14.01.2011 · Sie arbeiten mit Nadel, Faden und Schere, nähen auf Maß und mit der Hand und lassen das harte Geschäft mit der Mode als Kunst erscheinen. Stephan Finsterbusch beschreibt den Weg von drei deutschen Schneiderinnen in Peking, London und Halle/Saale.
Chic in China: Peking, der uralte Tempel am Pulverturm, Kathrin von Rechenberg steht hinter der Bühne. Sie weiß nicht recht, wohin mit ihren Händen, zupft am Kleid und fährt sich durchs Haar. Das hat sie in den vergangenen drei Minuten sechsmal gemacht. Kein Wunder: Der Saal ist voller Menschen, der Laufsteg dicht gesäumt, das Scheinwerferlicht grellgelb. Rechenberg ist nervös. Für diese Show hat sie monatelang gearbeitet, mit Nadel und Faden, Augenmaß und wunden Fingern, Tag und Nacht. Gleich kommt ihr Auftritt.
In der vergangenen Stunde hatte sie bei wohltemperierter Musik in den ausgedienten Tempelhallen die Models ihre neueste Kollektion vorführen lassen. Mode à la Rechenberg: lange Kleider, kurze Röcke, Mäntel, Hosen, Jacken, Feines und Bequemes, edle Stoffe, Filz und Wolle, Merino, Kaschmir und Seide. Klassische Schnitte, erdige Farben; alles edel, alles tragbar, alles selbst von Hand gemacht. Wertarbeit „made in China“. Rechenberg muss nun Gesicht zeigen. Lächeln, Augen auf und durch. Ein kurzer Gang über die Bühne. Blitzlichtgewitter, Verbeugung, Applaus, noch ein Gewitter, noch eine Verbeugung, Abgang. Der Vorhang fällt. Geschafft. Rechenberg umarmt ihr Team, nimmt ein Glas Sekt und sagt einfach nur „Danke“.
Während die in München aufgewachsene, in Paris ausgebildete und in Peking lebende Maßschneidermeisterin fern der Heimat ihren Weg gefunden, sich in einer alten Fabrik ein kleines feines Atelier aufgebaut und der hohen Kunst der Schneiderei im Reich der Mitte so einen Auftritt nach Maß verpasst hat, beugt sich die junge Frankfurter Textildesignerin Lilly Heine in London über ihre Entwürfe für das Modehaus Alexander McQueen. Sie mag Wolle und Seide, Weiches, Glattes, Zartes. Heine gilt in der Branche als aufgehender Stern und hat noch einiges vor.
„Wir wollen in die großen Kaufhäuser“
Das hat Susan Kottwitz auch. Sie ging nicht nach Peking oder London. Sie blieb zu Hause in Ostdeutschland, in Halle an der Saale. Im Hinterhof eines verfallenden Bürgerhauses fing alles an, damals, als die Berliner Mauer fiel. Handgemachte Damenmode aus dem Abriss: In Paris hätten sie eine knallige Werbung daraus gemacht, in Halle ging es für Kottwitz ums Überleben. Als Jugendliche hatte sie sich ihre Kleider selbst genäht. Nach Lehre, Meisterbrief und mitten im Schicksalsjahr der Wende nahm sie allen Mut zusammen und übernahm eine kleine Schneiderei. Da war sie 23. Sie machte alles, was gefragt war: Änderungen und Maßanfertigungen, Auftragsarbeiten und exklusive Stücke. Kottwitz war sich für nichts zu schade. Qualität spricht sich herum. Bald konnte sie die Änderungsschneiderei streichen und ganz das machen, was sie wollte: Mode.
Heute hat sie ihr Atelier in der jahrhundertealten sanierten Neuen Residenz gleich hinter dem Dom. Tonnengewölbe, Lichthof, Deckenstuck und Holzparkett. Ein kleines Gewandhaus. Sie macht Kleider, ihr Mann den Kommerz; sie entwirft, er rechnet. Nun will Kottwitz wachsen. Der Vertrieb wird gestärkt, das Marketing geschärft. „Wir wollen in die großen Kaufhäuser: das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg, die Galeries Lafayette.“ Sie steht im Atelier. Es reicht über zwei Etagen, unten die Boutique, oben die Schneiderei; unten wird angepasst, abgesteckt und verkauft, oben geschnitten, genäht und geplättet. Susan Kottwitz hat ihre Manufaktur von Jahr zu Jahr vergrößert und den Kundenstamm wachsen lassen. Unternehmerinnen, Anwältinnen, Professorinnen, Theater-, Film- und Fernsehstars.
Der Anfang war schwer. Kredite gab es nicht, Stoffballen holte sie per Fahrrad von der Einkaufsgenossenschaft, den Laden verwaltete sie nur mit dem Kassenbuch. Heute arbeitet sie mit Computern und stattet die Kling-Schwestern aus. Gerade war Mireille Mathieu da. Die Grande Dame des Chansons kam aus Paris nach Halle, gab ein Konzert und kaufte bei Kottwitz ein. Die war baff. Dabei verkauft sie heute schon bis Holland, doch fertigt sie nur daheim. In den Neunzigern war sie mit ihrem Mann und einem alten Polo mal in die Nähereien der Ukraine gefahren. Doch es war grauenhaft, miese Bedingungen, geplatzte Nähte, keine Qualität. Sie setzte ganz auf Deutschland.
„In der Mode muss man drei Schritte voraus denken“
Am Anfang habe sie 500 Stücke im Jahr gemacht; heute seien es 12.000; alle Größen, alle Klassen, Tages- und Abendgarderobe. Am Anfang hatte sie zwei, heute 18 Mitarbeiter; damals hatte sie einen Namen, heute zwei Marken: Susan Kottwitz und Amy Skott. Susan Kottwitz steht für Prêt-à-porter, die feine Mode von der Stange; Amy Skott für Maßgeschneidertes. „Als Kind nannten mich alle Amy“, sagt Kottwitz. Ihre Mutter hieß Alice, deren Großmutter Emily. Das ließ sich verbinden. Als sie vor zwei Jahren auf der Suche nach einer neuen Marke für die Oberklasse ihrer Kollektion war, entschied sie sich für Amy Skott. Heute fertigt sie unter diesem Label keine tausend Stücke im Jahr – auf Maß und von Hand, das Feinste vom Feinen.
Der Großteil ihrer Arbeit geht in das Prêt-à-porter, auf die Stange. Das läuft dann unter Susan Kottwitz. Kommende Woche werden die neuen Modelle genäht. Die Schnitte hängen schon auf den Ständern. Es wird die übernächste Saison. „In der Mode muss man drei Schritte voraus denken“, sagt sie. Das braucht Geschmackssicherheit, denn Geschmack ist Geschäft. Einmal im Jahr fährt sie zur Stoffmesse nach Paris, der Rohstoff für ihre Ideen und Kollektionen. Dort kauft sie dann ein: 30 Meter je Prototyp des jeweiligen Modells, 300 Meter für die jeweilige Produktion, alles in allem mehrere Kilometer.
Am Heiligen Abend kam der entscheidende Anruf
„Wenn ich mit der Hand über einen Stoff fahre, spür ich schon, was ich draus mache“, sagt sie, das Nadelkissen am Handgelenk, das Bandmaß um den Hals. Stoffe inspirieren. Die Inspirationen skizziert sie dann. Designerinnen setzen die Ideen um. Es wird genäht, probiert, aufgetrennt, wieder genäht, wieder probiert, bis alles sitzt. Das kann dauern. „Ich mag es, wenn Klassik sich mit Moderne mischt“, sagt sie. Kontraste ziehen an. Daran arbeitet auch Lilly Heine, wenn sie die Computermaus langsam über den Schreibtisch schiebt und die Muster und Strukturen für einen Stoff entwirft. Ab und an ein Klick, ab und zu ein Blick, auf dem Bildschirm gibt sie ihren Ideen Form. Die wird sie Monate später auf der Bühne sehen. Textilien sind wie Bilder, jeder kann sie sehen, doch nur wenige können sie lesen. Gerade hat Lilly die prestigeträchtige Londoner Modeschule Central Saint Martins absolviert, hat dort bei Louise Wilson ihren Master gemacht und ihre erste Minikollektion bei Topshop in die Regale gelegt – cremefarbene Wollkleider mit Seidenapplikationen.
Nun wird sie Textildesignerin im Modehaus Alexander McQueen – mit 26 Jahren. Sie hatte hier mal ein Praktikum gemacht. Nun steigt sie richtig ein. Am Heiligen Abend kam der Anruf. Mitte Januar geht es los. „Ein Traum“, sagt sie. Doch Träume haben Preise, werden Nächte verlorenen Schlafs kosten, Zeit, Kraft, Nerven und auch Tränen. Alexander McQueen hat teuer bezahlt. Im vergangenen Jahr nahm sich der englische Stardesigner das Leben. Er wurde 41 Jahre alt und hatte es nicht mehr ausgehalten. All die Freunde, die doch Feinde waren, der Ärger, die Ängste, die Depressionen. Keine Hilfe, nirgends. Was blieb, waren seine Schnitte und Kollektionen, die Erinnerungen und seine Marke. Heine war beim Gottesdienst in der St Paul’s Cathedral. „Ich habe geheult“, sagt sie, in einem Frankfurter Café sitzend und den ersten von zwei Cappuccinos schlürfend.
„McQueen hatte mal das Thema Paradiesvögel“
McQueen habe immer alles ganz nah an sich herangelassen, zu nah. Ein Fehler. Sicher. „Aber so war er halt“, feinfühlig, sensibel, offen. Das machte ihn verwundbar. Heine mag das, doch bewundert sie Lagerfeld, dessen Arbeit, dessen Stil, dessen Distanz. Wie der Altmeister trägt sie gern Schwarz, damit lasse man sich auf nichts festnageln. Denn die Branche ist ein Haifischbecken. Heine springt dennoch rein, sie mag es – irgendwie. Andere mögen, was sie mag. Sie wurde eine von zwei Gewinnern des Harrods-Preises 2010 für die beste Kollektion. Die Modekritikerin Kelly Bowerbank sieht in ihr eine kommende „Modegröße“. Während kleine Häuser sich von den Stoffen inspirieren lassen, versuchen Branchengrößen in der Fertigungskette der Mode schon die Textilien zu bestimmen und nicht erst die Schnitte.
„McQueen hatte mal das Thema Paradiesvögel“, sagt Heine. Seine Stoffler wälzten Bücher, suchten Drucke und Fotos von Vögeln, Farben, Muster. „Allein so eine Suche motivierte“, sagt sie. Zur weiteren Inspiration setzt sie sich gern den iPod auf die Ohren: Radio Head. Die fertigen Entwürfe gehen dann zu den Textilmanufakturen in Italien oder der Schweiz. Die machen die Stoffe, aus denen die Träume der Mode sind. Handwerk trifft Avantgarde. McQueens „Birds of Paradise“ wurde ein Erfolg. „Kreativität kann man nicht lernen“, sagt Heine. „Aber man kann lernen, mit ihr umzugehen.“ An der Pariser Schule „Les Arts Décoratifs“, an der sie vor London war, studierte sie das Handwerk, die alten Techniken, die alten Kniffe und Tricks. Sicher: ohne Handwerk keine Kunst. „Aber das Handwerkliche ist nicht so meins.“ Leute machen Kleider.
Nur über die Runden kommen und schöne Kleider machen
Für Kathrin von Rechenberg ist das Handwerk alles. Das ist es für sie seit fünfzehn Jahren, zehn davon ist sie in China. Eine deutsche Schneiderin in Fernost, tapfer und tough. Sie biss sich durch, arbeitet so, wie sie es aus den französischen Haute-Couture-Häusern kennt. Das Nähen hatte sie als Kind von der Großmutter, das Schneidern später von der Mutter gelernt, die Kreativität hat sie vom Vater, einem Bildhauer. Mit 16 Jahren wollte sie ein Schneidermeister werden, mit 30 stand sie in Paris bei Anneliese Heinzelmann, heute ist sie in Peking. Sie ist ihr eigener Herr mit eigenem Atelier, eigener Marke, eigenem Stil.
Die Werkstatt liegt im Hinterhof eines ausgedienten Fabrikgebäudes. Ziegelwände, Steinfußboden, hohe Fenster, lange Tische, Kleiderpuppen. Die Kundendatei ist gut gefüllt. Am Anfang waren da nur Europäerinnen und Amerikanerinnen, heute finden sich dort auch Chinesinnen. Ihr Mann hält ihr im Geschäft und bei den Behörden den Rücken frei. Zu Hause sorgen drei Kinder für Bewegung. Im Atelier gibt Rechenberg den Ton an. Sie will nicht reich werden und nicht expandieren, sie will einfach nur über die Runden kommen und das machen, was schön für sie ist: gute Kleider.
„Wenn du wirklich was erreichen willst, musst du Paris kennen“
Dafür braucht sie gute Leute – im Reich der Mitte nicht ganz einfach. Das Land hat zwar viel Industrie, doch kein Ausbildungssystem. Rechenberg half sich selbst. Ausgewählt hat sie ihre zehn Mitarbeiter nach Lernfähigkeit. Nur die Atelierleiterin hat studiert, die Verwaltungswissenschaften, später machte sie einen Kurs für Schnittmacher. Heute ist sie ein Pfeiler in Rechenbergs Geschäft. Die anderen? Learning by doing! Als Teenager hatte Rechenberg das auch gemacht. Damals trennte sie alte abgelegte Anzüge des Vaters auf und schneiderte sich daraus ein Kleid.
Das Hobby war Berufung, in den Neunzigern wurde es zum Beruf. Sie ging in die dreijährige Schneiderlehre in München. Doch sie wollte mehr, sie wollte nach Paris. „Wenn du wirklich was erreichen willst, musst du Paris kennen“, sagt sie. Sie lernte Französisch, verdingte sich in den Modehäusern Jacques Fath, Dior und Lacroix, arbeitete für Chanel und lernte die Hierarchie der Couture kennen. Genäht wird per Hand, sitzend auf einem Schemel, zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden. Wundgestochene Finger sind Alltag.
Rechenberg mit mehreren Kollektionen pro Jahr
Rechenberg bekam ein Stipendium und studierte an der Ecole de la Chambre syndicale de la couture parisienne, der besten Modeschule der Welt. Sie lernte dort, ohne Schnittmuster, gleich am Modell und in Nesselstoff zu arbeiten – die hohe Kunst der Schneiderei. Sie qualifizierte sich zur Modellistin und zur Designerin, jobbte durch die Modewelt und bekam einen Auftrag von Sophie Hong aus Taiwan. Das öffnete ihr Asien. Mit einem Koffer bereiste sie China und Japan, legte sich eine kleine Sammlung alter asiatischer Kleider aus feinsten Stoffen und Schnitten zu und bekam Teeseide in die Hände. „Phantastisch“, sagt Rechenberg heute.
Sie fährt mit der Hand über ein chinesisches Sommerkleid aus den zwanziger Jahren. Der Hauch von einem Stoff, der Schnitt so simpel wie raffiniert, Couture von der alten Seidenstraße. Sie liebt es, mit diesem Stoff zu arbeiten – bis heute. Unten in Kanton, zweitausend Kilometer von Peking entfernt, wird er in einer kleinen Färberei hergestellt. Das Rezept: die Naturfarbe einer Wurzel und der eisenhaltige Flusssand der Region. Das Ganze wird in Tee gewaschen, auf Feldern ausgebreitet, luftgetrocknet und zwei Jahre gelagert. Der Stoff legt dann Patina an. Das lässt kein Stück wie das andere aussehen, jedes Teil ein Unikat sein. Rechenberg hat Gespür und Schnitte dafür, bringt Jahr für Jahr mehrere Kollektionen auf den Markt. In den Wochen nach ihrer Modenschau im achthundertjährigen Hongenguan-Tempel mitten in Peking hat sich auch ihre diesjährige Kollektion gut verkauft. Deutscher Chic aus China.
Schöner Artikel
Maik Trommer (MaikTrommer)
- 14.01.2011, 23:05 Uhr
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Jörg de Joop (Staffelberg)
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Agnieszka Dachterska (Manufaktura_Mody)
- 16.01.2011, 18:00 Uhr
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