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Menschen und Wirtschaft Der mißverstandene Banker

23.12.2005 ·  Rolf-E. Breuer gibt wieder einmal Rätsel auf. Was hat ihn getrieben, mit einem Journalisten über die Ackermann-Nachfolge an der Spitze der Deutschen Bank zu philosophieren? Geschwätzigkeit? Oder Naivität? In der Deutschen Bank ist man außer sich.

Von Folker Dries
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Rolf-E. Breuer gibt wieder einmal Rätsel auf. Was hat ihn getrieben, mit einem englischen Journalisten über die Nachfolge von Josef Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank zu philosophieren? Geschwätzigkeit? Oder Naivität? In der Deutschen Bank ist man außer sich vor Wut.

Der Aufsichtsratsvorsitzende habe gerade das Gegenteil von dem getan, was ihm jetzt unterstellt werde, sagt ein Sprecher Breuers. Er habe Ackermann vor der Entscheidung des Bundesgerichtshofes im Mannesmann-Prozeß den Rücken stärken wollen. Erschienen sei jedoch eine "bösartige Verdrehung von Sinn und Ordnung der Gedanken von Herrn Breuer".

Nachdenken ja, aber nicht vor Journalisten

Also nur eine weitere Episode in der unglücklichen, ja unprofessionellen Kommunikationspolitik der Deutschen Bank? Oder vielleicht doch die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf einen Wachwechsel? Wie auch immer dem sein mag: Aus der Sicht Ackermanns hätte sich Breuer einen schlechteren Zeitpunkt für ein Interview nicht aussuchen können. Wenn Breuers Verhältnis zu Ackermann schon bisher ein angespanntes gewesen ist, wie kolportiert wird, dann dürfte es sich nun dem Gefrierpunkt nähern.

Keine Frage, es gehört zu Breuers obersten Pflichten, stets über einen Plan B nachzudenken. Aber eben nicht in Gegenwart von Journalisten. Kommunikationspannen sind Breuer freilich nicht fremd. Es ist knapp drei Jahre her, als er vor laufender Kamera indirekt die Überlebensfähigkeit des Medienkonzerns von Leo Kirch in Abrede stellte. Wahrscheinlich am 24. Januar wird der Bundesgerichtshof entscheiden, ob die Deutsche Bank deshalb schadenersatzpflichtig ist. Man könnte angesichts dieser Erfahrungen den Eindruck gewinnen, Breuer sei für einen Banker eine Spur zu redselig. Aber dem ist nicht so. Der braungebrannte Manager, der stets wie aus dem Ei gepellt auftritt, genießt zwar das Licht der Öffentlichkeit. Aber er ist in jeder Hinsicht ein disziplinierter Mensch. Auch seine Rhetorik ist, bis auf die erwähnten Fehltritte, brillant.

Keine zwingende Alternative für Ackermann in Sicht

Breuer scheint nie die Fassung zu verlieren, obwohl es in seinem Managerleben auch schon zahlreiche Enttäuschungen gab, gerade in den vergangenen Jahren. Den Zenit seiner Karriere erreichte er in den neunziger Jahren, als er den Boden für die Mutation der Deutschen Bank zu einer Investmentbank bereitete und im Tandem mit Werner Seifert die Deutsche Börse auf die Erfolgsspur brachte. Sein erster Karriereknick war das Scheitern der Fusionsgespräche zwischen Deutscher Bank und Dresdner Bank, das auch den Weg für Josef Ackermann frei machte. Und nicht minder schmerzvoll dürfte in diesem Jahr sein Abschied als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse gewesen sein. Dort wurde Breuer von den Geistern verjagt, die er zusammen mit Werner Seifert gerufen hatte: den angelsächsischen Investoren. Breuer trat nach einer Übergangszeit lautlos, aber würdevoll ab.

Freilich ist ihm mit dem Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Bank noch eines der einflußreichsten Mandate in Deutschland verblieben. Und diesen Posten dürfte der 68 Jahre alte gebürtige Bonner noch bis 2008 ausfüllen. Ob er bis dahin auch Ackermann an seiner Seite haben wird, ist allerdings höchst fraglich. Der Aufsichtsrat hat Ackermann zwar am Mittwoch das "uneingeschränkte Vertrauen" ausgesprochen. Das hat aber auch damit zu tun, daß keine zwingende Alternative in Sicht ist. Das Machtzentrum der Bank hat sich in den vergangenen Jahren nach London verschoben, wo englischsprachige Kapitalmarktexperten wie Anshu Jain und Michael Cohrs den Ton angeben. Ackermann, im Herzen auch ein Investmentbanker, ist bisher die Klammer, die die Bank zwischen Main und Themse zusammenhält. Breuer müßte für den Fall der Fälle deshalb einen Nachfolger finden, der Jain und Cohrs auf einer Augenhöhe gegenübertreten könnte. Das ist keine einfache Aufgabe. Breuer wird denn auch seine "Denkkappe" so schnell nicht mehr absetzen können. Vom Ergebnis seines Nachdenkens kann es abhängen, ob die Deutsche Bank deutsch bleiben wird.

Quelle: F.A.Z., 23.12.2005, Nr. 299 / Seite 17
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