25.08.2006 · Nicht nur die bislang unbekannten Cash & Carry-Großmärkte machte die Metro den russischen Kunden schmackhaft: Der Real-Markt in Moskau verkauft jede Woche 25.000 Berliner. Die will der umsatzstärkste Händler künftig auch in Sibirien anbieten.
Von Georg GiersbergAndrea von Knoop gibt nicht auf. Mit geradezu missionarischem Eifer versucht sie ihre Botschaft zu verbreiten, die eigentlich ganz schlicht heißt: „Rußland ist anders als in deutschen Medien dargestellt.“ Knoop ist Delegierte der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation und Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation. Und als solche vertritt sie 4.500 deutsche Firmen, die in Rußland tätig sind.
Knoop kennt das Bild, das Deutsche von Rußland haben, weiß um die Bürokratie, „gegen die die deutsche harmlos“ sei, kennt die Korruption im Land und weiß, daß Demokratie und Pressefreiheit westlichen Standards nicht Stand hielten. „Aber das ist nur eine Seite“, betont sie, „es gibt auch das andere Rußland: das Rußland, das vor zehn Jahren am Rand einer Hungersnot stand und seither eine fast unvorstellbare wirtschaftliche Wachstumsphase erlebt.“
Handel: Wachstum von 40 Prozent
Uwe Kumm von Roland Berger Strategy Consultants pflichtet Knoop bei: Seit 1998, dem Ende der Finanzkrise, haben sich das Bruttoinlandsprodukt und der Außenhandel verdreifacht, die Auslandsinvestitionen sind heute siebenmal so hoch wie damals. „Ganz wichtig ist, daß viel ehemaliges russisches Fluchtkapital heute wieder zurückfließt“, sagt Kumm. Das schaffe Arbeitsplätze und kurbele über den Konsum die inländische Wirtschaft an. Der Handelsumsatz ist allein im vergangenen Jahr um 94 Milliarden auf 231 Milliarden Dollar gestiegen. Ein Wachstum von 40 Prozent.
„Unsere größte Angst ist es, mit dem Marktwachstum nicht mithalten zu können“, hört man den Metrochef Hans-Joachim Körber für deutsche Verhältnisse ganz ungewohnte Worte sagen. Metro - seit 2001 in Rußland aktiv - habe deshalb das Wachstumstempo abermals erhöht. Im vergangenen Jahr setzte sich das börsennotierte deutsche Handelsunternehmen (Gesamtumsatz 56 Milliarden Euro) mit einem Jahresumsatz von 1,8 Milliarden Euro an die Spitze der russischen Händler, vor den drei russischen Mitbewerbern Pyaterochka, Magnit und Perekriostok und dem französischen Unternehmen Auchan, das in Rußland im vergangenen Jahr knapp 700 Millionen Euro umgesetzt hat.
Metro setzt auf Mittelschicht
Für das laufende Jahr geht Körber von einem Metroumsatz in Rußland von 2,4 Milliarden Euro aus. Metro eröffnet in diesem Jahr acht neue C&C-Märkte in Rußland, die Selbstbedienungswarenhaustochtergesellschaft Real wird die Zahl ihrer Märkte um fünf auf acht erhöhen. Und auch die zur Metro gehörende Media-Saturn-Gruppe wird noch in diesem Jahr ihren ersten Markt in Rußland eröffnen. Die Metro setzt voll auf die junge, aufstrebende Mittelschicht in Rußland.
„Wir machen keine Abstriche von unseren Qualitäts- und Servicestandards“, sagt Thorsten Vogt, Managing Director Real in Rußland, beim Gang vorbei an für deutsche Verhältnisse sehr langen Kuchen- und Frischfischtheken. Russen haben zwar ein europäisches Verbraucherverhalten, aber doch mit einigen Besonderheiten. „Auch wir mußten erst lernen, daß die Russen statt Blumen dem Gastgeber eine Torte mitbringen. Gerade zum Wochenende hin füllen wir die Tortentheke dreimal täglich nach.“
Russen lieben Berliner
Aber die Russen sind auch neuen Produkten gegenüber aufgeschlossen. Der Real-Markt in Moskau verkauft jede Woche 25.000 Berliner, ein Gebäck, das dort bisher völlig unbekannt war. Das aber sind die kleinsten Probleme für die Metro in Rußland. „Die wirkliche Herausforderung im größten Land der Erde sind die Extremtemperaturen im Winter und die stark ausgeprägte Bürokratie“, gibt Erwin Trinkl, Administration Director Metro Cash & Carry Rußland zu. Die Zahl der Genehmigungen vor dem Bau eines Marktes übersteige jene in Deutschland um ein Vielfaches. Und der große Anteil von Erdbeerwein im Moskauer Real-Markt sei denn auch kein Zugeständnis an die russische Nachfrage nach Süßem. „Damit füllen wir Lücken auf, die neue russische Vorschriften über die Weinetikettierung reißen“, sagt Real-Manager Vogt.
Um die Zahl der Alkoholtoten zu reduzieren, habe Rußland neue Vorschriften für den Alkoholverkauf erlassen, komme aber mit der Herstellung der Zollmarken nicht nach. Während die aber in wenigen Wochen geliefert werden, ist das Wetterproblem von Dauer. Den 2.300 Kilometer vom Zentrallager Moskau entfernten C&C-Markt in Omsk pünktlich zu beliefern sei schwer, wenn der Lastwagen je nach Witterung zwischen vier und sieben Tagen unterwegs ist. „Bei tiefen Minustemperaturen muß zudem beim Be- und Entladen Warmluft in den Lastwagen geblasen werden, damit frisches Obst und Gemüse keinen Gefrierbrand erleidet - und bei minus 27 Grad friert selbst normaler Dieselkraftstoff ein“, weist Trinkl auf einige weitere Schwierigkeiten hin, die die Metro aber nicht schrecken. „Wir sind der einzige Großhändler, der landesweit das ganze Jahr hindurch das gesamte Angebot vorrätig hält“, behauptet Trinkl. Und diese Zusage der ständigen Verfügbarkeit aller Produkte soll auch in Sibirien garantiert werden, wohin die Metro im kommenden Jahr expandieren will. Geeignete Standorte werden gerade gesucht.
Mit Handel Demokratie festigen
Die Belieferung dürfte künftig auch dadurch einfacher werden, daß der Anteil russischer Produkte steigt. „Als wir hier anfingen, mußten wir selbst Käse zum größten Teil importieren, weil es nur fünf Sorten in Rußland gab“, sagt Vogt. „Russischer Lieferant“ ist heute auch das deutsche Familienunternehmen Hochland, das seit einigen Jahren bei Moskau Schmelzkäse herstellt. Hochland gehört wie die Metro zu den größeren deutschen Investoren.
Metro-Chef Körber ist aber überzeugt, daß gerade dieses Engagement westlicher Unternehmen Rußland auch politisch voranbringt. „Wir sind ein transparentes Unternehmen, das mit 150 Millionen Euro Steuern nicht unwesentlich zur Finanzierung des sozialen Transformationsprozesses beiträgt und das hilft, Graumärkte auszutrocknen. Auf lange Sicht hat Rußland nur Chancen als demokratisches und marktwirtschaftliches Land“, ist auch Walter Jürgen Schmidt überzeugt, der deutsche Botschafter in Moskau. Transparentes und faires wirtschaftliches Handeln könne dazu viel beitragen, Rußland demokratisch zu festigen.
Tolle Sache!"
Jakub Bogdan (Modus2)
- 25.08.2006, 13:47 Uhr
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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