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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Medizin Deutsche Pillen sind besonders teuer

03.08.2010 ·  Spanier, Italiener und Griechen zahlen weniger für ihre Arzneien. Das nutzen deutsche Importeure aus. Ihr Geschäft floriert - zumindest bislang. Jetzt drücken die Politiker auf die Marge.

Von Carola Sonnet
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Im Saarland, unweit der französischen Grenze, werden ausländische Medikamente eingedeutscht. In einer großen Halle in Merzig sitzen Frauen an Tischen und packen: Eine packt Pillen aus ihren Schachteln mit spanischem Aufdruck, den spanischen Beipackzettel lässt sie neben sich in den Papierkorb fallen. Die Nächste legt die spanischen Tabletten in ihren silbernen Blister-Karten auf ein Förderband, wo ihnen weiße Aufkleber mit deutschem Text verpasst werden. Auch die spanische Pillen-Packung versteht nach der Behandlung in Merzig jeder deutsche Patient.

Kohlpharma heißt das Unternehmen, das aus spanischen Pillen deutsche macht. Die Mühe lohnt sich: Die Arzneimittel von Kohlpharma wurden meistens im Ausland produziert und dort auch zu niedrigeren Preisen eingekauft. Bis sie bei den deutschen Kunden ankommen, sind sie zwar etwas teurer geworden, denn die Aus- und Einpacker und die Transporteure müssen bezahlt werden. Aber trotzdem sind die Medikamente immer noch billiger als die der Konkurrenz. Das Geschäft der Arzneimittelimporteure floriert - zumindest bislang.

Denn vom vergangenen Sonntag an wird das Geschäft für diese Mittelständler schwieriger: Das Gesundheitsministerium will die überteuerten deutschen Medikamente billiger machen, und hat den „Herstellerrabatt“ erhöht. Bisher mussten Hersteller von patentgeschützten Arzneimitteln den Krankenkassen sechs Prozent Rabatt auf den ursprünglichen Preis geben. Dieser Rabatt ist nun um zehn Prozentpunkte auf 16 Prozent gestiegen. Das heißt, die Kassen können ihren Mitgliedern günstigere Arzneimittel anbieten, die Pharma-Unternehmen büßen einen Teil ihrer Umsätze ein. Damit sie diesen Verlust nicht mit höheren Preisen wettmachen, hat Gesundheitsminister Philipp Rösler außerdem die Medikamentenpreise eingefroren.

Der Stachel im Fleisch der Pharma-Industrie

Gut für die Patienten, schlecht für die Importeure: Sie gelten als Hersteller, müssen also auch die höheren Rabatte gewähren. Ihr Geschäftsmodell beruht aber gerade darauf, dass die Preise in Deutschland so viel höher liegen als im Ausland und sie an der Differenz zwischen Inlands- und Auslandspreis verdienen. Schrumpft die Differenz, geht ihnen ein Teil ihres Geschäfts verloren.

Dann lohnt es sich nicht mehr, wenn die Arbeiterinnen in Merzig aus der ausländischen Packung eine deutsche machen. „Wir erwarten 30 Prozent weniger Umsatz“, sagt Edwin Kohl, der Chef von Kohlpharma. Der großgewachsene Firmenchef mit den grauen Locken und dem Einstecktuch ist Deutschlands größter Arzneimittelimporteur. Das neue Gesetz zerstöre ihn nicht, sagt er. Aber kleinere Konkurrenten, die sich nur auf wenige Medikamente spezialisiert haben, hätten es bald viel schwerer.

„Man sollte die scharfe Waffe des Importhandels nie aus der Hand geben“

Das muss den Versicherten nicht leid tun, solange die Arzneimittel billiger werden. Tatsächlich decken die Importeure auch nur einen kleinen Teil des Marktes ab. Aber sie bringen auch ein bisschen Wettbewerb in das System, in dem die Krankenkassen für patentgeschützte Arzneien jeden Preis zahlen, den die Hersteller diktieren. „Man sollte die scharfe Waffe des Importhandels nie aus der Hand geben“, findet Importeur Kohl.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 32,4 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Das wissenschaftliche Institut der AOK hat berechnet, dass die Importe 2008 neun Prozent des Umsatzes mit Arzneimitteln ausmachten und die gesetzliche Krankenversicherung so immerhin 160 Millionen Euro sparen konnte. Dazu kommt das Geld, das die Selbstzahler sparen, also die, die in der Apotheke importierte Verhütungspillen oder Import-Viagra kaufen. Schätzungen gehen inzwischen von einem Wert zwischen 200 und 300 Millionen Euro aus. Die Patienten sparen, weil die Importeure ihre Ware günstiger verkaufen als die Originalhersteller. Wir machen den Herstellern Konkurrenz, sagt der Bund der Arzneimittelimporteure selbstbewusst. Mehrere Milliarden Euro könnten im Gesundheitssystem eingespart werden, weil die Preise durch den Druck der Importeure wenigstens ein bisschen niedriger würden. Die Importeure sehen sich als Stachel im Fleisch der Pharma-Industrie. Dass sich sein Geschäftsmodell so lange lohnen würde, hatte Edwin Kohl vor zwanzig Jahren nicht erwartet. Aber die europäischen Preise liegen noch weit auseinander.

Das meiste Geld wird mit patentgeschützten Medikamenten verdient

So kommt es der Pharma-Industrie ganz gelegen, dass die Margen der Importeure jetzt schrumpfen und viele Anbieter wohl vom Markt verschwinden. Denn das bedeutet weniger Wettbewerbsdruck auf die Preise der 50.000 Medikamente auf dem deutschen Markt. „Die 50 umsatzstärksten Arzneimittel machen allein 56 Prozent des Patentmarktes aus“, erklärt Ulrich Schwabe von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Das meiste Geld wird mit patentgeschützten Medikamenten verdient. Diese Arzneimittel sind hierzulande im Schnitt um 50 Prozent teurer als im Ausland, hat die Arzneimittelkommission laut Ulrich Schwabe ausgerechnet.

Die deutschen Hersteller treiben sogar die Preise im Ausland: Denn andere Länder nutzen die deutschen Preise als Referenz für ihre eigenen. Wenn beispielsweise ein Durchschnittspreis aus verschiedenen ausländischen Preisen gebildet wird, treiben die Deutschen die Kosten auch im Ausland nach oben: „Das hohe deutsche Preisniveau wird in andere Länder exportiert“, erklärt der Arzneimittel-Experte Schwabe. Denn nur in Deutschland, Dänemark und Malta können die Pharmahersteller ihre Preise noch frei festlegen. In allen Ländern gibt es entweder Höchstpreise, Festpreise oder Durchschnittspreise. Also hat die Pharma-Industrie ein großes Interesse daran, wenigstens hierzulande die hohen Preise zu konservieren.

Philipp Röslers Gesundheitsreform tut ihnen nicht so weh: Zwar müssen die Hersteller künftig über die Preise neuer, patentgeschützter Medikamente mit den Kassen verhandeln - aber erst nachdem die Mittel ein Jahr auf dem Markt waren. Bei sehr hohen Preisen für neue Arzneien reichen die ersten zwölf Monate oft, um einen Großteil der Forschungs- und Einführungskosten wieder einzunehmen. Das gilt erst recht, wenn es weniger Importeure gibt, deren Wettbewerbsdruck die Preise verdirbt.

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