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Mediziner Gawande : Kämpfer gegen ein „kaputtes System“

Atul Gawande (l.) mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Oktober 2016 auf einer Diskussionsveranstaltung in Pittsburgh. Bild: AP

Ein einflussreicher Mediziner soll das Gesundheitsprojekt von Amazon, JP Morgan und Warren Buffetts Holding führen. Geht das, so ganz ohne Managementerfahrung und in Teilzeit?

          Eigentlich wollte es Atul Gawande vermeiden, in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten. Sein Vater und seine Mutter, beide Einwanderer aus Indien, machten in den Vereinigten Staaten Karriere als Mediziner. „Es ist fast wie eine Bestimmung, dass von den Kindern zweier indischer Einwanderer, die Ärzte sind, erwartet wird, dass sie selbst Ärzte werden,“ sagte er unlängst in einem Interview mit dem „Boston Magazine“. Aber er habe zuerst lange versucht, einen anderen Weg zu gehen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Erst studierte er Biologie und Politik an der kalifornischen Stanford-Universität. Zwischenzeitlich ging er in die Politik und arbeitete für die Präsidentschaftskampagnen von Bill Clinton und Al Gore. Dann wurde er aber doch Arzt. Heute ist er einer der einflussreichsten Mediziner in Amerika, und er hat eine Reihe verschiedener Hüte auf. Er ist praktizierender Chirurg an einem Krankenhaus in Boston, Professor an der Harvard-Universität und ein renommierter Autor. Seit zwanzig Jahren schreibt er über Gesundheitsthemen in der Zeitschrift „New Yorker“, und er hat vier Bücher verfasst – allesamt Bestseller.

          Jetzt bekommt der 52 Jahre alte Mediziner noch eine andere und äußerst prestigeträchtige Aufgabe: Er wurde zum Vorstandsvorsitzenden des neuen Gesundheitsunternehmens berufen, das der Online-Händler Amazon.com, der Finanzkonzern JP Morgan Chase und die vom Investor Warren Buffett geführte Holding Berkshire Hathaway zusammen ins Leben rufen wollen. Dieses Projekt haben die drei Konzerne im Januar angekündigt, und es hat die ganze Gesundheitsbranche aufgeschreckt.

          Buffett findet ihn „absolut großartig“

          Es soll auf Gesundheitsleistungen für die amerikanischen Belegschaften der Unternehmen spezialisiert sein, die alleine schon mehr als eine Million Menschen umfassen; auf längere Sicht könnte es seinen Aktionsradius aber auch auf andere Organisationen ausweiten. Es soll eine von den drei Unternehmen unabhängige Einheit sein, die frei sein soll von „Anreizen und Zwängen, Gewinne zu erzielen“.

          Was genau diese neue Gesellschaft tun will, ist noch unklar, sie hat noch nicht einmal einen offiziellen Namen. Aber offenbar geht es den drei Gründungsunternehmen darum, ihren Mitarbeitern eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu niedrigen Kosten zu ermöglichen. Und die Initiative wurde mit großem Rummel angekündigt. Warren Buffett sagte: „Die ausufernden Kosten im Gesundheitswesen sind wie ein hungriger Bandwurm für die amerikanische Wirtschaft.“ Buffett ist schon lange ein Fan von Gawande.

          Als der Mediziner 2009 einen Artikel über die horrenden Gesundheitskosten in Amerika am Beispiel einer Stadt in Texas schrieb, nannte Buffett den Beitrag in einem Fernsehinterview „absolut großartig“. Buffetts Geschäftspartner Charlie Munger schickte Gawande in seiner Begeisterung sogar einen Scheck über 20.000 Dollar. Das Stück wurde auch zu einer Pflichtlektüre im Weißen Haus unter dem Präsidenten Barack Obama.

          Es gibt auch Kritiker

          Gawande positioniert sich in seinen Texten als Vordenker im amerikanischen Gesundheitswesen. Jenseits seiner Arbeit als Arzt und als Autor hat er mehrere nicht gewinnorientierte Gesellschaften gegründet, etwa Ariadne Labs, eine Organisation, die die Qualität der Gesundheitsversorgung bei Geburten und Operationen verbessern will, und Lifebox, eine Gruppe, die Operationen in ärmeren Ländern sicherer machen will. Jamie Dimon, der Vorstandschef von JP Morgan, nannte Gawande in einer Mitteilung einen „Innovator“. Gawande selbst sagte, er hoffe, in seiner neuen Aufgabe „bessere Modelle der Versorgung für alle“ zu entwickeln. „Das System ist kaputt“.

          Seine Wahl wurde von Analysten als ein Signal gewertet, dass Amazon, JP Morgan und Berkshire sich von ihrem neuen Projekt umfassende Gesundheitslösungen erhoffen und nicht nur zum Beispiel niedrigere Kosten für Medikamente. Gawande bringt freilich nicht allzu viel Managementerfahrung mit. Und manche Beobachter merkten kritisch an, dass er seinen Posten nicht in Vollzeit ausüben werde, sondern auch seine bisherigen Aufgaben behalten wolle.

          Craig Garthwaite, ein Wirtschaftsprofessor an der Northwestern University, sagte der „New York Times“, ihm komme das Vorhaben „nicht ernsthaft“ vor, wenn es keinen Vollzeitchef habe. „Das Gesundheitswesen zu transformieren, ist in gewisser Weise wie die Wirtschaft Deutschlands neu zu gestalten.“ So umtriebig Gawande ist: Er sieht sich „zuallererst“ als Arzt und Chirurg. Und wegen seiner Prominenz wird er dabei von seinen Patienten bisweilen auch erkannt. Wie er dem „Boston Magazine“ sagte, kommt es bisweilen vor, dass Patienten ihn bäten, für sie eines seiner Bücher zu signieren, bevor er sie operiere.

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