Europas größter Möbelhersteller Schieder benötigt abermals eine Finanzspritze, um der drohenden Insolvenz zu entgehen. Interimsgeschäftsführer Ulrich Wlecke sagte am Dienstag in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz, dass der Konzern überschuldet sei: „Es lasten Verbindlichkeiten von 350 Millionen Euro auf der Gruppe, das Eigenkapital ist mit 60 Millionen Euro negativ.“ Entstanden ist der Schaden durch mutmaßliche Bilanzmanipulationen der alten Geschäftsführung. Nun bangen 11.000 Beschäftigte in aller Welt um ihre Arbeitsplätze.
Wie in einem Teil der gestrigen Ausgabe gemeldet, sind am Montag vier ehemalige Schieder-Manager unter dem Verdacht der Bilanzmanipulation festgenommen worden, darunter auch Firmengründer Rolf Demuth sowie der ehemalige Geschäftsführer Samir Jajjawi.
Vierfacher Kreditbetrug
Die Bielefelder Strafverfolger werfen ihnen vor, die Bücher gefälscht und damit Kredite und Genussscheine von 283 Millionen Euro erschlichen zu haben. „Es geht um Kreditbetrug in vier Fällen“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Als Haftgründe gab er Verdunkelungs- und Fluchtgefahr an. Mittels einer falschen Vermögensdarstellung – überhöhter Forderungen und verschleierter Verluste – sollen die Bilanzen der vergangenen beiden Geschäftsjahre um jeweils 34 Millionen Euro „geschönt“ worden sein.
Das ostwestfälische Unternehmen hatte am Montag selbst eingeräumt, dass Bilanzmanipulationen entdeckt und die Behörden eingeschaltet worden seien. Die Schieder Möbel Holding war erst im April knapp der Insolvenz entgangen. Am Dienstag verhandelte das neue Krisenmanagement mit Warenkreditversicherern und Factoringgesellschaften.
„Schieder nicht fallen lassen“
Diese Gespräche seien positiv verlaufen, sagte Wlecke, der Geschäftsführer der im Mai eingesetzten Beratungsgesellschaft Alix Partners. Ein noch nicht fertiggestelltes Restrukturierungskonzept muss nun von den kreditgebenden Banken finanziert werden. Wlecke will in den kommenden Tagen die von der Deutschen Bank und Goldman Sachs geführten Kreditgeber davon überzeugen, „Schieder nicht fallenzulassen“, wie er sagte.
Er räumte ein, dass die Inhaber der Genussscheine über knapp 50 Millionen Euro angesichts der möglichen Bilanztricksereien Anspruch auf Schadensersatz hätten. Kredite halten insgesamt rund 50 Banken und Hedge-Fonds. Wie die Sanierung von Europas größtem Möbelhersteller gelingen soll, sagte Wlecke nicht. Zu unübersichtlich dürfte die Struktur der weitverzweigten Firmengruppe sein. Allein 110 Handels- und Vetriebsgesellschaften gehören zu Schieder. Es soll zahlreiche Holdings und Zwischenholdings gegeben haben. Diese Struktur begründete Wlecke mit der alten Managementphilosophie von Firmengründer Demuth, der seinerzeit beabsichtigt hatte, die Geschäftsführer der operativen Gesellschaften wie selbständige Unternehmer agieren zu lassen.
Kriminelle Energien
„Wenn kriminelle Energie ins Spiel kommt, sind solche Strukturen geeignet, um bestimmte Vorgänge zu verschleiern“, sagte Wlecke. Er sieht in der Verschlankung der alten Struktur „enormes Restrukturierungspotential“. Es werde künftig weniger Gesellschaften und weniger Standorte geben. Wie viele Stellen von der Sanierung betroffen sein werden, sagte Wlecke nicht. Schieder solle sich im Rahmen der Restrukturierung von einigen Geschäftsfeldern trennen und sich auf das Kerngeschäft mit der Produktion von Möbeln für das untere und mittlere Marktsegment konzentrieren.
Gerüchte über eine Schieflage von Schieder hatten sich in den vergangenen Monaten schon hartnäckig gehalten. Ein Sprecher der IG Metall sagte, es sei auch den Arbeitnehmern klar gewesen, dass es bei Schieder nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. „Dass der Sumpf so tief ist, hat uns aber überrascht.“ Es müsse geklärt werden, welche Auswirkungen die Vorgänge auf Standorte und Arbeitsplätze hätten. Die SPD-Landtagsabgeordnete Helga Gießelmann warnte, eine Schieder-Pleite wäre verheerend für die Region Ostwestfalen-Lippe, in der mehr als 1000 Menschen für Schieder arbeiten.
Möbelhersteller als "reiner" Zulieferer haben es schwer
(danieri)
- 05.06.2007, 21:15 Uhr
Bezahlen muß am Ende immer der Steuerzahler.
norbert doerre (ndoerre)
- 06.06.2007, 01:30 Uhr
