http://www.faz.net/-gqe-xp5q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 24.11.2010, 13:20 Uhr

Mikrokreditkrise in Indien Kleine Kredite, große Schulden


Seite     1 | 2   |  Artikel auf einer Seite

Da ist die Schneiderin Usha, die mit ihrem Mann und ihrem Säugling auf gerade mal 15 Quadratmetern haust. Ein Bett, ein Sofa, ein Zweiplattengasherd, in der Ecke ein einzelner Wasserhahn, der gleichzeitig zum Duschen, Wäschewaschen und Geschirrspülen dienen muss. Eine Toilette gibt es nicht, nur eine Latrine draußen auf dem Hof. Usha hat 20.000 Rupien (rund 324 Euro) bei der Organisation Ujjivan geliehen, teilweise gleichzeitig hatte sie noch Kredite bei den Unternehmen SKS Microfinance und Bandhan, berichtet sie. Sie habe den einen Kredit genutzt, um die Schulden beim anderen Anbieter abzustottern. „Das war eine ganz schwierige Phase“, sagt Usha. Nur mit viel persönlichem Verzicht sei sie aus der Schuldenspirale wieder herausgekommen.

Da ist Gita, die Verkäuferin, die sich geweigert hat, einen Zweitkredit zu ihren noch ausstehenden 10.000 Rupien anzunehmen. „Es waren Vertreter eines Anbieters bei mir, die mich gedrängt und auf mich eingeredet haben“, berichtet sie. „Aber ich wollte nicht noch mehr Schulden.“ Doch die Kreditagenten hätten sich lange nicht abwimmeln lassen. Und da ist Rinki, die Großschneiderin, Arbeitgeberin für mehrere Angestellte. Rinki hat Erfahrung mit gleich vier großen Mikrokreditgebern. Sie hat sie alle durchprobiert, weiß, wo sie pünktlich zurückzahlen muss und wo man ihr länger Zeit lässt, weiß, wo der Kredit leicht zu kriegen ist und wo weniger leicht. Mit Überschuldung glaubt sie kein Problem zu haben. „Die Geschäfte laufen gut“, sagt sie.

Kreditbüros und Versicherungen sollen helfen

Jagdish Nagpal mag die Geschichten über allzu lax verteilte Kredite überhaupt nicht. Er leitet eine Filiale des Mikrokreditanbieters Basix in Delhi. „Wir haben zahlreiche Maßnahmen getroffen, damit uns nicht das Gleiche passiert wie in Andhra Pradesh“, sagt er. Basix versichert deshalb seinen Kunden beispielsweise gegen den Tod des Ehepartners. Außerdem gibt es einen einfachen Krankenversicherungsschutz, der im Falle eines Krankenhausaufenthalts ein Tagegeld zahlt und hinterher Zuschüsse zu den Medikamentenausgaben.

Der Gründer und Aufsichtsratschef von Basix, Vijay Mahajan, hat sich außerdem als Vorsitzender der Organisation MFIN - das ist ein Zusammenschluss von 44 indischen Mikrokreditinstituten - für eine Selbstverpflichtung aller Mitglieder eingesetzt. Ihre Unterzeichner haben sich darauf verständigt, dass keiner ihrer Kunden bei mehr als drei Instituten gleichzeitig Geld leihen darf und dass die Gesamtkreditsumme 50.000 Rupien (rund 810 Euro) nicht übersteigen darf. Außerdem verpflichten sie sich zum Datenaustausch über ihre Kunden, um Mehrfachkredite überhaupt identifizieren zu können. „Mittel- bis langfristig träumen wir von einem Kreditbüro“, sagt Nagpal. Wie eine Art Schufa für Mikrokreditanbieter stellt er sich das vor.

Fachleute bezweifeln allerdings, dass solche Bestrebungen unbedingt zum Erfolg führen. „Solche Schufa-artigen Kreditbüros sind extrem netzwerkabhängig“, sagt Thilo Klein, der in Cambridge über Mikrokredite und die Vermeidung von Kreditausfällen forscht. „Wenn nur einige Anbieter in einem solchen Netzwerk nicht mitmachen, ist der ganze Effekt dahin“, erklärt er. Derzeit evaluiert Klein mit Hilfe des Mikrofinanzierers Aba die Auswirkungen eines neu geschaffenen Kreditbüros in Ägypten. „Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass es nicht nur wichtig ist, die Kunden formal und zentral zu erfassen, sondern dass man sie auch speziell über die Folgen des Kreditbüros aufklären muss, um Anreizeffekte mitzunehmen“, sagt er.

Im Slum Mangolpuri im indischen Delhi sind dagegen schon einige Bewohner vorsichtig geworden. „Wir schicken jeden einzelnen Kreditnehmer in ein Training“, sagt Jagdish Nagpal. „Wir bringen ihnen bei, was Überschuldung für sie bedeutet.“ Die Kioskbesitzerin Kiranwati wäre trotz allem mit ihren parallel laufenden Krediten um ein Haar in ernste Schwierigkeiten geraten: Ganz plötzlich verstarb im vergangenen Jahr ihr Ehemann. Das Geld, das er bis dahin als Tagelöhner in einer Schneiderei verdient hatte, fehlte ihr zum Tilgen der Kredite. Doch die Lebensversicherung, die an ihren Basix-Kredit gekoppelt war, half ihr, die Raten für beide Anbieter zurückzuzahlen. „Ich hatte Glück im Unglück“, sagt Kiranwati. Jagdish Nagpal ist weniger begeistert. „Dass sie unsere Versicherung benutzt, um den Kredit unseres Konkurrenten zu begleichen - wirklich fair ist das nicht.“ Andererseits: „Ohne die Versicherung hätten auch wir einen Kreditausfall mehr. Oder eine selbstmordgefährdete Kundin.“

Vorherige Seite 1 | 2   |  Artikel auf einer Seite

Peinlich für Politik und Juristen

Von Hendrik Wieduwilt

Es geht um Steuerraub von bisher nie dagewesenen Proportionen. Durch umstrittene Aktiendeals dürften dem Staat Einnahmen in Milliardenhöhe durch die Lappen gegangen sein. Doch die Politiker weisen jegliche Schuld von sich. Mehr 38 54

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Zur Homepage