Wolfgang Reitzle braucht unbedingt noch einmal eine richtige Aufgabe, bevor er sich als Vorstandsvorsitzender des Linde-Konzerns im Jahr 2014 verabschiedet. Soeben hat er eine gewaltige Herausforderung angenommen, denn der Münchner Industriegasehersteller und Anlagenbauer hat die Übernahme des amerikanischen Herstellers von Beatmungsgeräten, Lincare, für 4,6 Milliarden Dollar bekanntgegeben. Damit wird Reitzle noch einmal auf die Probe gestellt. Denn der Sinn eines solchen teuren Zukaufs erschließt sich nicht ohne weiteres.
Für halbe Sachen ist der 63 Jahre alte Manager aber nie zu gewinnen gewesen. Und zimperlich ist der einstige BMW-Entwicklungsvorstand und Chef der Premiumsparte von Ford mit Aston Martin, Jaguar oder Land Rover, sowieso nicht. Dabei meidet Reitzle eigentlich Risiken und überdenkt Entscheidungen mindestens drei Mal, bevor er sie trifft: Wenn sie jedoch gefallen ist, geht er voll ins Obligo – und hatte bisher Erfolg damit. Darauf scheint er nun auch mit dem Lincare-Geschäft zu setzen.
Eine Übernahme hat Linde stark gemacht
Entsprechende Erfahrungen hat er mit der zunächst feindlichen Übernahme des britischen Konkurrenten BOC im Jahre 2006 hinlänglich gemacht. Diese große Akquisition zum Preis von rund 12 Milliarden Euro brachte er ohne große Integrationsprobleme geradezu harmonisch über die Bühne. Damit wuchs der deutsche Industriegasehersteller fast auf Augenhöhe mit dem Marktführer Air Liquide aus Frankreich zum ganz großen in der Welt. Diesem Großerwerb hat der Dax-Konzern seine heutige robuste und positive Entwicklung zu verdanken.
Selbst wenn der aktuelle Kauf des amerikanischen Sauerstoffgeräte-Herstellers Lincare nicht an die Dimension von BOC heranreicht, ist er mit einem stolzen Kaufpreis von umgerechnet 3,6 Milliarden Euro ein großer Brocken, der verdaut werden muss. So sieht es auch der Aktienmarkt. Höchstes Ansehen an der Börse hin, Glaubwürdigkeit und Vertrauen her: Am Montag ist Linde berechtigterweise viel Misstrauen entgegen gebracht worden; der Aktienkurs verlor am Vormittag bis zu 5 Prozent.
Die harsche Reaktion überrascht nicht. Zum einen will Linde die Akquisition durch eine Kapitalerhöhung im Volumen von rund 1,5 Milliarden Euro finanzieren. So etwas führt grundsätzlich zu einem kräftigen Kursabschlag. Wesentlich wichtiger aber ist, dass der Kaufpreis, vorsichtig ausgedrückt, hoch ist. Selbst wenn das übernommene Geschäft des börsennotierten Unternehmens mit einer operativen Umsatzrendite von rund 25 Prozent auf den ersten Blick beachtlich anmutet, wird das Zweieinhalbfache des Umsatzes von 1,85 Milliarden Dollar (im Jahr 2011) gezahlt.
Hier wird Reitzle noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Der beachtliche Preis für Lincare deutet darauf hin, dass sich Linde auf einen harten Bieterwettbewerb eingelassen hat. Schon in der vergangenen Woche wurde gezielt kolportiert, dass Linde neben Air Liquide und Finanzinvestoren in den Bieterprozess eingetreten sei. Da wurde noch über ein Kaufpreis von mindestens 3,4 Milliarden Dollar spekuliert. So aber waren die Märkte auf dem falschen Weg, als vier Tage später die Fakten auf den Tisch gelegt wurden.
Gase helfen in der Medizin
Seit Jahren setzt Reitzle auf das Wachstumsfeld medizinische Gase, die in Krankenhäusern wie auch zu Hause für Patienten etwa mit Atemproblemen wie Apnoe (Atmungsstörungen im Schlaf) oder auch Betäubung benötigt werden.
Dieser Bereich soll nun gezielt ausgebaut werden, weil Reitzle von der Zukunftsträchtigkeit und der Profitabilität überzeugt ist. Medizin soll ein weiteres Standbein neben den bisherigen Aktivitäten ausgebaut werden. Denn Linde produziert praktisch für alle Lebenslagen Produkte: von Prozessgasen für die Auto-, Chemie-, Stahl-, Elektro-, Pharma- und Mineralölindustrie bis zu Gasen für die Konservierung von Lebensmitteln. Sauerstoff, Helium, Wasserstoff, Stickstoff oder Kohlendioxyd werden überall als Hilfsmittel eingesetzt.
Nun kauft sich der Konzern, der sich im bisherigen Jahresverlauf positiv entwickelt und von einer drohenden Konjunkturdelle nichts gespürt hat, ein Unternehmen, das zwar in diesem Jahr mit 2 Milliarden Dollar Umsatz rechnet und damit ein Plus von 10 Prozent schaffen könnte; das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) wird aber unterproportional um 9 Prozent auf 496 Millionen Dollar steigen. Profitables Wachstum, wie Reitzle es als eherne Regel festgelegt hat, sieht aber anders aus.
Bei Lincare hat sich auch in den vergangenen Jahren das operative Ergebnis nicht gerade spektakulär entwickelt, schwankte sehr stark und erreichte die Rendite in guten Zeiten sogar 42 Prozent (2004) oder 30 Prozent (2008).
Das mit dem hohen Kaufpreis und mit den versprechen in Einklang zu bringen, wird Wolfgang Reitzle in den nächsten Wochen und Monaten noch viel Überzeugungsarbeit abverlangen. Bis 2014 hat er Zeit.
