07.01.2009 · In der Heimatstadt von Adolf Merckle sitzt der Schock über den Selbstmord des Patriarchen tief. Die große Pleite des Firmenimperiums ist vorerst abgewendet. Dennoch bangen im „Ländle“ Tausende um ihre Zukunft.
Von Susanne PreußDer „Forellenfischer“ hat Betriebsferien diese Woche. Das gemütliche Restaurant in einem eindrucksvollen Fachwerkhaus hat Adolf Merckle häufig zu Gast gehabt. Da wären die Wirtsleute eine gute Quelle für Informationen und Anekdoten, aber sie sind verreist. Journalisten von „Spiegel“, „Stern“ und RTL versuchen es ersatzweise im gleichnamigen Hotel, aber sie gehen auch dort leer aus. Nur dass Adolf Merckle ein angesehener Bürger in Blaubeuren war, sagt man hier.
Viel zu erfahren ist über Merckle nicht im Städtchen Blaubeuren. Er war keine Person des öffentlichen Lebens. Man hat ihn gesehen, wenn er mit dem Fahrrad ins Büro gefahren ist oder in seinem geliebten Wald Erholung gesucht hat. Hier auf der Schwäbischen Alb schätzt man es, wenn einer solch bodenständige Hobbys pflegt und nicht das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft. Hier goutiert man es, wenn einer für die Bahn nur Fahrkarten zweiter Klasse löst, weil die Züge der ersten Klasse schließlich auch nicht schneller führen.
Wohlwollend spricht man in Blaubeuren daher von einem bescheidenen Mitmenschen, den man verloren habe. Der Bürgermeister, Jörg Seibold, formuliert es etwas staatstragender: „Das ist der Verlust eines sehr geschätzten Bürgers.“ Das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse wurde Adolf Merckle zuerkannt, und es gibt viele, die ihn als Gönner zu schätzen gelernt haben: hier eine Millionenspende für das urgeschichtliche Museum, dort ein neues Vereinsheim für die TSG Söflingen, und jährlich darf die Universität Ulm Forschungspreise über 20 000 Euro ausloben.
Blumen an den Gleisen
Der Schock sitzt noch tief, auch am Tag, nachdem der Selbstmord von Adolf Merckle bekannt wurde. Fassungslos, bestürzt zeigen sich die Menschen. Wirtschaft, Politik, Kirche – von überall kommen Beileidsbekundungen. Kein geringerer als Gerhard Maier, der frühere Landesbischof der evangelischen Kirche in Württemberg, wird am kommenden Montag die Trauerfeier halten. Schon an diesem Dienstagnachmittag werden erste Kerzen abgestellt im Gedenken an Adolf Merckle, auch Blumen liegen im Schnee neben den Gleisen, wo Blutspuren Zeugnis geben über das Unfassbare. Die Polizei passt auf, dass die Fotografen und Kameraleute nicht auf die Gleise treten – damit nicht noch ein Unglück passiert.
Die Bestandsaufnahme dessen, was vor dem Selbstmord geschah, ist weitaus schwieriger. Was kann Adolf Merckle dazu getrieben haben, seinem Leben ein Ende zu setzen? Er, der noch Anfang Dezember im Interview mit dieser Zeitung gesagt hatte, er habe schon manchen Börsencrash überstanden, und der so zuversichtlich formulierte, er hoffe, „dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen“ (siehe ). Eine Lösung stand immerhin unmittelbar bevor: Die Banken wollten einen Überbrückungskredit gewähren. Adolf Merckle selbst soll noch am Montag gemeinsam mit seiner Frau Ruth die notwendigen Unterschriften unter verschiedene Verträge gesetzt haben.
Die große Pleite ist abgewendet
Nur zwei Tage, nachdem Adolf Merckle den Tod als einzigen Ausweg aus seiner Situation sah, gewähren die Banken den Kredit über mehrere hundert Millionen Euro. Und Ludwig Merckle, der älteste Sohn des Patriarchen teilt mit: „Wir sind sehr froh, eine Lösung gefunden zu haben.“ Das ist es wahrscheinlich: Froh wäre Adolf Merckle nicht mehr geworden, schon gar nicht „sehr froh“, auch wenn die große Pleite im Familienimperium abgewendet ist. Eine solche Pressemitteilung hätte Adolf Merckle nicht unterschreiben können, nicht unterschreiben wollen.
Die Lösung sieht schließlich den Verkauf von Ratiopharm vor, der Keimzelle der Firmengruppe, die ihrerseits ihre Wurzeln in der vom Großvater 1881 gegründeten „Adolf Merckle Chemikalien en gros“ hat. Und in Finanzkreisen wird kein Hehl daraus gemacht, dass die nächsten Dominosteine auch noch fallen dürften: Auch bei Heidelberg Cement, dem größten europäischen Baustoffkonzern, und bei Phoenix, Deutschlands größtem Pharmahändler, wird die Familie Merckle bald nichts mehr zu sagen haben. Adolf Merckle, der in seinen Kindertagen die Vertreibung aus dem heute tschechischen Aussig überstanden hat, wollte aber nichts mehr aufgeben, was er einmal errungen hatte. Tatsächlich aber, das zeichnete sich schon seit einigen Wochen ab, stand Adolf Merckle vor den Trümmern seines Lebenswerks.
Adolf Merckle wäre kein Sozialfall geworden
„Ohnmacht“ ist das zentrale Wort in der Erklärung, die von der Familie zum Selbstmord des Patriarchen verbreitet wurde: „Die durch die Finanzkrise verursachte Notlage seiner Firmen (...) sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen.“ Adolf Merckle wäre auch nach dem Zugriff der Banken kein Sozialfall geworden, auch die gleichzeitige Insolvenz vieler Firmen der weitverzweigten Gruppe hätte ihn nicht arm gemacht. Das Heft des Handelns war ihm aber aus der Hand genommen.
Noch Mitte Dezember pokerte Adolf Merckle hoch. Er setzte die Banken unter Druck, indem er androhte, die VEM Vermögensverwaltung, wo der Liquiditätsengpass entstanden war, werde in die Insolvenz gehen müssen. Das hätte viele der mehr als drei Dutzend Gläubigerbanken zu Abschreibungen veranlasst und wohl auch einen Dominoeffekt im Merckle-Reich ausgelöst, weshalb die Banken zum Weiterverhandeln bereit waren. In einem Punkt aber waren die Gläubigerinstitute offenbar einig: Die Merckles sollten entmachtet werden. Teil der Vereinbarung, über die Ludwig Merckle sich mittlerweile so „froh“ zeigt, ist immerhin auch der Rückzug des Sohns aus der VEM-Geschäftsführung.
Die fehlende Transparenz hat einige Bankmanager wütend gemacht
Jetzt haben die Banken die Möglichkeit, unbeeinflusst von Familienangehörigen die Bücher wirklich zu durchforsten. Da werde man wohl noch manch böse Überraschung finden, unken einige schon längst – weil es auch während der Verhandlungen der vergangenen Wochen immer wieder neue Entdeckungen zu machen gab. Die fehlende Transparenz hat einige der Bankmanager regelrecht wütend gemacht. Adolf Merckle hätte wohl befürchten müssen, dass einige Rache nehmen und Unangenehmes ans Tageslicht befördern würden. Vielleicht, so wird spekuliert, hätte man ihm gar ein handfestes Vergehen anhängen können. Die Parallele zum „Fall Würth“ wird gezogen, einem anderen baden-württembergischen Vorzeigeunternehmer, der Millionen von Steuern hinterzogen hat und nur knapp dem Gefängnis entkam. Bei Merckle war das Steuersparen zum Geschäftsprinzip erkoren worden; das berichten alle, die geschäftlich mit ihm zu tun hatten.
Alles Steuersparen hat nicht verhindert, dass Merckle für die Stadt Ulm, wo Ratiopharm mit seinen 5400 Mitarbeitern den Hauptsitz hat, einer der wichtigsten Steuerzahler war. Ein Verkauf von Ratiopharm, eine Zerschlagung gar, könnte also tiefe Löcher in die Stadtkasse reißen. Während vor einigen Wochen, als erste Gerüchte über einen Verkauf aufkamen, noch von einer „Perle“ die Rede war, ist inzwischen längst bekannt, dass Käufer kaum Schlange stehen werden – weil das Geschäft der Generikahersteller nicht mehr so lukrativ ist wie einst. Von „Marktbereinigung“ spricht der Ulmer IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle schon und sorgt sich, ob Ratiopharm in dieser Form noch lange existieren wird. Zu der Fassungslosigkeit über Merckles Tod gesellt sich bei den Beschäftigten daher die Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Sie fühlen sich ausgeliefert, spüren wie Adolf Merckle die Ohnmacht.
Wieso soviel Aufregung um nichts
Peer Walzel (caligula2)
- 07.01.2009, 19:58 Uhr
Eigentum verpflichtet, fragt sich nur für wen !
Norbert Müller (B417931)
- 07.01.2009, 22:49 Uhr
Bankenmanager?
Hans Rabe (hansrabe)
- 07.01.2009, 23:16 Uhr
Die Toten sollen ihre Ruhe finden.
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 07.01.2009, 23:31 Uhr
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Sebastian Booch (baschde1987)
- 07.01.2009, 23:32 Uhr
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