Wer in diesen Tagen einen Streifzug über die beginnende Möbelmesse IMM Cologne macht, blickt ganz überwiegend in zufriedene Gesichter. Kein Wunder: Die Geschäfte laufen gut. In diesem Jahr wird die Branche voraussichtlich mit mehr als 17 Milliarden Euro zum ersten Mal wieder das Umsatzniveau vor der Wirtschaftskrise des Jahres 2008 erreichen.
Der Anstieg der Rohstoffpreise für Holz, Spanplatten und Bezugsstoffe ist vorerst offenbar gestoppt - ebenso wie sich der Vormarsch der Billigkonkurrenz aus Polen, Tschechien und China verlangsamt. Die deutschen Hersteller haben mit einem Anteil von 50 Prozent ihr Geschäft am Heimatmarkt stabilisiert. Auch der Export brummt: Besonders in Frankreich, der Schweiz und Österreich sind Möbel aus Deutschland beliebt. Dementsprechend gut gelaunt und experimentierfreudig geben sich die fast 1200 Hersteller aus mehr als 50 Ländern auf der Messe in Köln, die von Freitag bis Sonntag für das breite Publikum öffnet.
Kontakt zum deutschen Kunden
Erstmals seit Jahren gibt der deutsche Durchschnittshaushalt wieder mehr für Möbel aus. Fast 740 Euro waren es im Jahr 2011, wie der Marktforscher GfK berechnet hat. Die hiesigen Verbraucher sind dank der guten Lage am Arbeitsmarkt so konsumfreudig, dass auch ausländische Möbelhersteller auf der Kölner Messe wieder verstärkt den Kontakt zum deutschen Kunden suchen: „Aus Italien kamen voriges Jahr nur 50 Aussteller, jetzt sind es fast 70“, sagt Messemanager Frank Haubold.
Die Verbraucher - besonders die in Deutschland - geben aber nicht nur wieder mehr aus, sie sind anscheinend auch wieder offener für witzige Neuheiten. Als letzter Schrei gelten auf der Kölner Möbelmesse unter anderem die Teppiche der deutschen Firma Miinu, die in der Türkei hergestellt werden. Die von Hand gefertigten Unikate setzen sich aus mehr als fünfzig Jahre alten anatolischen Teppichstücken zusammen - quasi eine gehobene Art des Recyclings. Türkische Designer kombinieren bunt gestreifte Kelims aus dem Westen des Landes mit Angora-Webarbeiten aus Zentralanatolien. Das Ergebnis ist extrem farbenfroh, schrill und offenbar auch sehr beliebt.
„Einen krasseren Gegensatz kann es wohl kaum geben“
Als wichtiger Trend gilt insgesamt der Einzug der Natur in die Wohnwelt - zumindest, was die Optik angeht. Dazu gehört die Rückkehr des guten alten Werkstoffs Holz in die Wohnzimmer. Ein Beispiel dafür sind die Regale der Firma Wöstmann, die neben den allseits bekannten weißen Lackoberflächen neuerdings auch Teile aus gebürsteter Eiche umfassen. „Einen krasseren Gegensatz kann es wohl kaum geben. Auf der einen Seite leben die Menschen mit Hochtechnologie auch im Kleinformat, und auf der anderen Seite holen sie sich vermehrt natürliche Produkte in die eigenen vier Wände“, sagt Ursula Geismann, Trend- und Designexpertin des Möbelverbands VDM.
Unbehandeltes Holz, gebrauchtes Holz, Möbel aus alten Schiffsplanken oder Filzsitze kommen in Mode. Die Firma Freund GmbH bietet etwa Echtmoos als Wandbild. „Das Moos absorbiert Schall und wirkt deshalb beruhigend“, erklärt Inhaberin Nina Freund. Weitere Anzeichen für die Hinwendung zu natürlich aussehenden Materialien sind Korkfußböden, eine Holzbadewanne, gepresste Gräser in gläsernen Duschtrennwänden, Leder und echtes Tierfell als Bezugsmaterial sowie Dielenböden.
Ferner werden verstärkt kleinere Möbel angeboten und nachgefragt. „Der Wohnraum wird knapper und teurer“, nennt Bernd Schellenberg, Marketingleiter des oberfränkischen Polstermöbelherstellers Machalke, der Sofas mit Bezügen aus Leder in Gebraucht-Optik und Denim-Jeansstoff anbietet, den Grund. Mit mehr als 40 Millionen hat Deutschland so viele Haushalte wie noch nie zuvor. Gut 16 Millionen davon sind Einpersonenhaushalte, deren Bewohner in der Regel weniger Raum bewohnen, Stichworte dafür sind das Loft- und City-Wohnen. Singles brauchen dementsprechend oft kleinere Möbel, die mehrere Funktionen vereinen. Der Hersteller Machalke etwa bietet Sitzgruppen, die sich aus einzelnen Teilen beliebig groß zusammen bauen lassen. „Wir versuchen der chinesischen Konkurrenz mit solchen Innovationen immer einen Schritt voraus zu bleiben“, sagt Schellenberg. Tatsächlich wird der fernöstliche Wettbewerb in der Polstermöbelbranche, die noch viel Handarbeit zum Einsatz bringt, immer stärker. Auf der Kölner Möbelmesse belegen die chinesischen Hersteller inzwischen schon fast zwei Hallen.
Besucher, die sich besonders für die preisgekrönten Neuheiten im Design interessieren, finden diese gebündelt an einem Ort: Sämtliche mit dem „Innovation Award“ ausgezeichneten Möbelstücke werden in einem eigenen Bereich der Messe in Halle 4.2 gezeigt. Zu den ausgezeichneten Einrichtungsgegenständen, die das Bedürfnis von Singles nach Platzersparnis erfüllen, gehört etwa der sehr flache und ausklappbare Wandsekretär „Flatmate“ der Firma Müller Möbelwerkstätten GmbH. Gleiches gilt für das modulare Sofasystem „To Gather“ des Herstellers Studio Lawrence oder den mobilen Steh-Büroarbeitsplatz „Reiss Morpheus“.
