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Satya Nadella : Der Humanist von Microsoft

Microsofts Vorstandsvorsitzender Satya Nadella führt den Konzern auf völlig neue Art und Weise. Bild: AFP

Satya Nadella führt den Softwarekonzern Microsoft ganz anders als seine Vorgänger. Jetzt beschreibt er seine Philosophie in einem Buch – und gibt dabei auch Privates preis.

          Als Microsoft vor knapp vier Jahren nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden suchte, wollte sich Satya Nadella keine allzu großen Hoffnungen machen. Er galt als einer der Kandidaten, war aber nicht zu sehr auf den möglichen Karrieresprung fixiert, denn er hatte genug andere Sachen im Kopf. Bei Microsoft hatte er das wichtige Geschäft mit „Cloud Computing“ zu verantworten, privat hatte er alle Hände voll zu tun, um sich mit seiner Frau Anu um seinen schwerbehinderten Sohn und seine beiden Töchter zu kümmern. Einmal wurde ihm aus dem Verwaltungsrat signalisiert, er solle doch deutlich machen, dass er wirklich „hungrig“ auf den Chefposten sei. Deshalb kam es etwas überraschend für ihn, als ihm im Januar 2014 mitgeteilt wurde, er werde der neue Vorstandschef sein – erst der dritte in der Geschichte des 1975 gegründeten Unternehmens nach Bill Gates und Steve Ballmer. Es dauerte erst einmal einige Minuten, bis er die Nachricht verdaut hatte.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          So beschreibt Nadella in seinem am Dienstag in Amerika herausgekommenen Buch „Hit Refresh“, wie er seinen Aufstieg an die Spitze von Microsoft erlebt hat. „Hit Refresh“ bedeutet, eine Internetseite neu zu laden, und mit dem Buch beschreibt Nadella seine Versuche, Microsoft neu zu erfinden. Es geht aber nicht nur um Microsoft. Nadella befasst sich mit grundsätzlichen Fragen der Technologieindustrie, etwa dem Potential von Künstlicher Intelligenz und den damit verbundenen Sorgen. Und er erzählt viel aus seinem Leben, etwa von seiner Kindheit in Indien.

          Es ist nicht alltäglich, dass ein Manager nach vergleichsweise kurzer Zeit an der Spitze eines Konzerns eine Bestandsaufnahme in Buchform abgibt. Aber der Zeitpunkt ist gut gewählt. Nadella bekommt bislang viel Beifall für seine Arbeit bei Microsoft. Der Aktienkurs des Unternehmens ist seit seinem Antritt erheblich gestiegen und bewegt sich derzeit in der Nähe seines Rekordhochs. Microsoft gilt wieder als Unternehmen mit Relevanz, es hat es in den vergangenen Jahren geschafft, sich in Zukunftsmärkten wie Cloud Computing gut aufzustellen. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen ihm nachgesagt wurde, einen Trend nach dem anderen verschlafen zu haben und sich nur an alte Produkte wie sein Computerbetriebssystem Windows zu klammern.

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          In dem Buch, das in Deutschland im November erscheint, ist zu lesen, wie Nadella versucht, die Unternehmenskultur von Microsoft zu ändern. Zum Beispiel, indem er offener für Allianzen mit Wettbewerbern ist. Kurz nach seinem Antritt beschloss Nadella zum Beispiel, die Bürosoftware Office stärker für Plattformen jenseits von Windows verfügbar zu machen, also auch für Produkte von Apple oder Google. Nadella erzählt, wie schockiert das Publikum war, als er auf einer Konferenz des Softwareunternehmens Salesforce auftrat und dort Microsoft-Software auf einem iPhone von Apple vorführte. Nicht nur war er auf einer Veranstaltung eines Wettbewerbers, er nahm auch noch das Produkt eines anderen rivalisierenden Unternehmens in die Hand.

          Nadella ist ein ganz anderer Typ als seine Vorgänger. Er wirkt ruhig und besonnen, ganz im Gegensatz zu Steve Ballmer, der oft als Polterer aufgefallen ist, oder Bill Gates, der früher für seine ruppige Art bekannt war, bis ihn die Öffentlichkeit durch seine wohltätigen Aktivitäten von einer sanfteren Seite kennenlernte. Nadella beschreibt sich in seinem Buch als „ebenso sehr Humanist wie Ingenieur und Manager“. Das Wort „Empathie“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und taucht mehr als fünfzig Mal auf. Nadella sagt, sein Leben habe ihm beigebracht, Empathie zu empfinden, das übertrage er auf seinen Beruf. Er gibt zum Beispiel zu, wie viel ihm am Anfang das Wissen um die Dauerhaftigkeit der Behinderung seines Sohnes ausgemacht habe. Aber diese Behinderung habe ihm letztlich auch dabei geholfen, einen „tieferen Sinn für Empathie und Mitgefühl“ für alles um sich herum zu entwickeln.

          Auch jemand wie Nadella ist freilich nicht davor gefeit, in Fettnäpfchen zu treten. Nicht allzu lange nach seinem Antritt als Microsoft-Chef sorgte er für einen Sturm der Entrüstung, als er auf einer Konferenz sagte, Frauen sollten keine Gehaltserhöhungen einfordern, sondern darauf vertrauen, dass ihre harte Arbeit von selbst belohnt würde. Nadella gab hinterher zu, was er gesagt habe, sei „völlig falsch“ gewesen, und in dem Buch nennt er die Kritik an ihm „verdient“ und spricht von einer „Lektion, die ich nicht vergessen werde“. Auch diesen peinlichen Moment sieht er aber heute als Lernerlebnis, das ihm geholfen habe, seinen Sinn für Empathie zu schärfen.

          Obwohl Nadella selbst ein Einwanderer ist, geht er in dem Buch nur ganz am Rande auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dessen strengere Einwanderungspolitik ein. Trump wird dreimal in dem Buch erwähnt, aber Nadella hält sich mit offener Kritik an ihm zurück. Am deutlichsten wird Nadella noch in einer Anspielung auf den früheren Trump-Berater Steve Bannon, der einmal suggerierte, es gebe zu viele asiatische Vorstandsvorsitzende in der Technologieindustrie. Solche Äußerungen ließen ihn daran denken, was auf die nächste Generation von Indern zukomme, die als Minderheiten in den Vereinigten Staaten aufwachsen. „Es macht mich wütend zu denken, dass sie rassistische Beschimpfungen hören und sich mit Ignoranz herumschlagen müssen.“

          Quelle: F.A.Z.

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