22.05.2010 · Gescheiterte und doch hochbezahlte Manager wollten die Politiker dem Volk nicht mehr zumuten. Gerechter sollten die Gehälter werden. Aufsichtsräte haben mit neuen Verträgen reagiert. Doch die Aktionäre interessiert das kaum.
Von Carsten Knop„Die Veröffentlichung meines Gehalts würde die Republik nicht verkraften.“ Der Manager, der das vor drei Jahren gesagt hat, ist nicht mehr im Amt. Es war Wendelin Wiedeking, Chef des Sportwagenherstellers Porsche, eines kleinen Unternehmens, das sich anschickte, Volkswagen zu übernehmen. Die rund 77 Millionen Euro Gehalt, die letztlich doch bekannt wurden, haben die Deutschen schließlich verkraftet. Aber das Rad, das Wiedeking an den Finanzmärkten drehen ließ, um seine Hände nach VW ausstrecken zu können, hat ihn im vergangenen Sommer aus dem Amt gehoben. Versüßt wurde der Abgang desjenigen, der lange Zeit viele Aktionäre reich, am Ende aber nicht nur manche Hedge-Fonds arm gemacht hat, mit einer Abfindung von 50 Millionen Euro.
In Stuttgart war einige Jahre zuvor ein anderer Automanager mit einer gescheiterten Übernahme, die die Aktionäre finanziell erleichtert hatte, reich geworden: Jürgen Schrempp mit dem Chrysler-Deal. Der erfolglose ehemalige Vorstandsvorsitzende von Daimler-Chrysler profitierte über ein Aktienoptionsprogramm zuerst von seinem Rücktritt, später von der Trennung von Chrysler. Plötzlich belief sich der Wert von Schrempps Optionen ebenfalls auf geschätzte 50 Millionen Euro.
Erst ein Tropfen von Schrempp, dann ein Tropfen von Wiedeking, Fluten von hochbezahlten und doch gescheiterten Bankern – im August 2009 ist das Fass übergelaufen: Das Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung trat in Kraft. Es war eine der ersten gesetzlichen Antworten auf die Versäumnisse und Exzesse der Wirtschaftskapitäne, die die Verwerfungen der Finanzkrise zutage geführt hatten. Schon hier stellte sich für die Politiker, die bis zum heutigen Tag mit immer mehr Steuergeldern ihrer Wähler die Wirtschaftswelt retten, die Gerechtigkeitsfrage. Künftig sollen die Führungskräfte deshalb „in einem angemessenen Verhältnis zu den Aufgaben und Leistungen“ bezahlt werden. „Eigentlich ist das ja selbstverständlich, und man müsste so was nicht regeln“, kommentierte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die Vorschrift. „Die Krux bei börsennotierten Gesellschaften ist aber, dass Aufsichtsräte teilweise zu nachgiebig gegenüber Vorständen waren.“
BASF als Vorreiter
Tatsächlich hatten die Porsche-Aktionäre Wiedeking einst eine Beteiligung von 0,9 Prozent am Gewinn eingeräumt. Und zu Schrempps Zeiten war von Ansprüchen, die bei schlechter Leistung auch wieder verfallen können, oder von Malusregelungen keine Rede.
Für die deutschen Unternehmen wurde es Zeit, zu reagieren. Als Vorreiter im Versuch, den neuen Regelungen umfassend Genüge zu tun, gilt unter den Dax-30-Unternehmen der Chemiekonzern BASF. Für die Beteiligten war das mit einigen Änderungen verbunden. So bekamen alle Vorstände zum 1. Januar 2010 neue Verträge. Damit konnten diese kaum rechnen, denn das Gesetz gilt nur für Verträge, die neu abgeschlossen oder verlängert werden. Bei der BASF ist das anders: „Damit vermeiden wir verschiedene Laufzeiten der Verträge und damit eine Zweiklassengesellschaft“, sagt der Aufsichtsratschef Eggert Voscherau.
Die Bezüge der Vorstände setzen sich nun aus drei Teilen zusammen: dem Festgehalt, der Tantieme und einer weiteren Komponente, die sich am Aktienkurs orientiert, dem „aktienkursbasierten Langfristelement“. Am Festgehalt ändert sich nichts, wohl aber an den variablen Bestandteilen der Vergütung. Die ihr zugrundeliegenden Ziele müssen nun auf Basis einer Zeitspanne von drei Jahren erreicht werden. Zudem wird die Tantieme für jedes Vorstandsmitglied begrenzt, für den Vorstandsvorsitzenden Jürgen Hambrecht auf 4 Millionen Euro. Im Rahmen des „aktienkursbasierten Langfristelements“ müssen die Vorstandsmitglieder für 10 Prozent ihrer Tantieme BASF-Aktien kaufen und diese mindestens vier Jahre lang halten – auch nach Ablauf ihres Mandats.
Die Aktionäre bleiben überraschend ruhig
Das soll sie in ihren Strategien enger an die mittel- und langfristige Entwicklung des Konzerns binden. Die Hoffnung leitet sich aus der Welt der Familienunternehmen ab. Denn wer am Unternehmen beteiligt ist, trifft seine Entscheidungen mit eigenem Kapital nachhaltiger. Ob diese Beteiligungselemente aber reichen, um die Interessen der obersten Führungskräfte besser zu steuern, dürfte derzeit die Fragestellung in mancher Master-These an betriebswirtschaftlichen Fakultäten sein. Forschungsmaterial gibt es für die Studenten genug. Denn immer mehr börsennotierte Gesellschaften haben ihre Vergütungssysteme an das neue Gesetz angepasst. Und in diesen Tagen stehen die Systeme auf diversen Hauptversammlungen zur Debatte. Doch auf den Aktionärstreffen stellt man fest, dass sich die Menschen über hohe Gehälter auf der Straße zwar gerne aufregen, die Aktionäre in den Hauptversammlungen aber überraschend ruhig bleiben. Längere Wortbeiträge zum Thema Gehälter und Vergütungssysteme sind kaum zu hören.
Im Fall der BASF wurde verhalten kritisiert, dass die Anreizhürden für die langfristigen Vergütungskomponenten noch immer viel zu niedrig seien. Am Ende waren bisher selten mehr als 10 Prozent Nein-Stimmen für die neuen Vergütungsmodelle zu verzeichnen. Die höhere Quote erreichten zum Beispiel Siemens, die Allianz oder Adidas. Siemens hatte sein Vergütungssystem schon 2009 verändert, dabei jedoch noch nicht auf alle Intentionen des neuen Gesetzes eingehen können. Aber bereits vom laufenden Geschäftsjahr an werden Vorstandsmitglieder belohnt, die einen Teil ihres Bonus in Siemens-Aktien investieren. Außerdem wurde beschlossen, dass Vorstandsmitglieder von 2012 an ein Vielfaches ihrer Grundvergütung in Siemens-Aktien halten sollen – der Vorstandsvorsitzende 300 Prozent, Vorstandsmitglieder 200 Prozent.
Dennoch monierte zum Beispiel die IG Metall Bayern, dass das System nicht dem Kernziel des neuen Gesetzes entspreche, dass sich die Vergütung an der langfristigen Geschäftsentwicklung orientieren soll. Der Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme sicherte eine Überprüfung der Regelung zu. Man wolle die auf die nachhaltige Unternehmensentwicklung ausgerichteten Vergütungskomponenten weiter stärken.
Höhere Grundgehälter, weniger Boni
Schriller wurde die Diskussion vor der Hauptversammlung der Commerzbank in dieser Woche in Frankfurt. Denn über das neue Vergütungsmodell war die Bundesregierung ungehalten. Folgerichtig hat sie den höheren Gehältern für die Vorstände der von den Steuerzahlern vor dem Untergang geretteten Bank die Zustimmung verweigert. Der Bankenrettungsfonds Soffin, der größte Aktionär der Commerzbank, enthielt sich der Stimme (Commerzbank: Bund sperrt sich gegen höhere Vorstandsbezüge). Ein Problem wurde das aber nicht: Von den übrigen Aktionären stimmten fast 97 Prozent für das neue System, das erst dann wirksam wird, wenn die Commerzbank wenigstens die Zinsen auf die Stille Einlage des Bundes aus ihrem Gewinn zahlen kann. Das bis dahin auf 500.000 Euro im Jahr gedeckelte Gehalt des Vorstands soll dann auf 750.000 Euro steigen, für den Vorstandsvorsitzenden auf 1,3 Millionen. Dazu können Boni in Millionenhöhe kommen, die im Einklang mit den Vorstellungen des neuen Gesetzes zum Großteil aber mit jahrelanger Verzögerung ausgezahlt werden, um den langfristigen Erfolg der belohnten Leistungen bewerten zu können. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, der zugleich Vorsitzender der Regierungskommission Corporate Governance ist, die sich um die Grundsätze ordentlicher Unternehmensführung kümmern soll, verteidigt die Regelung. Sie ist angeblich notwendig, damit der Vorstand motiviert weiterarbeiten könne.
Die Commerzbank-Vorstände um den Vorsitzenden Martin Blessing sind in der Tat vergleichsweise schlecht bezahlt (Commerzbank-Chef Blessing: Der arme Banker). Die Kollegen in anderen Unternehmen konnten ihre Bezüge für das Jahr 2009 um rund 7 Prozent steigern, auf durchschnittlich 4,13 Millionen Euro. Das geht aus Berechnungen der Beratungsgesellschaft Towers Watson hervor. Die wirtschaftliche Erholung und die in der Zeitspanne stark gestiegenen Aktienkurse haben geholfen. Grundsätzlich erwarten Vergütungsberater, dass die Grundgehälter weiter steigen werden, weil die Unternehmen ihren Managern einen Ausgleich für Einschnitte bei den Boni bieten wollten. Gut sei es, dass einige Unternehmen ihre Manager verpflichten, in größerem Umfang Aktien des eigenen Unternehmens tatsächlich auch zu kaufen, heißt es. Dazu gehören unter anderem Bayer, Daimler, Deutsche Bank und eben Siemens oder BASF.
Milliarden, nicht Millionen
In der Deutschen Bank, die ihre Aktionäre für die kommende Woche zur Hauptversammlung eingeladen hat, entfielen von der Vergütungssumme von 39 Millionen Euro schon für 2009 lediglich 17 Prozent auf feste Gehaltsbestandteile. Im Fall des Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann waren dies 1,15 Millionen Euro. 83 Prozent der Vergütung waren erfolgsabhängig, von denen mit 22,6 Millionen Euro der größere Teil nicht sofort ausgezahlt wurde. Die erfolgsabhängigen Bestandteile werden mit Formeln berechnet, denen der Vergleich zwischen der erwarteten und der tatsächlichen Eigenkapitalrendite sowie ein Vergleich der Aktienkursentwicklung und der Dividendenrendite mit wichtigen Konkurrenten zugrunde liegen. Im Einklang mit den gesetzlichen Erwartungen hat die Bank für die Jahre von 2010 an ein nochmals verändertes Berechnungsverfahren für die Bezüge erstellt. Generell will die Bank einen größeren Anteil der Bezüge in Aktien auszahlen, von denen die Vorstände fast die Hälfte bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Unternehmen halten müssen („Restricted Equity Awards“). Auch bei Volkswagen, dem Unternehmen, das das Ringen mit Wiedeking und Porsche schließlich gewann, gibt es jetzt einen Langzeitbonus. Aktienoptionen als Teil der Vergütung hat Volkswagen abgeschafft. VW-Personalvorstand Horst Neumann spricht von einem Paradigmenwechsel. Und damit hat Neumann recht. Deutschland ist, von der von Wiedeking zitierten „Republik“ weitgehend unbemerkt, auch im internationalen Vergleich weit vorangekommen.
Andere Länder pflegen trotz Krise noch immer einen entspannteren Umgang mit gut verdienenden Vorstandschefs, jedenfalls solange es keine Banker sind und sie ihr Geld verdient zu haben scheinen. Steve Jobs, der Vorstandschef des amerikanischen Computerherstellers Apple jedenfalls, musste sich in dieser Woche eher Mitleid als Spott anhören, als jemand ausrechnete, dass er durch einen Tausch von Aktienoptionen im Jahr 2003 auf einen Vermögenszuwachs von heute 10,3 Milliarden Dollar verzichtet hatte. Wohlgemerkt: Milliarden, nicht Millionen.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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