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Medikamentenfälschung Falschspiel mit Pillen

16.08.2006 ·  Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, daß gefälschte Medikamente schon mehr als zehn Prozent des globalen Pharmahandels ausmachen, in Entwicklungsländern sogar bis zu 50 Prozent. Viagra wird unter den Lifestyle-Medikamenten am häufigsten kopiert.

Von Judith Lembke
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Rollo Martins fand das Verbrechen so abscheulich, daß er seinen Freund erschoß. Im Wien der Nachkriegszeit hatte der Westernautor gesehen, was die Behandlung mit gestrecktem Penicillin, das sein Freund Harry Lime illegal vertrieb, bewirken kann: In den Spitälern starben die Menschen an leichten Erkältungen, und Kinder kamen mit Mißbildungen auf die Welt.

Seitdem Graham Greene 1950 seinen Roman „Der dritte Mann“ schrieb, haben sich die Schauplätze zwar verändert, die Folgen der Arzneimittelfälschung sind jedoch die gleichen geblieben. 2500 Menschen starben 1995 bei einer Meningitis-Epidemie in Niger, weil ihnen ein gefälschter Impfschutz gespritzt worden war.

Im selben Jahr starben in Haiti 89 Kinder, die mit Hustensirup behandelt worden waren, den Arzneimittelfälscher mit Frostschutzmittel versetzt hatten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, daß gefälschte Medikamente schon mehr als zehn Prozent des globalen Pharmahandels ausmachen, in Entwicklungsländern sogar bis zu 50 Prozent.

Malaria-Tote vermeidbar

Besonders stark betroffen sind die Länder Schwarzafrikas und Südostasiens. Von einer Million Malaria-Toten im Jahr seien 200 000 vermeidbar, wenn die Kranken mit Medikamenten von guter Qualität behandelt würden, und in Nigeria sollen überhaupt nur zehn bis 20 Prozent der Medikamente Originalpräparate sein, heißt es bei der WHO.

„In Entwicklungsländern werden auch heute noch vor allem alte Arzneistoffe wie Antibiotika, schmerz- und empfindungshemmende Stoffe gefälscht“, sagt Harald Schweim, Professor für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn und Spezialist für das Thema Medikamentfälschung.

Tabletten in sowjetischen Industrieanlagen hergestellt

Nach den Angaben des Aktionskreises Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie sind die Umsatzeinbußen durch Plagiate bei Medikamenten am größten: Mit 17 Milliarden Dollar Umsatz liegen sie noch vor Software und Markenkleidung. Die amerikanische Zulassungsbehörde, die Gesundheitsbehörde FDA, geht sogar davon aus, daß mit gefälschten Medikamenten sogar 35 Milliarden Dollar umgesetzt werden.

„Das sind Größenordnungen, bei denen die Leute schon einmal das Risiko eingehen, erwischt zu werden“, sagt Schweim. Da die Strafverfolgung in vielen Ländern jedoch nicht sehr effektiv ist und die Produktionskosten niedrig sind, nehmen Fälschung und Vertrieb der Plagiate rasant zu. Die Tabletten können auf ausrangierten sowjetischen Industrieanlagen ebenso hergestellt werden wie in lateinamerikanischen Hinterhöfen. Der Medikamenten-Mafia auf die Spur zu kommen fällt dabei oft sehr schwer, denn gerade in Entwicklungsländern werden die Opfer meist gar nicht erkannt.

Lifestyle-Drugs

Aber nicht nur in der südlichen Hemisphäre boomt der Handel mit den schlechten Pillen. Auch in Europa nehme die Verbreitung der gefälschten Arzneimittel zu, sagt Schweim. Hier sind es vor allem die sogenannten „Lifestyle-Drugs“, wie Potenzmittel, die vermehrt über dubiose Vertriebswege an den Kunden gelangen, und nicht das halten, was sie versprechen.

Daß die gefälschten Arzneimittel über den legalen Vertriebsweg, also Apotheken oder seriöser Versandhandel pharmazeutischer Produkte, an den Kunden gelangen, kommt allerdings nur sehr selten vor. Dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) sind in den vergangenen Jahren nur drei Fälle bekannt geworden.

Trotzdem birgt die zunehmende Akzeptanz des Arzneimittelvertriebs im Internet ihre Tücken: „Die Händler mit gefälschten Pillen tarnen sich als seriöse Anbieter und locken so potentielle Kunden an“, sagt Schweim, der einen geordneten Vertrieb für die beste Absicherung gegen gefälschte Medikamente hält. Auch der VFA gibt an, die Vertriebswege „noch besser abdichten“ zu wollen, um den Medikamentfälschern in Deutschland das Handwerk zu legen.

Männer mit Potenzstörungen scheuen den Arzt

Die Pharmabranche hat das Problem mittlerweile erkannt und rüstet sich gegen die kriminellen Wettbewerber, die sie nicht nur Umsatz kosten, sondern auch ihrem Ruf schaden. Unternehmen wie MSD, der deutsche Ableger des amerikanischen Pharmakonzerns Merck & Co., oder Bayer Healthcare versuchen, die Verbraucher durch Kampagnen und Informationen im Internet aufzuklären.

Der amerikanische Pharmaproduzent Pfizer, der unter anderem, das Potenzmittel Viagra herstellt, ist von den Fälschungen besonders stark betroffen. „Da viele Männer mit Potenzstörungen den Gang zum Arzt scheuen und das Medikament ohnehin aus eigener Tasche bezahlen müssen, wird es besonders gerne im Internet bestellt“, sagt Schweim. Und nicht immer bei legalen Anbietern.

Forensische Merkmale wie Hologramme

Im Jahr 2004 wurden 10 Millionen gefälschte Viagra-Tabletten sichergestellt, 70 Prozent davon in Europa. Damit ist Viagra sicherlich das am häufigsten kopierte Lifestyle-Medikament überhaupt. Wenn man sich überlege, daß eine Viagra-Pille in Deutschland 10 bis 12 Euro koste, bedeute das eine Einbuße von 120 Millionen Euro für den Konzern, heißt es bei der Pressestelle.

Nicht zu beziffern, aber noch schwerwiegender ist der Schaden, den jede gefälschte Viagra-Pille ohne oder mit einer anderen als der erwünschten Wirkung anrichten kann. Auch bei Pfizer setzt man auf eine bessere Absicherung der Vertriebswege sowie eine bessere Aufklärung des Kunden. Außerdem wird daran gearbeitet, die Verpackungen der Arzneimittel durch forensische Merkmale wie Hologramme, zurückverfolgbare Codes oder auch Sicherheitssiegel fälschungssicher zu machen.

Medikament mit Schamfaktor

Die Pharmasparte von Bayer, die mit dem Potenzmittel Levitra ebenfalls ein gern gefälschtes Lifestyle-Medikament mit Schamfaktor im Angebot hat, setzt sich verstärkt gegen die Fälscher zur Wehr. „Wir analysieren und ermitteln Fälle von Medikamentfälschungen und kooperieren eng mit den Strafverfolgungsbehörden“, sagt Claus Moritz Trube, der Bayer-Beauftragte gegen Medikamentfälschungen.

Außerdem setze man auf Aufklärung: „Wir fordern die Patienten auf, Arzneimittel nur aus seriösen Quellen zu beziehen“, sagt Trube. Wenn ein Internethändler anbiete, ein rezeptpflichtiges Medikament einfach so zu schicken, müsse das dem Kunden komisch vorkommen.

Viele illegale Nachahmer

Bayer Healthcare kläre deshalb im Internet auf einer eigenen Website über die Problematik auf. Verstöße gegen die engen Grenzen des Heilmittelwerberechts sähe man dabei nicht. „Wenn wir dem Patienten den Unterschied zwischen Original und Plagiat verdeutlichen wollen, müssen wir auch die Verpackung zeigen“, sagt Trube.

Bisher hätten sich die konkurrierenden Pharmaunternehmen jedoch kooperativ gezeigt, und keinen Rivalen für seine Aufklärungskampagne verklagt. Schließlich weiß keiner, wann es ihn selbst treffen wird. Denn der nächste Blockbuster wird mit Sicherheit auch viele illegale Nachahmer mit sich bringen.

Quelle: F.A.Z., 17.08.2006, Nr. 190 / Seite 20
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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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