspezifischer Chips spezialisiert, ohne eine eigene teure Fabrik zu betreiben. Sie geben die Massenfertigung an asiatische Auftragsfertiger weiter. Jerry Sanders, der Mitbegründer von AMD, hatte damals noch gesagt: „Richtige Männer haben Chipfabriken.“ AMD sieht das heute etwas anders. Die neue Konzernführung folgt dem Entwicklungspfad von Nvidia und Qualcomm, um die seit Jahren andauernde Verluststrecke endlich zu verlassen und wieder auf Gewinnkurs zu gehen. AMD-Produktionschef Doug Grose erklärte nun: „Richtige Männer haben zwar Chipfabriken, doch sie haben auch Partner.“
Die Spezialisierung und Diversifizierung in Entwicklung und Herstellung teilt das Risiko, erhöht die Gewinnaussichten und macht riesige Ressourcen für die Forschung frei. Denn wer heute in der Entwicklung der nächsten Chipgeneration den Anschluss verliert, ist morgen weg vom Markt. So gibt es auf der Entwicklungsseite schon viele firmenübergreifende Kooperationen. Sony entwickelte den Superchip Cell für die Playstation zusammen mit IBM und Toshiba. Intel arbeitet an superkleinen und superstarken Chips mit TSMC und Samsung. Qimonda hatte in seinen Entwicklungslabors trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine vielversprechende Technologie zur Herstellung besserer Speicherchips entwickelt. Sie liegt nun erst einmal brach.
Suche nach neuen Konzepten
Zur Steigerung der Leistungsfähigkeit werden mittlerweile auch völlig neue Konzepte ausgelotet. IBM ist in seinen Labors im amerikanischen Yorktown an der Arbeit, winzigste Kohlenstoff-Nanoröhren für den Bau von Chips zu nutzen. Diese Röhren sind oft nur wenige Nanometer groß, waren Anfang der neunziger Jahre vom NEC-Forscher Sumio Iijima entdeckt worden und hatten NEC wichtige Patente eingebracht. Um die technischen Erfolge wirtschaftlich umzumünzen, brachten die Japaner ihre Ergebnisse gerade in einen breitangelegten Chip-Entwicklungs-Verbund mit IBM ein – und der amerikanische Konzern soll mit seiner Chipsparte bei kräftigen Umsatzrückgängen mit hauchdünnen Gewinnen noch im Plus sein.