http://www.faz.net/-gqe-11fg0

Milliarden-Schneeballsystem : Madoff hat auch europäische Banken betrogen

Bernard Madoff - auf sein Schneeballsystem fielen kleine Investoren wie auch angesehene Banken herein Bild: AP

Banco Santander, BNP Paribas, Unicredit, HSBC - sie alle gehören zu den Opfern des mutmaßlichen Milliardenbetrugs von Finanzier Bernard Madoff. Jetzt haben die amerikanischen Behörden die Auflösung seines Unternehmens angeordnet.

          Der Betrugsfall um den New Yorker Börsenmakler Bernard Madoff zieht internationale Kreise. Neben vermögenden amerikanischen Privatanlegern und Hedge-Fonds haben auch Großbanken in Spanien, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz eigenes Geld oder Geld ihrer Kunden in das 50 Milliarden Dollar große Schneeballsystem Madoffs investiert.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Madoffs Unternehmen wird jetzt aufgelöst, um möglichst viel Geld für seine Opfer herauszuholen. Ein New Yorker Richter gab am Montagabend (Ortszeit) einem entsprechenden Antrag des Anlegerschutzfonds SIPC statt. Es war nach wie vor unklar, wie viel Geld noch übrig ist. Madoff selbst gesagt, er habe
          nur noch 200 bis 300 Millionen Dollar. Die SIPC (Securities Investor Protection Corporation) garantiert
          bis zu 500 000 Dollar pro Kunde.

          Der größten europäischen Bank, der britisch-asiatischen HSBC, drohen nach eigenen Angaben Verluste von 1 Milliarde Euro. Die französische Großbank BNP Paribas, nach Marktkapitalisierung in Europa die viertgrößte Bank, befürchtet einen Verlust von 350 Millionen Euro. Die italienische Unicredit, Nummer vier in Europa, hat bei Madoff 75 Millionen Euro eigenes Geld im Feuer. Vor allem den Aktien von BNP Paribas und Unicredit machten die neuen Verlustszenarien zu schaffen. Die Kurse der beiden brachen am Montag um je 7 Prozent ein.

          Indirektes Leiden

          Dagegen nahmen die Anleger das Ausfallrisiko von 2,3 Milliarden Euro, das die spanische Banco Santander für Kunden bei Madoff angehäuft hat, gelassen auf. Die zweitgrößte europäische Bank hatte diese Summe schon am Wochenende zugegeben. Die Kursabschläge hielten sich am Montag mit in der Spitze 5 Prozent in Grenzen. Konkurrent BBVA, der mit 330 Millionen Euro Belastungen rechnet, verzeichnete sogar Kursgewinne. Neben HSBC sind in Großbritannien auch die Royal Bank of Scotland mit bis zu 450 Millionen Euro und der Hedge-Fonds Man Group mit 267 Millionen Euro betroffen. Die Kursreaktionen hielten sich im Rahmen.

          Von deutschen Instituten sind bislang keine Schäden bekannt. Deutsche Bank und Commerzbank lehnten es am Montag auch auf Anfrage ab, sich zu Madoff zu äußern. Die nicht börsennotierten, in der Finanzkrise besonders betroffenen Landesbanken Bayern LB und West LB sowie die gut dastehenden Nord LB, Deka und Helaba teilten unisono mit, sie seien nicht betroffen. Die LBBW prüft noch die genaue Höhe des Engagements, das in Finanzkreisen als sehr klein eingeschätzt wird. Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken leidet indirekt, da die mit 450 Millionen Euro bisher größte bekannte drohende Schadenssumme in Frankreich bei ihrer Beteiligung Natixis liegt.

          Ungewöhnlich beständige Renditen

          Der prominente Wertpapierhändler und ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende der elektronischen Börse Nasdaq, Bernard Madoff, war am Donnerstag wegen Betrugsverdachts von der amerikanischen Bundespolizei FBI festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft und die Börsenaufsicht SEC werfen Madoff vor, Kunden seiner Vermögensverwaltung um 50 Milliarden Dollar betrogen zu haben. Die SEC sprach von einem Betrug „epischer Ausmaße. Investoren und Fachleute an der Wall Street fragen sich allerdings, warum der Börsenaufsicht dieser Betrug nicht vorher aufgefallen ist.

          „Das ist ein Debakel für die SEC“, sagte Joel Seligman, ein Historiker an der Universität von Rochester. „Die Behörde muss eine Menge Fragen beantworten. Die Behörde hatte nach Zeitungsberichten bereits vor 16 Jahren in Zusammenhang mit anderen Ermittlungen die Möglichkeit, Ungereimtheiten bei der Vermögensverwaltung von Madoff festzustellen. Danach hat es mehrfach Beschwerden gegeben, die die ungewöhnlich beständigen Renditen von Madoff in Frage stellten.

          Madoff mittlerweile auf freiem Fuß

          Madoffs Vermögensverwaltung scheint in eine regulatorische Grauzone gefallen zu sein. Obwohl er Geld von Anlegern einsammelte und Investionsentscheidungen traf, ist er erst seit 2006 als Investmentberater bei der SEC registriert. Normalerweise werden diese Firmen im Jahr nach der Anmeldung geprüft. Das ist aber offenbar nicht geschehen. Als weiteres nicht beachtetes Warnsignal gilt der Umstand, dass die Bücher von Madoff von einer völlig unbekannten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft abgesegnet wurden.

          Nach Angaben der Behörden hat Madoff ein Schneeballsystem betrieben, bei dem er Verluste vertuscht und die Auszahlungen an Kunden mit dem Geld neuer Investoren finanziert hat. Der 70 Jahre alte Fondsmanager hatte an der Wall Street einen bekannten Namen. Seine Firma Bernard Madoff Investment Securities LLC gehörte zu den größten Maklern an der elektronischen Börse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Händlern. Parallel dazu betrieb Madoff eine Vermögensverwaltung für wohlhabende Privatkunden, Hedge-Fonds und andere institutionelle Anleger, wo der Betrug stattgefunden haben soll. Madoff geriet laut Klageschrift unter Druck, weil ein Kunde 7 Milliarden Dollar abziehen wollten und er Schwierigkeiten hatte, diese Summe aufzutreiben. Madoff ist mittlerweile gegen eine Kaution von 10 Millionen Dollar auf freiem Fuß.

          Weitere Themen

          Audi-Chef Stadler vorläufig festgenommen Video-Seite öffnen

          Abgasskandal : Audi-Chef Stadler vorläufig festgenommen

          Die Staatsanwaltschaft München bestätigte, dass ein Haftbefehl gegen Stadler wegen Verdunkelungsgefahr vollzogen worden sei. Stadler, der Audi seit 2007 lenkt, steht seit Bekanntwerden des Skandals vor mehr als zweieinhalb Jahren massiv unter Druck.

          Topmeldungen

          Hart an der Grenze : Trumps knallharte Ministerin

          Kirstjen Nielsen ist über Nacht zum Gesicht für Trumps gnadenlose Grenzpolitik geworden. Zwar verteidigt die Heimatschutzministerin dessen Politik eisern, doch reicht das dem Präsidenten?
          Großbritanniens Premierministerin Theresa May hat im Parlament gerade noch die Kurve gekratzt.

          Brexit-Debatte : May entgeht Schlappe im Parlament

          Theresa May kann aufatmen – die große Brexit-Krise bleibt Großbritanniens Premierministerin im Parlament vorerst erspart. Ihr Sieg steht jedoch auf wackeligen Beinen.

          Treffen mit Sebastian Kurz : Söders neue Denkfigur gegen Merkel

          Das bayerisch-österreichische Treffen in Linz war seit längerem geplant. Angesichts des Asylstreits in der Union wirkt es aber wie ein besonders perfider Einfall der CSU – um Sebastian Kurz gegen die Kanzlerin in Stellung zu bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.