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Nach dem Brexit-Votum : In der britischen Industrie macht sich Angst breit

Im Dienste Ihrer Majestät: Präsentation von Jaguar anlässlich des jüngsten Geburtstags der Queen. Bild: Matt Crossick/PA Wire

Ob Easyjet, Jaguar oder Vodafone: Nach dem Brexit-Schock rätseln britische Manager, was nun passiert. Die Regierung hat keinen Plan, klagt die Industrie.

          Die riesige orangefarbene Blechkiste am Flughafen Luton macht nicht viel her. Doch hier, im Norden von London, wurde eine der größten Erfolgsgeschichten der britischen Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten geschrieben. Denn in dem ehemaligen Flugzeughangar hat die britische Billigfluggesellschaft Easyjet ihre Zentrale: Seit der Gründung vor mehr als 20 Jahren ist das Unternehmen zu einer der profitabelsten und wachstumsstärksten Gesellschaften in Europa aufgestiegen.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Aber wie lange wird das Hauptquartier von Easyjet nach dem EU-Referendum der vergangenen Woche noch in Luton bleiben? „Das bleibt abzuwarten“, antwortete Carolyn McCall, die Vorstandschefin des Unternehmens, diese Woche kühl in einem Fernsehinterview. Denn der Erfolg von Easyjet ist ein europäischer: Ihre Gesellschaft fliegt rund 140 Flughäfen in 31 Ländern an.

          Die Briten haben abgestimmt - hier geht es zu unserer Themenseite.

          Nach dem Brexit könnte das britische Unternehmen schlimmstenfalls den freien Zugang zum EU-Luftverkehrsmarkt und damit die notwendigen Flugrechte verlieren. Wenn die Briten austreten, könnte es für Easyjet notwendig werden, zur Schadensbegrenzung in ein Land umzuziehen, das Mitglied in der EU ist. Die Börse reagierte mit Panikverkäufen auf die neue Ungewissheit: Seit Donnerstag ist der Aktienkurs von Easyjet um rund 30 Prozent gefallen.

          Der Billigfluganbieter ist damit eines der krassesten Beispiele dafür, welche Unwägbarkeiten der Brexit für die britische Wirtschaft mit sich bringt. Easyjet ist nicht das einzige namhafte Unternehmen, dass nach dem EU-Austritt möglicherweise das Land verlässt: Auch Vodafone, der zweitgrößte Mobilfunkkonzern der Welt, schließt einen Umzug nicht aus und würde womöglich nach Düsseldorf wechseln. Schließlich ist Deutschland auch im globalen Maßstab der größte Markt des Unternehmens (siehe Kasten).

          Das Gesprächsklima zwischen Wirtschaft und Politik ist seit dem Brexit-Schock der vergangenen Woche eisig geworden: die Regierung sei „weit davon entfernt“ einen klaren Plan zu haben für den bevorstehenden schwierigen Scheidungsprozess mit der EU, sagte Carolyn Fairbairn, die Generaldirektorin des führenden britischen Unternehmensverband CBI, in dieser Woche nach einem Krisentreffen mit dem Wirtschaftsminister Sajid Javid.

          Genaugenommen hat Europas zweitgrößte Volkswirtschaft derzeit gar keine Regierung - zumindest keine handlungsfähige: Premierminister David Cameron hat nach dem Referendums-Debakel seinen Rücktritt angekündigt. Ein Nachfolger soll Anfang September benannt werden. Bisher weiß niemand, zu welchen Zugeständnissen sein Nachfolger bereit sein wird, um den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt zu sichern.

          Schlimmstenfalls könnte der Verhandlungsmarathon über die künftigen Handelsspielregeln zehn Jahre dauern, warnen manche Beobachter. „Wir steuern auf ein Desaster zu“, kommentierte düster der Multi-Unternehmer Richard Branson, einer der bekanntesten britischen Wirtschaftsleute. Sein Firmenkonglomerat Virgin habe schätzungsweise ein Drittel seines Werts verloren, glaubt der Milliardär und fordert, das Referendum rasch zu wiederholen.

          „Das ist nicht das Ergebnis, das wir uns gewünscht haben“, sagt auch Mike Hawes, der Chef der Verbands der britischen Autoindustrie SMMT. „Aber wir respektieren den Willen des Volkes.“ Die britische Autobranche hat in den vergangenen Jahren eine unverhoffte neue Blüte erlebt. Seit 2009 ist die Anzahl der auf der Insel gefertigten Fahrzeuge um knapp 60 Prozent auf knapp 1,6 Millionen Autos nach oben geschnellt.

          Der Traditionshersteller Jaguar Land Rover hat mit neuen Modellen wie dem „Evoque“ die Wende geschafft. Der französisch-japanische Konzern Renault-Nissan betreibt im nordenglischen Sunderland ein großes Werk. Wie viele der rund 800.000 Arbeitsplätze in der britischen Autoindustrie stehen durch den Brexit auf dem Spiel? „Kein Kommentar“, sagt der Autolobbyist Hawes.

          Klar ist: Europa ist für die britischen Autohersteller enorm wichtig: Etwa sechs von zehn Fahrzeugen, die auf der Insel aus den Fabriken rollen, werden in andere EU-Länder exportiert. Werden in Zukunft Zollschranken dieses Geschäft beeinträchtigen? „Wir sind auch dringend auf qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen“, sagt Hawes. Gut 5000 Stellen in der Branche seien unbesetzt. Der Nobelauto-Hersteller Bentley, der zum Wolfsburger VW-Konzern gehört, hat vergangenes Jahr eigens ein Anwerbeprogramm in Südeuropa aufgelegt, um seinen Personalbedarf zu decken. Doch viele Bürger haben für den Brexit gestimmt, weil sie weniger Einwanderung wollen.

          „Wir sind britisch“

          Es gibt aber auch Optimisten: „Wir sind britisch, und wir stehen zu Großbritannien“, sagt Adrian Hallmark, der Strategiechef von Jaguar Land Rover. Der Brexit ist für ihn nur „ein weiteres Problem, das wir überwinden werden“. Das Geschäft laufe ganz normal weiter, versichert Hallmark. Denn mindestens für die nächsten zwei Jahre wird Großbritannien vollwertiges Mitglied der EU bleiben. Der Brexit ist für viele Branchen vor allem ein mittel- und langfristiges Standortrisiko.

          Dennoch sind die Auswirkungen jetzt schon unübersehbar: Die Investitionen der britischen Unternehmen bröckeln schon seit dem Herbst. Jetzt, wo der Ernstfall eingetreten ist, werden wohl viele mit voller Wucht auf die Bremse treten. Die Ungewissheit darüber, wie es nach dem Brexit weitergeht, wird vermutliche Jahre andauern - und sie ist Gift für das Wirtschaftsklima. Die Analysten der Ratingagentur Fitch reden Klartext: Großbritanniens Unternehmensinvestitionen drohe „ein schwerer Schock“.

          Nordrhein-Westfalen rollt Vodafone den roten Teppich aus

          Der nagelneue Düsseldorfer Vodafone-Campus bietet Platz für 5000 Mitarbeiter. In dem gigantischen Ensemble aus Glas und Aluminiumelementen schlägt das Herz der wichtigsten Landesgesellschaft des britischen Mobilfunkanbieters, der in Deutschland seit einigen Jahren auch das größte Fernsehkabelnetz betreibt. Aus dem 75 Meter hohen Büroturm im Stadtteil Heerdt wird nicht nur das Deutschland-Geschäft gesteuert, Landeschef Hannes Ametsreiter hat auch im Konzernvorstand der globalen Gruppe ein Wörtchen mitzureden: Im Londoner Executive Committee hört man genau hin, wenn der Österreicher über sein Geschäft in Deutschland berichtet und die Trends in den Nachbarländern beleuchtet. Seit dem Brexit-Votum herrscht Alarmstimmung, weil der Konzern um seinen freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt fürchten muss. Das Festland stehe für 55 Prozent des Gewinns, Großbritannien nur für 11 Prozent, stellte Vodafone am Mittwoch heraus. Die Freizügigkeit von Bürgern, Kapital sowie Gütern und einheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen in allen Mitgliedstaaten seien Grundvoraussetzung für jedes paneuropäische Geschäft. Der Konzern drohte deshalb sogar mit einer Verlagerung seines Hauptsitzes. Vielleicht nach Düsseldorf? Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) empfinge die Briten mit offenen Armen. Nordrhein-Westfalen rolle Vodafone „gerne den roten Teppich“ aus, sagte er dieser Zeitung: Düsseldorf sei „ein idealer Standort mitten im europäischen Binnenmarkt. Welcome.“ bü.

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