09.12.2007 · Bisher hat Nokia alle anderen Handybauer in die Tasche gesteckt. Doch jetzt fordern neue Rivalen wie Google und Apple die Finnen heraus. So ändern etwa internetfähige Handys die Regeln des Spiels und - den Kreis der Mitspieler.
Von Patrick BernauStellen Sie sich bitte vor: Sie sitzen im Kino, die beiden Helden stehen kurz vor dem erlösenden Kuss - und plötzlich klingelt ein Handy. Welchen Klingelton haben Sie jetzt im Ohr?
Das ist der Standard-Klingelton von Nokia. Die finnische Firma ist auf dem Handymarkt derzeit so dominant, dass ihr Klingelton zum Prototypen eines Handyklingelns geworden ist. Jeder hat schon mal bei einem technikbegeisterten Bekannten den „Nokia Communicator“ gesehen, den teuren dicken Knochen zum Aufklappen, der scheinbar alles kann. Und viele Jugendliche hatten einmal das Nokia 3210 und haben darauf zum ersten Mal Handy-Snake gespielt.
Inzwischen stammen weltweit zwei von fünf verkauften Handys von Nokia. Die Konkurrenz bleibt zurück, der ehemals große Rivale Motorola verliert immer weiter an Boden. Nokias Dominanz macht das immer leichter, denn in großen Mengen lassen sich Handys billiger produzieren - und darum auch billiger verkaufen. Vergangene Woche hat Nokia angekündigt, seinen Marktanteil noch einmal zu steigern und mehr Geld zu verdienen. Eigentlich sollte Nokia sagen können: Der Handymarkt ist unser.
Internet aufs Handy
Doch jetzt kommt das Internet aufs Handy. Das ändert die Regeln des Spiels und - noch wichtiger - den Kreis der Mitspieler. Musik, Filme, E-Mail-Zugang, anspruchsvolle Spiele, Navigation: All das kann das Handy inzwischen. Und zwar billig. „Darüber hat man schon lange gesprochen, jetzt wird es real“, sagt Telekommunikations-Experte Nikolaus Mohr von der Unternehmensberatung Accenture. Diese Entwicklung ist für Nokia gefährlich. Denn sie macht den Handymarkt für neue Rivalen interessant - gerade als die alten geschlagen schienen.
Google zum Beispiel ist so ein neuer Gegner. Der Internetgigant hat die „Open Handset Alliance“ ins Leben gerufen. Die Teilnehmer wollen dafür sorgen, dass Handys in Zukunft besser zueinander passen. Spiele zum Beispiel müssen bisher für fast jedes Handy neu programmiert werden. Auf den Google-Handys soll das in Zukunft nicht mehr nötig sein. An dieser Initiative beteiligen sich große Konkurrenten wie Samsung und Motorola, außerdem wichtige Netzbetreiber wie T-Mobile - dieser geballten Macht muss sich Nokia stellen.
Zuvor hat schon Apple mit seinem Kultgerät iPhone das Spielfeld betreten. Der Apparat ist zwar teuer, und Apple rechnet für das kommende Jahr nur mit einem Prozent Marktanteil weltweit - aber weh tut das trotzdem. Denn in den Ländern, in denen das iPhone auf dem Markt ist, hat es gewaltige Auswirkungen. In Deutschland ist nach Angaben von T-Mobile jedes fünfte seiner verkauften Vertragshandys ein iPhone.
100 Einwohner und 115 Handys
Für Nokia ist das bitter. Denn so ein teures Handy hätte Nokia gerne selbst verkauft. Schließlich wird es immer schwieriger, mit Standard-Handys noch zu wachsen. Den Marktforschern von Gartner zufolge benutzen in Europa 100 Einwohner derzeit 115 Handys. Dynamischer ist die Nachfrage noch in den Entwicklungs- und den Schwellenländern. Aber dort sind billige Handys gefragt, und die bringen vergleichsweise wenig Gewinn.
Derweil zeigt der Newcomer Apple dem finnischen Riesen, wie man auf dem gut gefüllten Handymarkt spektakulären Erfolg haben kann: indem man das Internet gut ins Handy einbindet. Vodafone, T-Mobile und Co haben das seit Jahren probiert, aber von den Nutzern horrende Gebühren für den Internetzugang verlangt, so dass nur wenige Kunden überhaupt die Handys kauften, die dafür nötig waren.
Apple profitiert jetzt davon, dass die Netzbetreiber billiger werden müssen. Denn sie bekommen neue Konkurrenz von den Internet- und Multimedia-Firmen: Die wollen weder mit mobilem Internet Geld verdienen noch mit Handys, sondern mit Filmen, Spielen und Musik - zur Not hätten sie es gemacht wie Tchibo: Sie hätten einen eigenen Handytarif auf den Markt gebracht. Mit niedrigen Kosten für den Internetzugang. In Amerika bewirbt sich Google schon um Handyfrequenzen.
Internet-Offensive gestartet
Die Zeichen der Zeit hat Nokia erkannt. Rechtzeitig? Vor einem Jahr wurde eine Internet-Offensive gestartet und zum Beispiel der Hersteller von Navigations-Software Navteq gekauft. Jüngster Vorstoß: die Musik-Flatrate „Comes with Music“ („kommt mit Musik“). Die wird es den Käufern einiger Handys erlauben, ein Jahr lang unbegrenzt Musik von Nokias neuem Musikportal im Internet herunterzuladen - aber erst in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres. Nicht mal das Musikportal ist außerhalb von Großbritannien schon zugänglich.
Das Musikportal soll Teil werden von Nokias neuer Schaltzentrale, genannt „Ovi“ (finnisch für „Tür“). Dazu gehört nicht nur ein Musikladen, sondern auch eine Fotogalerie, Spiele-Downloads, Karten und Navigationsdienste. Die sollen gut aufeinander abgestimmt sein: Das Navigations-Modul auf dem Handy versieht Fotos automatisch mit einer Markierung, wo sie aufgenommen worden sind. Der Computer zeigt die Bilder dann nach Zeit und Ort sortiert an, zum Beispiel alle Bilder aus dem Tirol-Urlaub zusammen. Und wer die Bilder seinen Freunden zeigen will, soll sie ganz fix ins Internet stellen können.
Harte Konkurrenz
Damit will Nokia aufholen. Aber die Konkurrenz ist hart: Es geht nicht mehr gegen Motorola und Samsung, sondern gegen Apple, Google und sogar die Internetportale der Netzbetreiber. Wer wird sich durchsetzen?
Der Chef des Vodafone-Live-Portals, Erik Friemuth, verweist auf seinen großen Vorteil: Viele Vodafone-Handys haben eine Taste, die den Nutzer direkt auf das Vodafone-Live-Portal schickt. Das ist kein schlechtes Argument, bestätigen Experten. Sie sehen aber auch noch drei andere Kriterien. Erstens: Wie einfach ist die Bedienung? Zweitens: Wie schnell ist das Portal fertig? Auf diesen beiden Feldern ist Apple weit vorne, doch dessen Preise sind traditionell zu hoch für den Massenmarkt. Das dritte Kriterium: Wessen Handy kann am meisten? Hier hat Google Vorteile, denn es schart traditionell viele freie Entwickler mit guten Ideen um sich. Auch Nokia hat Chancen. Aber die Zeit der Dominanz geht zu Ende.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.373,01 | −1,52% |
| Dow Jones | 12.452,60 | −1,02% |
| EUR/USD | 1,2400 | −0,70% |
| Rohöl Brent Crude | 103,95 $ | −2,71% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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