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Murdoch und die Politik Geben und Nehmen

23.07.2011 ·  Die britische Politik hat den Aufstieg Rupert Murdochs zum Medienzaren des Landes jahrzehntelang protegiert. Regierungen kamen und gingen - Murdoch stand immer auf der richtigen Seite. Nun muss der Schattenmann das Ruder wohl aus der Hand geben.

Von Marcus Theurer
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Wie Blei liege die „Sun“ in seinen Regalen, sagt der Zeitungshändler in Nordlondon. Noch vor einem Monat habe er mehr als viermal so viele Ausgaben der auflagenstärksten britischen Tageszeitung verkauft. Jetzt wolle sie kaum noch einer seiner Kunden lesen. „Es fing direkt am nächsten Tag an“, sagt der Händler. Am Tag, nachdem die Bombe geplatzt ist. Am 4. Juli druckte die Londoner Zeitung „Guardian“ eine Geschichte, die das ganze Land entsetzt hat: Journalisten des Sonntagsblattes „News of the World“ hätten auf der Jagd nach Schlagzeilen die Handy-Mailbox des vor neun Jahren entführten und später ermordeten britischen Schulmädchens Milly Dowler abgehört und sogar Nachrichten gelöscht, so dass dessen Eltern glaubten, ihre Tochter sei noch am Leben. Die „News of the World“ ist das Schwesterblatt der „Sun“. Beide gehören dem australisch-amerikanischen Medienunternehmer Rupert Murdoch, dem größten Zeitungsverleger im Land.

Es ist der schwerste Betriebsunfall in der langen Karriere des 80 Jahre alten Murdoch, der mit seiner News Corp über eines der größten Medienkonglomerate der Welt gebietet. Rasend schnell haben sich die Ereignisse entwickelt. Zur Schadensbegrenzung hat Murdoch die vor 168 Jahren gegründete „News of the World“ kurzerhand eingestellt. Die News Corp ist dennoch in eine Führungskrise geschlittert. Es wird immer wahrscheinlicher, dass der alte Haifisch Murdoch, der trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer Vorstandschef ist, das Ruder aus der Hand geben muss. Sein Sohn James, bislang Hauptanwärter für die Nachfolge, ist ebenfalls angezählt. Beide sagen, sie hätten von den kriminellen Bespitzelungen nichts gewusst.

Auf der Insel hat die internationale Expansion einst begonnen

Doch der Skandal hat viel größeren Schaden angerichtet. Er hat das Vertrauen der Briten in Polizei und Regierung zutiefst erschüttert: Wie kann es sein, dass sich ein Medienunternehmen in einem solchen Ausmaß und bis vor kurzem weitgehend unbehelligt von den Behörden über Recht und Gesetz erhebt? In Tausenden von Fällen sollen Murdochs Journalisten Handys abgehört haben. Der Verdacht ist keineswegs neu. Die Affäre schwelt schon seit Jahren, ohne dass die Ermittler den Bespitzelungen auch nur annähernd auf den Grund gegangen wären. Immer deutlicher zeichnet sich stattdessen ab, dass der Murdoch-Konzern die Polizei unterwandert und korrumpiert hat.

War das Laissez-faire politisch geduldet? Am Sitz der Regierung in der Londoner Downing Street gingen Murdoch und seine Manager jedenfalls seit Jahrzehnten aus und ein. Schon zu Zeiten von Margaret Thatcher fürchteten britische Politiker, sie könnten ohne die Unterstützung des Zeitungsbarons keine Wahlen gewinnen. Der unter Druck geratene Premierminister David Cameron legte kürzlich seinen Terminkalender offen. 26 Mal hat sich Cameron in seiner vierzehnmonatigen Amtszeit mit Murdoch-Spitzenmanagern getroffen. Den früheren Chefredakteur der „News of the World“, Andy Coulson, machte er trotz dessen Verstrickung in den Abhörskandal sogar zu seinem Sprecher – ein fataler Fehlgriff, der den Premier nun immer stärker in Erklärungsnot bringt.

Niemand hat in Großbritannien so viel Medienmacht wie Murdoch. Er kontrolliert fast 40 Prozent der Auflage überregionaler Zeitungen und lenkt als Hauptaktionär die größte private Fernsehgruppe BSkyB, deren Jahresumsatz die Gebühreneinnahmen der öffentlich-rechtlichen BBC deutlich übertrifft. Die Vereinigten Staaten, wo Murdoch unter anderem das Hollywood-Studio 20th Century Fox und eine große Kabelfernsehkette gehören, sind für seine News Corp zwar längst wichtiger geworden als das vergleichsweise kleine Großbritannien. Aber auf der Insel hat seine internationale Expansion einst begonnen.

Dieser Aufstieg ist eine Geschichte vom Geben und Nehmen. Murdoch ist in Großbritannien immer ein Geschäftspartner der Politik gewesen. Er bot den Regierenden medialen Flankenschutz durch seine Zeitungen und wurde dafür in seiner Expansion protegiert. „Er war kein Höfling, sondern ein mächtiger, unabhängiger Verbündeter, ein Freund der Familie, ähnlich wie Ronald Reagan, und er hatte direkten Zugang, wann immer er wollte“, beschreibt Thatcher-Biograph John Campbell die Position Murdochs in den achtziger Jahren während der Regentschaft der Eisernen Lady.

Aus dem defizitären Blatt machte er eine Goldgrube

Murdoch war immer ein Schattenmann. In ihren eigenen Memoiren erwähnt Thatcher den wichtigen Gefolgsmann mit keinem Wort. Murdoch selbst berichtete diese Woche in einer Anhörung vor dem Parlament, er habe Gordon Brown, den früheren Schatzkanzler und Amtsvorgänger von Cameron als Regierungschef, „viele Male“ in der Downing Street besucht. „Aber ich wurde immer gebeten, den Hintereingang zu nehmen, wegen der Fotografen.“ Dabei reichte wie bei Thatcher auch im Fall des Sozialdemokraten Brown das Verhältnis bis weit ins Private: „Unsere Kinder spielten zusammen“, sagte Murdoch, der vor einigen Jahren noch einmal Vater zweier Töchter geworden ist.

Als sich Rupert Murdoch vor mehr als vier Jahrzehnten anschickte, den britischen Medienmarkt zu erobern, hat ihn kein Premierminister hofiert. Der junge Verleger aus Adelaide war ein Außenseiter, ein Emporkömmling aus Australien, der früheren Sträflingskolonie des Empire, als er 1969 die „News of the World“ kaufte und kurz darauf die „Sun“. Murdoch machte das defizitäre frühere Gewerkschaftsblatt binnen kurzem zu einer Goldgrube und zur auflagenstärksten Zeitung des Landes.

Politische Gefolgschaft war immer nur Mittel zum Zweck

In der Wahl der Mittel war er nicht zimperlich. Als erster britischer Verleger druckte Murdoch auf Seite drei nackte Mädchen. Seine Zeitungen wurden härter und roher als alle Konkurrenzblätter. 1982 versenkten die Briten während des Falkland-Kriegs das argentinische Schlachtschiff „Belgrano“. Mehr als 300 Seeleute starben, und die Sun machte mit dem Titel „Gotcha“ („Erwischt“) auf. Die zynische Schlagzeile, angeblich von Murdoch persönlich abgesegnet, war ein nationaler Skandal, aber er tat dem Erfolg des Krawallblatts keinen Abbruch.

Während ihrer Amtszeit von 1979 bis 1990 stand die Murdoch-Boulevardpresse verlässlich hinter Thatchers Konservativer Partei. Die dankte es ihm mehrfach. 1981 wies Thatcher ihren Handelsminister an, dem Verleger die Übernahme der „Times“ und der „Sunday Times“ zu genehmigen, die am Widerstand der Kartellbehörde zu scheitern drohte. 1986, als Murdoch es auf eine legendäre Machtprobe mit den Druckerei-Gewerkschaften ankommen ließ, konnte er sich wieder ihrer Unterstützung sicher sein. Murdoch habe die „persönliche Zusicherung“ Thatchers erhalten, dass die Polizei in dem gewaltsamen Arbeitskampf die Blockaden der Drucker durchbrechen werde, sagte später Andrew Neil, damals Chefredakteur der „Sunday Times“. Im Jahre 1990, in den Anfangstagen des Satellitenfernsehens, zeigte sich Thatcher ein drittes Mal erkenntlich: Sie ermöglichte Murdochs jungem Sender Sky den Weg zur Übernahme des Rivalen BSB und verschaffte ihm damit ein Monopol im Bezahlfernsehen.

Politische Gefolgschaft war für Murdoch immer nur Mittel zum Zweck. Sie folgte seinen geschäftlichen Interessen. Als sich Mitte der neunziger Jahre abzeichnete, dass die Konservativen die Wahlen verlieren würden, wechselte Murdoch auf die Seite des charismatischen Tony Blair und der Labour Party. Der Oppositionsführer Blair tat alles, um die Gunst des Medienmoguls zu gewinnen. Er reiste 1995 um die halbe Welt auf eine entlegene Insel vor der Küste Australiens, um Murdoch bei einer Konzernkonferenz seine Aufwartung zu machen.

Der Erfolg des Opportunisten war greifbar nahe

Die neuen Geschäftspartner nahmen rasch den Kuhhandel auf. Ein Jahr später verhinderte Labour im zuständigen Ausschuss eine Verschärfung der Fernsehgesetzgebung, die Murdoch geschadet hätte. Wieder war es ein Geben und Nehmen: Er habe zuvor gegenüber dem Murdoch-Lager deutlich gemacht, dass es nicht leicht sein werde, die Partei für diese Schützenhilfe zu gewinnen, schreibt Alastair Campbell, Blairs damaliger Kommunikationschef. Murdoch zeigte sich erkenntlich für die Mühen: „Am Ende hatten wir die ‚Sun‘ und die ‚News of the World‘ wirklich hinter uns“, berichtet Campbell.

Aber auch der Bund zwischen Murdoch und Blairs „New Labour“ hielt nicht für die Ewigkeit. Vor zwei Jahren wechselte der Medienunternehmer abermals die Seiten. „Labour’s lost it“ („Labour hat es vergeigt“) titelte die „Sun“ im Herbst 2009. Am Wahltag im Mai 2010 präsentierte das Blatt auf dem Titel das Konterfei eines heroisch in die Ferne blickenden David Cameron. Darunter stand: „Unsere einzige Hoffnung“. Königsmacher war Murdoch damit kaum: Wie schon in den neunziger Jahren war sein wichtigstes Blatt erst zu einem Zeitpunkt übergelaufen, als Meinungsumfragen klar auf einen Machtwechsel hindeuteten.

Bis vor wenigen Wochen sah es aus, als hätte sich der Opportunismus für Murdoch ein weiteres Mal gelohnt. Seine News Corp plante die Komplettübernahme der hochprofitablen BSkyB-Gruppe, an der sie bislang 39 Prozent hält. Medienpolitisch war das ein heißes Eisen. Murdochs Dominanz in Großbritannien ist offensichtlich – und doch war der Erfolg greifbar nahe. Der mit dem brisanten Fall betraute Kulturminister Jeremy Hunt signalisierte Ende Juni, er sei geneigt, dem Milliardengeschäft unter Auflagen zuzustimmen. Doch dann kam Murdochs schwarzer Tag. Seit der Eskalation des Abhörskandals zu Monatsbeginn ist die BSkyB-Übernahme vorerst undenkbar geworden, und Murdochs Geschäftspartner in der Downing Street ergreifen Hals über Kopf die Flucht. Drei Jahrzehnte lang hat sein politökonomisches Geschäftsmodell in Großbritannien verlässlich funktioniert. Nun scheint es irreparabel ramponiert.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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