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Musikkonzern EMI Mit dem Rücken zur Wand

16.06.2008 ·  Finanzinvestor Guy Hands setzt auf einen riskanten Kurs zur Sanierung von EMI. Als Reaktion auf seinen Sparkurs kündigten ihm bereits Paul McCartney und „Radiohead“ die Gefolgschaft. Die Rolling Stones könnten folgen.

Von Ulrich Friese
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Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber in diesen Tagen wird selbst ein leidenschaftlicher Karaoke-Sänger wie Guy Hands zum Anhänger von „Coldplay“: „Unsere Jungs haben mit ihrer neuen Scheibe selbst die hohen Erwartungen von Fans und Kritikern übertroffen“, schwärmt er über das jüngste Werk der Kultband.

Dass seine freundliche Werbung auf positives Echo bei britischen Musikern stößt, wird Hands kaum erwarten. Es ist noch keine 3 Jahre her, da umschrieb Chris Martin, Frontmann und Sänger von „Coldplay“, Investoren oder Aktionäre im Musikgeschäft als willige „Handlanger des Teufels in unserer modernen Welt“.

Bekannte Größen gehören zum Repertoire

Hands und Martin sind seit 10 Monaten vertraglich eng miteinander verbunden. Für rund 4,3 Milliarden Euro rückte der 49 Jahre alte Finanzinvestor Mitte 2007 zum neuen Eigentümer von EMI auf. Zum wichtigsten Repertoire des 1931 als „Electric & Musical Industries“ gegründeten Unternehmens gehören seit Jahrzehnten international erfolgreiche Bands wie „Beatles“, „Rolling Stones“ und Pink Floyd“ ebenso wie „Radiohead“ oder „Coldplay“. Die aktuellen Lieblinge der britischen Musikszene setzten von ihrem vergangenen CD-Werk „X&Y“ weltweit 10 Millionen Stück ab. Diese Zahl soll mit dem neuen Coldplay-Album deutlich übertroffen werden. Angesichts dieser ehrgeizigen Vorgaben hält Investoren-Kritiker Martin an seinem Pakt mit Hands vorerst fest: „Wir pflegen mit EMI eine kritische, aber intakte Geschäftsbeziehung“, heißt es im Management von „Coldplay“ hölzern.

Auf so viel Wohlwollen von seinen Vertrags-Künstlern stößt Hands bislang selten. Schon wenige Wochen nach seinem Einzug in der Londoner Zentrale brachte der bullig wirkende Hausherr das Gros der Belegschaft sowie die Prominenz der Musiker mit seinem radikalen Konzernumbau gegen sich auf. Um das als behäbig und bürokratisch geltende Unternehmen rasch auf gängige Standards der Industrie zu trimmen, gab Hands zum Jahresauftakt bekannt, dass er sich von rund einem Drittel der insgesamt 5500 EMI-Mitarbeiter trennen werde.

Vielleicht verlassen die Rolling Stones EMI

Mit den tiefen Schnitten beim Personal will der neue Eigentümer die Fixkosten um rund 260 Millionen Pfund pro Jahr kappen. Dabei ist der Löwenanteil des geplanten Stellenabbaus in zentralen Bereichen wie Verwaltung, Vertrieb und Marketing zu erwarten. Der restliche Teil der EMI-Belegschaft entfällt indessen in der Abteilung „Artist & Repertoire“, die vor allem mit der Sichtung und Verpflichtung von Nachwuchstalenten befasst ist. Der Bereich ist das kreative Herzstück jedes Musikkonzerns und damit so wichtig wie die Entwicklungsabteilung eines Autoherstellers.

Das grobe Sanierungs-Konzept für den über Jahre verlustreichen Musikkonzern führte zum Aufschrei der Beschäftigten und zur Revolte von langjährigen Vertragspartnern: Mit Verweis auf die drastischen Sparpläne kündigte zunächst Ex-Beatle Paul McCartney die Gefolgschaft auf. Danach verließ die Kultband „Radiohead“ den Konzern. Ihr könnten in Kürze die „Rolling Stones“ folgen, die über einen Wechsel zum Konzertvermarkter „Live Nation“ verhandeln. „Passiven Widerstand“ leisten zudem Popbarde Robbie Williams sowie Bands wie „Snow Patrol“ oder „The Verve“, die ihre angeblich bereits fertig produzierten Alben aus Protest gegen Hands nicht veröffentlichen wollen.

Die Zinslast ist enorm

Trotz des massiven Widerstands hält Hands an seinem Kurs fest: „Ich habe marode Auto-Raststätten, Pubs oder Kino-Ketten auf Vordermann gebracht“, sagt der Finanz-Fachmann, „warum soll mir nicht derselbe Kraftakt bei EMI gelingen“. Reputation in der Londoner City baute sich der vierfache Familienvater bislang mit der Beteiligungs-Gesellschaft Terra Firma auf, die er vor 6 Jahren gründete. Das Unternehmen sorgte in Deutschland einst mit der Übernahme der „Tank & Rast“-Kette oder Immobilien-Käufen in großem Stil für Aufsehen. Zuvor hatte sich der Absolvent der berühmten Universität Oxford als Anleihe-Händler in den Investmenthäusern Goldman Sachs und Nomura profiliert.

Dem engen Draht zur Londoner Bankenwelt ist es zu verdanken, dass Hands den größten Teil des EMI-Kaufpreises mit Geld der Citigroup finanzieren konnte. Doch die Zinslasten des auf rund 2,5 Milliarden Pfund geschätzten Kredites schlagen inzwischen so stark ins Gewicht, dass der branchenfremde Investor gezwungen ist, seine Renditeziele bei EMI früher zu erwirtschaften als bisher geplant, heißt es im Umfeld des Konzerns.

Unsicherer Ausgang

Greift die Sanierung von Hands wie geplant, soll der britische Musikkonzern seinen Gewinn von 167 Millionen Pfund im Geschäftsjahr 2007 binnen 3 Jahren auf 580 Millionen Pfund vergrößern. Doch die jetzt rasch wachsenden Finanzierungskosten sowie der drohende Exodus von Künstlern, der womöglich hohe Ausfälle im Tagesgeschäft nach sich zieht, könnten seinen Geschäftsplan zur Makulatur werden lassen.

Nicht von ungefähr verweisen Kenner der Musikszene auf eine vergleichbare Gewinnprognose des Rivalen Warner Music. Im Gegensatz zu EMI, heißt es in einer Studie der Investmentbank Merrill Lynch, werde im amerikanischen Musikkonzern der Gewinn in der Zeit zwischen 2007 und 2010 von jetzt 461 Millionen wohl auf 444 Millionen Dollar fallen. Stimmt die Prognose für die Branche, kann Hands weitere Ausfälle im Repertoire nicht mehr riskieren.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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