http://www.faz.net/-gqe-7utgs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 07.10.2014, 18:05 Uhr

Keine Anwesenheitspflicht mehr Microsofts Mitarbeiter können arbeiten, wo sie wollen

Arbeiten am Küchentisch, im Café oder aus dem Zug: Das amerikanische Softwareunternehmen Microsoft hat nun entschieden, dass in Deutschland niemand mehr in die Firma kommen muss.

© Müller, Verena Arbeiten in jeder Lebens- und Körperlage

Der feste Arbeitsplatz mit starrer Anwesenheitspflicht von 9 bis 17 Uhr wird in vielen deutschen Büros zum Auslaufmodell. Nach Lockerungen der Arbeitszeiten kommen Arbeitgeber den Beschäftigten inzwischen auch bezüglich des Arbeitsortes entgegen und lassen sie zumindest teilweise von Zuhause aus arbeiten. Der Softwarekonzern Microsoft hat die Büro-Anwesenheitspflicht für seine Mitarbeiter in Deutschland nun sogar vollständig abgeschafft. „Arbeitet wo und wann ihr wollt“, lautet die Devise. Erst vor kurzem hatte Virgin-Chef Richard Branson die Devise ausgegeben: Urlaub, so viel und wann man will - sofern die Mitarbeiter ihr Arbeitspensum schaffen.

Warum schafft Microsoft die Anwesenheitspflicht im Büro ab?

„Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus, sondern liefert häufig sogar ein falsches Bild“, sagt Personalchefin Elke Frank. Viele Mitarbeiter hätten den Wunsch, von zu Hause, im Café oder unterwegs zu arbeiten. Entscheidend für Microsoft ist nur das Ergebnis. Gerade das konzentrierte Arbeiten an einem Projekt ist nach Ansicht der Personalchefin in offenen Büros nicht immer einfach. „Wer in Ruhe arbeiten will, arbeitet von zu Hause.“ Vor wenigen Wochen wurde der „Vertrauensarbeitsort“ in einer Betriebsvereinbarung für die rund 2700 Mitarbeiter in Deutschland verbindlich geregelt. Feste Arbeitszeiten hatte Microsoft schon im Jahr 1998 abgeschafft.

Grundsteinlegung für Microsoft Deutschland © dpa Vergrößern Heute war die offizielle Grundsteinlegung für das neue Microsoft-Gebäude in München-Schwabing. Es soll bis zum Sommer 2016 fertig sein.

Müssen die Mitarbeiter dann nie mehr ins Büro kommen?

Doch, sie können jederzeit kommen - haben dann aber keinen eigenen Schreibtisch. In der neuen Firmenzentrale, für die an diesem Dienstag in München offiziell der Grundstein gelegt wurde, gibt es zwar Büro-Arbeitsplätze, aber nicht für jeden. Die Erfahrung hat nach Angaben des Unternehmens gezeigt, dass ohnehin nie alle Mitarbeiter gleichzeitig kommen - so dass der Platz normalerweise reicht. Wenn es eng wird, gibt es notfalls aber auch Sitzecken mit Lounge-Möbeln oder ein Café, in dem die Mitarbeiter ihren Laptop aufklappen können. Zusätzlich gibt es in der Zentrale auch Meeting-Räume für Konferenzen, denn: Auf den persönlichen Kontakt soll nicht ganz verzichtet werden.

Gibt es ohne Bürozeiten noch Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit?

Die Gefahr ist groß, dass Arbeit und Freizeit vollständig ineinander übergehen. Gewerkschaften warnen deshalb immer wieder davor, dass die Flexibilität nicht zu einer Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit führen dürfe. Microsoft appelliert vor allem an die Beschäftigten selbst, die Arbeitszeit in Grenzen zu halten. Mitarbeiter müssten Eigenverantwortung für ihre Zeiteinteilung übernehmen und Überlastung frühzeitig signalisieren. „Wer keine klaren Grenzen setzt, darf sich nicht wundern, wenn die Kollegen auf Freizeit oder Krankheit keine Rücksicht nehmen“, heißt es in einer Richtlinie des Unternehmens.

Werden auch andere Firmen die Anwesenheitspflicht aufgeben?

Der Wunsch nach flexiblen Regeln für die Arbeit ist bei den meisten Beschäftigten groß. In einer Umfrage des Personalunternehmens Orizon unter mehr als 2000 Arbeitnehmern landete der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten nach der Jobsicherheit und einer leistungsgerechten Bezahlung auf Platz drei. „Arbeitnehmer erwarten, dass sich Arbeitszeiten an das Privatleben anpassen und nicht umgekehrt“, sagt Geschäftsführer Dieter Traub.

Mehr zum Thema

Im Rennen um gut ausgebildete Fachkräfte sind flexible Modelle ein entscheidendes Argument: „Die neue Generation hat ganz andere Ansprüche und legt mehr Wert auf die Work-Life-Balance“, sagt Microsoft-Personalchefin Frank. Bei ihr fragten bereits zahlreiche Unternehmen nach den Erfahrungen mit flexiblen Arbeitsmodellen an.

Quelle: ilo./dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Arbeitskultur IG Metall für mehr selbstbestimmtes Arbeiten

Viele Beschäftigte wollen zeitweise kürzer treten, sagt IG Metall-Chef Jörg Hofmann. Hier seien die Unternehmen in der Pflicht. Eine andere Entwicklung bereitet ihm zunehmend Sorgen. Mehr

22.08.2016, 11:42 Uhr | Wirtschaft
Gen-Musik Der Rhythmus der Krebsgene

David Brock vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg arbeitet an einer Doktorarbeit über Krebsrisikofaktoren. Aus dem Muster von epigenetischen Markierungen macht Brocks Musik. Mehr

23.08.2016, 14:12 Uhr | Wissen
Hospiz Noch einmal ein Pferd streicheln

Im Hospiz St. Peter geht es um ein gutes und würdevolles Leben bis zuletzt. Die Wünsche der Todkranken stehen im Mittelpunkt des Oldenburger Hauses. Mehr Von Sarah Griesoph, Albertus- Magnus-Gymnasium, Friesoythe

19.08.2016, 12:51 Uhr | Gesellschaft
Ein Jahr Flüchtlingskrise Im Land der Helfer

Sie sind die Dienstleister der Kanzlerin: Ehrenamtliche, die seit einem Jahr Fulltime arbeiten. Doch was wird, wenn bald nichts mehr zu tun ist? Mehr Von Ralph Bollmann und Jenni Thier

24.08.2016, 12:56 Uhr | Wirtschaft
Insurtechs Versicherern droht ihr Airbnb-Erlebnis

Viele Start-ups machen den Etablierten das Geschäft streitig. Der große Wurf bleibt aber noch aus – weil ein Bereich ausgeklammert wird. Mehr Von Philipp Krohn

23.08.2016, 15:47 Uhr | Wirtschaft

Verbunden auf Gedeih und Verderb

Von Martin Gropp

Der Konflikt bei VW zeigt: Die Verbindung zwischen Zulieferern und Autoherstellern ist fragil – und kann sich im Streitfall zur Abhängigkeit entwickeln. Doch beide stehen gemeinsam in der Verantwortung. Mehr 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Welches Land wirtschaftet am besten?

Deutschland erzielt im ersten Halbjahr einen stattlichen Haushaltsüberschuss. Das können auch andere Länder. Mehr 4