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Nach EuGH-Urteil zu Unisex-Tarifen : Allianz rechnet mit höheren Prämien

Frauen fahren besser - und zahlen bisher weniger Versicherungsprämie Bild: dpa

Die Versicherungswirtschaft muss ihre Tarife in vielen Sparten umstellen. Für Frauen dürften Autoversicherungen teurer werden, für Männer die private Rentenversicherung und die private Krankenversicherung.

          Die Versicherungswirtschaft muss ihre Tarife in vielen Sparten umstellen. Das ist die Folge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), wonach die Unternehmen nicht mehr nach dem Geschlecht differenzieren dürfen. "Klar ist, dass das Urteil Versicherungen verteuern wird", sagte der Vorstandschef der Allianz Deutschland, Markus Rieß. Wenn Versicherer anstelle geschlechtsbezogener Statistiken auf weniger aussagekräftige individuelle Merkmale zurückgriffen, müssten sie entsprechende Sicherheitsmargen in ihre Kalkulation aufnehmen, argumentierte er im Vorfeld der Entscheidung in einem Gastbeitrag für "Euro am Sonntag". Denn die Unternehmen seien verpflichtet, vorsichtig zu kalkulieren, um die Erfüllbarkeit der Verträge dauerhaft sicherzustellen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Nach Angaben des Versicherers Ergo muss allerdings nicht jeder Beitrag zwangsweise steigen. "Sie werden sich irgendwo zwischen dem Männer- und dem Frauentarif treffen", sagte eine Sprecherin. EU-Justizkommissarin Viviane Reding kündigte ein Treffen mit Vertretern großer Versicherungen an, um die Auswirkungen des Urteils zu erörtern.

          Vor allem in drei Sparten ist die Unterscheidung zwischen Mann und Frau bislang von großer Bedeutung: in der Autoversicherung, in der privaten Krankenversicherung und in der Lebensversicherung. Für Autoversicherungen zahlen Frauen geringere Prämien, weil sie statistisch gesehen seltener Unfälle verursachen. Für eine 18 Jahre alte Kundin bedeutet das zum Beispiel, dass sie gegenüber einem gleichaltrigen Mann rund ein Viertel weniger Beitrag zahlt. In der privaten Krankenversicherung müssen Frauen wegen ihrer höheren Lebenserwartung höhere Beiträge hinnehmen. Für den Todesfallschutz in der Lebensversicherung zahlen wiederum Männer bislang höhere Prämien, weil für sie die Wahrscheinlichkeit eines früheren Ablebens größer ist: Ein Versicherer mit durchschnittlicher Prämie kalkuliert für den Vertrag eines Mannes mit 25 Jahren Laufzeit derzeit eine um 44 Prozent höhere Prämie als für eine Frau. Bei einer Rentenversicherung, die eine monatliche Zahlung bis zum Lebensende garantiert, ist es genau umgekehrt: Frauen, die nach den Daten des Statistischen Bundesamts rund fünf Jahre länger leben, zahlen mehr als Männer.

          Bild: F.A.Z.

          Künftig wird die bisherige Prämienkalkulation nicht mehr zulässig sein. Für Frauen dürften Autoversicherungen teurer werden sowie der Todesfallschutz im Rahmen einer Risikolebensversicherung. Für die Männer wird dagegen voraussichtlich die private Rentenversicherung und die private Krankenversicherung teurer, weil ihre niedrigere Lebenserwartung nicht mehr ins Gewicht fallen darf. Einige Ausnahmen galten aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes schon jetzt. So müssen private Krankenversicherer die höheren Kosten für Schwangerschaften schon heute auf alle Versicherten umlegen. "Dies hat bei uns dazu geführt, dass die Männer 4 bis 5 Prozent mehr Beitrag bezahlt haben und die Frauen 10 Prozent weniger", sagte die Ergo-Sprecherin. In der staatlich geförderten Riester-Rente gelten seit 2006 Unisex-Tarife.

          Die Versicherer befürchten, dass durch das Urteil der Markt verzerrt wird. So wird für einen männlichen Angestellten künftig eine betriebliche Altersversorgung attraktiver als eine private Rente, weil sein Beitrag für letztere erhöht werden dürfte, um allen Versicherten einen einheitlichen Tarif bieten zu können. Insbesondere, wenn er in einem Versorgungswerk mit vielen männlichen Versicherten ist, könnte der Unterschied erheblich sein. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und der PKV-Verband für die privaten Krankenversicherer halten die Abweichungen in der Lebenserwartung für dauerhaft so signifikant, dass er auch weiterhin unterschiedliche Prämien rechtfertige. Da das Urteil nicht rückwirkend auf Verträge angewandt werden muss, sind die Kosten nicht abschätzbar. Für den Fall einer rückwirkenden Geltung hatte die Deutsche Aktuarvereinigung die notwendigen Rückstellungen auf 30 Milliarden Euro beziffert.

          Verbraucherschützer wie Hajo Köster vom Bund der Versicherten dagegen sehen keinen Grund dafür, dass die durchschnittliche Prämie angehoben werden müsse, weil der Schadenaufwand durch das Urteil nicht steige. Dass Männer seit der Anpassung auf Unisex-Tarife höhere Prämien für eine Riester-Rente zahlen müssen als zuvor, habe keine Auswirkungen auf die Nachfrage gehabt. In der Versicherungswirtschaft wird allerdings bezweifelt, dass sich diese Beobachtung auf Verträge übertragen lasse, für die es keine staatliche Förderung gebe.

          Mit dem Urteil habe der EuGH festgestellt, dass die Versicherten einen Anspruch auf Basis ihrer individuellen Risiken haben und nicht als Teil einer Gruppe begutachtet werden, betonte der Kölner Rechtswissenschaftler Felipe Temming. Er rechnet jedoch nicht damit, dass die Luxemburger Richter künftig bei Versicherungen auch noch Unterscheidungen nach dem Alter für unzulässig halten könnten - was das System noch mehr ins Wanken bringen könnte. Zwar ist im europäischen Recht auch die Benachteiligung wegen des Alters verboten. Der EuGH war bisher aber bei Diskriminierungen wegen des Geschlechts wesentlich strenger.

          Quelle: F.A.Z.

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