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Möbel Der Gipfel der Gemütlichkeit

16.01.2010 ·  Biedermeier heißt jetzt Cocooning: Die Deutschen geben mehr Geld für Möbel aus, als jede andere Nation. Vor allem Feuermöbel, Ess-Sessel und Multimedia-Schränke sind im Trend - und müssen auch von hinten schön sein.

Von Christoph Ruhkamp und Christine Scharrenbroch
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Im Sketch des Komikers Loriot betritt ein älteres Ehepaar ein Bettengeschäft. VERKÄUFER: Womit kann ich dienen? GATTIN: Wir hätten gern ein Bett ... VERKÄUFER: Haben Sie da an eine Schlaf-Sitz-Garnitur gedacht mit versenkbaren Rückenpolstern, an eine Couch-Dreh-Kombination oder das klassische Horizontal-Ensemble? GATTE: Wir schlafen im Liegen ... VERKÄUFER: Ah ja ... da empfehle ich Ihnen die Kreationen aus dem Hause „Unisono“. Sie ruhen nebeneinander oder rechtwinkelig? GATTE: Rechtwinkelig? GATTIN: Nein, nein ... ganz normal ...

Obwohl damit alles Notwendige über innovative Möbel gesagt schien, gibt es doch immer wieder zukunftsweisende Produkte der Einrichtungsbranche. Ausgestellt werden sie alljährlich auf der Leitmesse in Köln, der „Imm Cologne“. In diesem Jahr versammelt die in der kommenden Woche beginnende Schau rund hunderttausend Möbel von tausend Ausstellern – darunter 30.000 „Neuheiten“.

Glaubt man Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie, zählt dieses Mal zu den wichtigsten Trends, dass Möbel viele Funktionen vereinen müssen: „So etwa das Anpassen von Sofalehnen je nach Bedarf, die Bedienungsfreundlichkeit beim Öffnen von Schränken, die Geräuschlosigkeit beim Öffnen von Schubläden und die Nutzung elektrischer Motoren zur Verstellbarkeit von Matratzen.“ Zum Thema Formen stellt Klaas fest: „Die Formen bei Polstermöbeln polarisieren in eckig oder rund. Beides ist möglich.“

Flucht ins Private

Das klingt so, als habe Vicco von Bülow alias Loriot wohl recht behalten mit seinem Spott. Selbst innerhalb der Branche treffen manche technischen Spielereien auf Kritik: „Ich hoffe, dass sich die grifflosen Türen an Küchenschränken, die man per Druck auf die richtige Stelle öffnen muss, nicht noch in weiteren Bereichen durchsetzen. Denn die Leute kaufen heute solche Küchen, werden dann aber älter und können sie später nicht mehr richtig bedienen“, warnt etwa Frank Müller von der auf Möbelzulieferer spezialisierten PH Meyer Wirtschaftsberatung.

Im Einzelfall jedoch ringt die Möbelwelt sich durchaus noch einige neue Kuriositäten ab, die auch ihre Käufer finden. Viele davon lassen sich dem größeren und schon öfter beschriebenen Phänomen des „Cocooning“ oder „Homing“ zuordnen – also dem Drang, es sich angesichts der rauhen Außenwelt und der Wirtschaftskrise zu Hause besonders gemütlich zu machen. Die frühe Variante dieser Flucht ins Private nannte sich im vorletzten Jahrhundert Biedermeier.

„Dazu werden Möbel nachgefragt, die nicht unbedingt repräsentativ sind, sondern die etwas können“, sagt Ursula Geismann vom VDM. „Das sind nicht nur Sofas zum Sitzen und Schlafen, sondern auch Tische, die sich auf Knopfdruck verlängern lassen, oder höhenverstellbare Küchenkonsolen.“ Da das Ensemble der Möbel der Abwechslung halber immer öfter umgestellt wird, müssen die Möbel auch von hinten schön sein – damit Sofas auch in der Mitte des Raums stehen können und vorzeigbar aussehen. Immer häufiger verschmelzen zudem Schlaf- und Badezimmer zur kleinen Wellness-Oase – so ähnlich wie in teuren Hotels.

Öfen zum Aufhängen

Inbegriff des „Cocooning“ sind Feuermöbel: Bei diesen Kaminen im Kleinformat geht es nicht etwa um die Heizwirkung, sondern allein um das faszinierende Flammenspiel. Wer möchte nicht an langen Winterabenden in den eigenen vier Wänden am offenen Feuer sitzen? Aber nicht alle können sich das teure Vergnügen, einen Kamin an- oder umzubauen, auch leisten. Die billige Alternative dazu, die wegen der rückstandsfreien Verbrennung keinen Kamin erfordert, ist eine kleine, saubere Feuerstelle auf einem Podest. Keine Asche, kein Rauch. Statt mit Holz wird das Feuermöbel mit Bioalkohol oder Brenngel befeuert. Etwa das Produkt „High Flame“ aus der „Home Flame Collection“ des Designers Michael Rösing. Es gibt sogar Modelle zum Aufhängen.

Neben der Lagerfeuerromantik braucht es aber auch Abwechslung. „Möbel stehen nicht mehr 30 Jahre an der gleichen Wand“, sagt Ursula Geismann. Das zeige, dass die Menschen ihre Räume häufiger als früher umgestalten. Sie seien sich immer mehr bewusst, dass sie 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen und rund 340 Tage im Jahr zu Hause verbringen. Möbel besitzen auch mehr Funktionen als früher, können verbreitert, verkleinert, verlängert, höher gestellt werden. „Wer nicht viel zu Hause ist, braucht nur ein einfaches Sofa“, sagt Geismann. „Wer aber Homing lebt, will unterschiedliche Ansprüche verwirklichen.“

So soll sich das Sofa abends zum Fernsehen oder Lesen in eine Art Liegelandschaft verwandeln. Dafür wird der Sitz vorgezogen, die Sitztiefe nimmt zu, wie Petra Kobus, Marketingleiterin des großen Polstermöbelherstellers Himolla, berichtet: „Solche Funktionen sind immer stärker gefragt.“ Bei Sesseln lassen sich Fußstützen ausfahren, eine Massagefunktion starten und sogar eine Sitzheizung anstellen. Immer mehr Bedeutung kommt auch der Küche zu. „Die Küche entwickelt sich wieder hin zu dem Treffpunkt der Familie, der sie in den fünfziger Jahren war“, sagt Günter Scheipermeier, Geschäftsführer des Marktführers Nobilia. „Ich habe da immer meine Hausaufgaben gemacht.“ Größer sind die Küchen geworden, auch weil das Kochen mit Freunden zunimmt. „Man trifft sich zum Pizzabacken oder Spaghettikochen und trinkt einen Rotwein dazu.“

Lästige Kabelwürste stilvoll verstecken

Damit die Gäste es auch bei längeren Zusammenkünften bequem haben, gibt es neuerdings den „Ess-Sessel“, eine ergonomisch ausgefeilte Mischung aus Sessel und Stuhl – unter anderem von der Firma KFF. Der Ess-Sessel macht den Umzug ins Wohnzimmer nach dem Essen überflüssig. Er verfügt über Funktionen, die bisher weitgehend den Bürostühlen vorbehalten waren wie eine dynamische Rückenlehne und die Höhenverstellbarkeit.

„Cocooning“ kann auch bedeuten, dass man nicht mehr mit den besten Kollegen in die Kneipe geht, sondern das Spiel öfter auf dem großen Flachbildfernseher im Wohnzimmer schaut. Dann werden „Multimedia-Möbel“ gebraucht, die lästige Kabelwürste stilvoll verstecken. In die gleiche Kategorie gehören Sofas, aus denen sich die Halterung für ein Laptop hervorziehen lässt, oder Sideboards, die auf Befehl der Fernbedienung einen Flachbildschirm zu Tage fördern – besonders wichtig für die Fußball-Weltmeisterschaft.

„In unsicheren Zeiten machen es sich die Leute zu Hause schön“, beschreibt Thomas Grothkopp, Geschäftsführer des Möbelhandelsverbands BVDM, den von der Branche gerne angeführten Trend. Trotz Wirtschaftskrise würden Anschaffungen für Haus oder Wohnung getätigt. In der Tat: Der deutsche Möbelhandel, der von Ikea, der Höffner-Gruppe, Lutz, Porta und Segmüller angeführt wird, hat 2009 mit 29,7 Milliarden Euro 2 Prozent mehr umgesetzt. Dazu kommen 6 Milliarden Euro für Teppiche, Heimtextilien, Tisch- und Küchenzubehör.

Ein wichtiger Trend, den die Möbelwelt zunächst verschlafen hatte, ist die Nachhaltigkeit. Hier wird jetzt mit Riesenschritten aufgeholt. „Es werden immer mehr wasserlösliche Lacke und formaldehydfreie Spanplatten verwendet“, sagt Unternehmensberater Müller. Viele Möbelstücke verfügten über eine Art Pass, der ausweist, dass das verwendete Holz aus Beständen stammt, denen nur so viel entnommen wird wie nachwächst.

Möbel a la H&M

Insgesamt fördert das „Homing“ die Hoffnung der Möbelindustrie, dass von den privaten Verbrauchern noch mehr Geld für die Einrichtung ausgegeben wird. Denn die Branche muss mit einem kräftigen Rückgang der Nachfrage nach Büro- und Ladenmöbeln von 17 Prozent zurechtkommen. Was der Erzielung hoher Preise schon lange im Weg steht, ist die Tatsache, dass es kaum bekannte und geschätzte Möbelmarken gibt: Auch große Unternehmen der Branche wie Alno/Casawell, Häcker Küchen oder Himolla Polstermöbel sind den meisten Menschen kein Begriff. Daran etwas ändern könnte jedoch der Trend, dass immer mehr Modemacher nun auch Kollektionen für den Wohnbereich entwerfen. Die Edelschneider Armani, Versace und Missoni bieten genauso wie die Klamottenmarken Diesel, Esprit und H&M mittlerweile eine „Home“-Kollektion von Möbeln im eigenen, wieder erkennbaren Stil an. Meist suchen sie sich für die Produktion einen kompetenten Partner aus der Möbelbranche. Vorteil für beide Seiten: Viele Modeliebhaber sind bereit, für diese Möbel tiefer in die Tasche zu greifen, weil sie ihre Vorstellung von Lyfestyle erfüllen.

Den Möbelherstellern könnte das „Cocooning“ helfen, schon bald wieder auf die Beine zu kommen. Nach einem deutlichen Umsatzrückgang 2009 erwartet die Branche jetzt eine Stabilisierung. „Insgesamt hoffen wir auf eine Beendigung der Krise im Jahr 2010 und sehen die Branche danach auf ihren alten Wachstumspfad zurückkehren“, sagt Verbandschef Klaas. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Umsatz der Branche unter anderem wegen der billigen Importkonkurrenz aus China um rund 10 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro – keine Katastrophe, aber immerhin ein Rückfall auf das Niveau im Jahr 2006. Dazu beigetragen hat auch die Abwrackprämie für Autos, die der Möbelbranche Kaufkraft entzog. Anders als in der Autozulieferindustrie blieb den Möbelherstellern eine Insolvenzwelle erspart. Nur elf von den 1076 Betrieben verschwanden vom Markt. Die Zahl der Beschäftigten in der Branche verringerte sich recht moderat um 3600 auf 103.000. Wenn es um die Steigerung der Einnahmen geht, kann die Branche indes kaum auf den Inlandsmarkt hoffen. Denn die Deutschen geben schon jetzt so viel Geld für Möbel aus wie keine andere Nation in Europa. 2009 lagen die Pro-Kopf-Ausgaben hierzulande bei 362 Euro. „Viel mehr ist nicht drin – auch nicht mit Cocooning“, sagt Unternehmensberater Müller.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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