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Medien in Österreich Machtkampf auf dem Boulevard

21.06.2010 ·  Der Tod des Verlegers Hans Dichand könnte Bewegung in Österreichs hochkonzentrierten Zeitungsmarkt bringen. Die deutsche WAZ-Gruppe will die Kronen Zeitung zur Gänze übernehmen. Vieles hängt nun von den Plänen der Dichand-Erben ab.

Von Michaela Seiser, Wien
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Wenn eine Branche ihren Primus verliert, kann sich in ihrem Gefüge viel ändern. Genau an diesem Punkt steht derzeit die österreichische Medienwelt. Mit dem Ableben des Herausgebers Hans Dichand könnte bei Österreichs größter Tageszeitung „Krone“ ein neuer Machtkampf eröffnet werden.

Die WAZ-Gruppe ist wie die Familie Dichand Hälfte-Gesellschafter der Zeitung und schielt auf eine Alleineigentümerschaft. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach bestätigte gegenüber dem österreichischen Rundfunk das grundsätzliche Interesse, die Kronen Zeitung zur Gänze zu übernehmen. Das sei aber eine verfrühte Spekulation, sagte Hombach, denn er habe von einem Angebot der Familie Dichand nichts gehört.

Über einen Verkauf ihrer Krone-Anteile denke die WAZ nun jedenfalls nicht mehr nach, heißt es. Die Familie Dichand stellte am Samstag klar, dass sie keinen Verkauf ihrer Anteile plane. Im Gegenteil bereite man ein Angebot zur Übernahme der WAZ-Anteile vor. Nach Dichands Tod – er verstarb am vergangenen Donnerstag – erhält der Essener Verlag automatisch mehr Eigentümerrechte. Als Alleingeschäftsführer und Herausgeber hatte Dichand das wirtschaftliche Sagen. Den Posten des Alleingeschäftsführers mit allen personellen Vollmachten gibt es nun nicht mehr, die Geschäftsführung wird künftig paritätisch besetzt, Dichands Erben und die WAZ entscheiden in wirtschaftlichen und personellen Fragen gleichberechtigt. Das Vorschlagsrecht für den Chefredakteur – seit 2003 ist das der von Dichand senior eingesetzte Sohn Christoph Dichand – liegt weiter bei der Familie Dichand.

„Dichand hinterlässt ein Machtvakuum“

Dichand selbst erklärte zeit seines Lebens, dass er sein Lebenswerk in der Familie halten und weitergeben wolle. Zuletzt hatte der Medienpatriarch, dessen Vermögen auf 750 Millionen Euro geschätzt wird und der auch eine sagenumwobene Kunstsammlung angehäuft hat, über Monate hinweg versucht, den Anteil der WAZ zurückzukaufen. Kolportiert wurde ein Verkaufspreis von 200 Millionen Euro, ein Preis, der Dichand zu hoch erschien. Beim Einstieg der WAZ 1987 soll diese nach damaligen unbestätigten Brancheninfos umgerechnet etwa 100 Millionen Euro gezahlt haben.

Mit den geänderten Kräfteverhältnissen im Hause Krone könnte die WAZ nun versuchen, ihren wirtschaftlichen Einfluss zu erhöhen. Operativ blieb die Krone zuletzt hinter den Erwartungen zurück. Für das vergangene Geschäftsjahr (per Ende Juni) weist die Krone Verlag GmbH laut Firmenbuch bei einem Umsatz von 52 Millionen Euro einen Überschuss von 7,7 Millionen Euro aus.

Viel hängt jetzt von den Plänen der Dichand-Erben ab. Eine bedeutende Rolle wird dabei Christoph Dichand zufallen. Möglicherweise kommt auch dessen Frau Eva ins Spiel, die die Gratis-Zeitung „Heute“ betreibt. Wenig verlegerische Ambitionen werden hingegen seinen Geschwistern Michael und Johanna nachgesagt.

Auf den österreichischen Medienmarkt hat der Tod Dichands Auswirkungen. „Dichand hinterlässt ein Entscheidungs- und Machtvakuum“, sagt Josef Trappel, Professor für Medienpolitik und Medienökonomie an der Universität Salzburg. Die Frage sei, ob die „Kronen Zeitung“ ohne Dichand in der Lage ist, die Dominanz zu erhalten. Andernfalls könnten andere Zeitungen Anteile im hochkonzentrierten Markt zufallen, mutmaßt Trappel.

Staatlichen Presseförderung seit 1975

Es gibt 18 Tageszeitungen, davon 15 Kaufzeitungen. Die vier führenden Tageszeitungen, neben „Kronen Zeitung“ sind das „Kleine Zeitung“, der ebenfalls zur WAZ gehörende „Kurier“ und „Österreich“, erreichen zusammen gut zwei Drittel der Leserschaft zwischen Bregenz und Eisenstadt. Diese Blätter vereinen mehr als die Hälfte der Werbeeinnahmen aller Tageszeitungen auf sich. Die Krone allein hat drei Millionen Leser bei einer Bevölkerung von gut acht Millionen. Neben dem Krone-Verlag wird die österreichische Presse von der G+J Holding und der Styria Medien dominiert.

Die Kaufzeitungen erreichen der Österreichischen Auflagenkontrolle zufolge seit Jahren eine Auflage von weniger als zwei Millionen verkauften Exemplaren. Der durchschnittliche Einzelpreis für überregionale Blätter beträgt nach Angaben des Zeitungsherausgeberverbands VÖZ 1,5 Euro. Österreichs Tagespresse ist wie ihre deutsche Konkurrenz in hohem Maß von Anzeigenerlösen abhängig. Nach Einschätzung des VÖZ machen sie mehr als die Hälfte der Einnahmen aus. Hannes Schopf, Sprecher des VÖZ, sagt, dass sich das Verhältnis in den zurückliegenden zwei Jahren – mit der Werbeflaute – zugunsten der Vertriebserlöse verschiebe. Möglich sei das durch einen hohen Abonnenten-Anteil von im Schnitt weit mehr als 50 Prozent. Auch dadurch hätten sich die Tageszeitungen gut halten können. Wie erfolgreich die österreichischen Zeitungen wirtschaften, darüber gibt es keine veröffentlichten Branchenergebnisse. Trappel schätzt das Geschäft für die Verleger derzeit aber gut ein. „Es gibt immer noch Renditen im zweistelligen Bereich.“

Impulse bekommt die Branche von der staatlichen Presseförderung, die in diesem Jahr rund 10 Millionen Euro beträgt. Viele könnten ohne die dem Ziel der Medienvielfalt dienende und 1975 eingeführte Unterstützung nicht überleben. Zwar ist Presseförderung in der in Österreich gewährten direkten Form ordnungspolitisch zweifelhaft, über die Notwendigkeit einer Intervention herrscht angesichts der Unvollkommenheiten des österreichischen Medienmarktes unter Fachleuten jedoch Konsens: Hohe Eintrittsbarrieren, Anbieterkonzentration, die im internationalen Vergleich ungewöhnlich starke Stellung einer Zeitung rechtfertigten selektive medienpolitische Eingriffe, urteilen Trappel und Schopf. Tatsächlich verhilft die Unterstützung vielen Tagesmedien zu einem ausgeglichenen Ergebnis und trägt nach Einschätzung Trappels bei einzelnen Titeln bis zu 40 Prozent zu deren Gesamterlös bei. Im Urteil von Fachleuten ermöglicht die Förderung zwar manchen Produkten das Überleben, sie hat jedoch auch unerwünschte Folgen. So begünstigt die indirekten Förderung die großen Zeitungen überproportional. Trappel kritisiert das Modell der direkten Unterstützung, da es zu wenig die inhaltlich-journalistische Leistung fördert. Zudem verunsichere sie die Verlage durch den Umstand, dass die Höhe der jährlich ausgeschütteten Förderung mit der Anzahl der geförderten Titel zu- oder abnimmt.

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