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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mathias Döpfner Der Verlierer

 ·  Der Springer-Chef hat gegen Post und Politik seine größte Schmach erlitten. 600 Millionen Euro und sein Ruf stehen jetzt auf dem Spiel. Wie viel Schuld hat Döpfner sich dabei selbst zuzuschreiben?

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In jeder Ausgabe stellt die „Bild“-Zeitung auf der Titelseite den Verlierer des Tages aus. Ein Kandidat, der sich für die Rubrik aufdrängt, wird dort sicher nicht erscheinen: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns und somit oberster Chef über das Boulevardblatt.

Der Zwei-Meter-Mann mag es wenden, wie er mag: Die Woche ist schlecht gelaufen für ihn, sehr schlecht sogar. Am Freitag hat der Bundestag den Mindestlohn für Briefträger beschlossen. Daraufhin hat Döpfner seinen Ausflug in die Post-Branche als gescheitert erklärt: Keinen weiteren Cent steckt er in die Tochterfirma Pin. 620 Millionen Euro hat Springer in den privaten Post-Dienstleister schon investiert, ob er auch nur einen Euro davon zurückbekommt, bezweifelt man selbst im Springer-Hochhaus.

Aus der privaten Fernsehkette Pro Sieben Sat.1 hat sich Döpfner zu Anfang der vergangenen Woche ebenfalls zurückgezogen - zu denkbar ungünstigem Aktienkurs, auch das kein glänzendes Geschäft. Und als hätte er nicht Ärger genug, scheitert er auch noch mit seinen TV-Plänen in Polen. Für den Einstieg bei dem dort lange umworbenen Fernsehsender sei „keine juristisch und wirtschaftlich akzeptable Lösung“ möglich gewesen, teilt der Springer-Konzern mit, nachdem er dort 250 Millionen Euro investieren wollte.

Das ist bitter

Wie gesagt: Es läuft nicht rund für Mathias Döpfner im Moment. Das sieht er selbst so. Pin sei die bisher größte Niederlage in seiner Karriere, gibt der Springer-Chef zu. „Jetzt werden gerade bis zu 600 Millionen Euro vernichtet; das ist bitter.“

Die Frage ist nur: Wie viel Schuld hat Döpfner sich dabei selbst zuzuschreiben? Wie sehr haben sich die Mächte gegen ihn verschworen? Denn eines fällt auf: Der Manager Döpfner scheitert regelmäßig nicht an den Widrigkeiten des Marktes. Es ist die Politik, es sind die staatlichen Regularien, die ihn ausbremsen. Das war so bei der untersagten Übernahme von Pro Sieben vor zwei Jahren, das ist jetzt so beim Post-Mindestlohn. (Und, kleine Notiz am Rande: Auch in Polen stellten sich die Wettbewerbsbehörden quer.)

Döpfner erinnert dies an die alten ideologischen Schlachten in der Bundesrepublik. „Es ist irritierend, dass unserem Verlag Dinge untersagt werden, die bei Wettbewerben ermöglicht werden. Ich kann mich nicht des Verdachtes erwehren, dass hier auch ideologische Fixierungen eine Rolle spielen“, sagte er jüngst in einem Interview mit der F.A.Z.

Ganz große Koalition gegen Döpfner

Im Fall der Postboten hatte der Springer-Chef eine ganz große Koalition gegen sich: Linke, Grüne, SPD, der überwiegende Teil der Union, dazu Verdi-Gewerkschafter und die Deutsche Post stellten sich gegen ihn. Die Strategie des ehemaligen Staatsmonopolisten ist dabei voll aufgegangen: Das Volk hat Post-Chef Klaus Zumwinkel die Läuterung vom Global Player zum Sozialarbeiter abgenommen. Ihm ist es gelungen, das Profitinteresse des staatlich dominierten Konzern als Sache des Gemeinwohls darzustellen.

Döpfner bleibt jetzt die Rolle des Buhmanns, der die 9000 Pin-Beschäftigten in Richtung Insolvenz schickt. Und nebenbei beweist die Bundeskanzlerin, wie voreilig sie mit Titeln wie Maggie Thatcher einst zur liberalen Marktwirtschaftlerin geadelt wurde. Lang ist's her.

Brauchte die „Bild“ heute einen Sieger für die Titelseite, dann käme aus der Runde nur einer in Frage: Schlitzohr Zumwinkel. Er profitiert gleich doppelt vom staatlich verordneten Mindestlohn: Als Vorstandsvorsitzender, der sein Monopol auf Umwegen gerettet hat, sowie als Privatmann, der (ungeschickterweise wie er inzwischen einräumt) seine Aktienoptionen nach dem politisch motivierten Kursanstieg versilbert hat.

Gegen die Mehrheit im Volk

Döpfners Blätter haben das schärfer gegeißelt als andere. Wie sich die „Bild“, das selbsternannte Organ der kleinen Leute, in der Frage der Mindestlöhne ausnahmsweise konsequent gegen die Mehrheit im Volk stellte: Mindestlöhne vernichten Jobs, predigte das Blatt in gewohnter Klarheit, zuletzt am Freitagmorgen, Stunden vor der entscheidenden Abstimmung im Parlament. Gefruchtet hat es nichts: Niemand kann mehr sagen, in Deutschland lasse sich nicht auch gegen „Bild“ Politik machen. Ein Geschäftsmodell, das auf Dumpinglöhnen beruhe, habe keine Daseinsberechtigung, dozierten SPD-Chef Kurt Beck und sonstige Koryphäen der Wirtschaftstheorie aus seinen Reihen. „Ich schreibe jetzt noch lieber Weihnachtskarten, weil ich weiß, dass künftig alle, die bei Wind und Wetter die Post austragen, einen guten Lohn bekommen“, säuselte SPD-Vize Andrea Nahles.

Mathias Döpfner hatte das Nachsehen. Als er unmittelbar nach der Entscheidung im Bundestag bei Pin die Reißleine zog, stand er als Feigling da, der den Mindestlohn als Ausrede für unternehmerisches Versagen nutzt, als ein Manager, der das Briefgeschäft nie wirklich in den Griff bekommen hat. Diese Deutung wäre den Sozialdemokraten zweifellos am liebsten. Zynisch nennt Döpfner die Vorwürfe von denjenigen, die ihm von vornherein jede Chance aufs Gelingen geraubt haben.

Wütende Reden

In wütenden Reden beklagt der Springer-Chef jetzt den Mindestlohn als „ordnungspolitischen Sündenfall“, den er auch für „juristisch höchst problematisch“ hält. „Die Politik missbraucht ihre gesetzgeberische und exekutive Macht“, sagt er und droht mit „Schadensersatzklagen“. Sein Vertrauen in Zusagen der Politik sei nie sonderlich hoch gewesen. „Jetzt ist es unter Null.“ Aber hätte ein Profi für das öffentliche Empfinden nicht früher spüren müssen, dass die Stimmung kippt und dass die Politik darauf reagiert? Hätte er nicht ahnen müssen, dass Zumwinkels Trick funktioniert, die Postboten zum Symbol für soziale Gerechtigkeit aufzuwerten?

Signale dazu gab es. Im Sommer, als Döpfner seine Pin-Anteile noch aufgestockt hat, da waren Entschlossenheit und Raffinesse des Gegners Post bereits zu erkennen. Bis zum letzten Bluttropfen werde er jeden Brief verteidigen, hatte Zumwinkel gedroht. Nicht viel hätte gefehlt, und der Post-Chef hätte in seinen diversen Interviews öffentlich Tränen der Anteilnahme vergossen für seine durch Wind und Wetter radelnden Postler. „Ich ziehe alle Register“, kokettierte Zumwinkel, in seinen Lobbyrunden in Berlin kalt die Vorlagen der Demoskopen nutzend, wonach 80 Prozent der Bevölkerung den Post-Mindestlohn für ein Gebot der Gerechtigkeit halten.

Zunehmend zornig

Döpfners Trümpfe zogen da nicht mehr, der publizistische Einfluss seiner Blätter so wenig wie Friede Springers tragende Rolle im Club der mächtigen Unterstützerinnen von Angela Merkel. Im Zweifel hat dieser Ruf dem Konzernchef in der Auseinandersetzung eher geschadet: Kein Politiker konnte es sich leisten, auch nur in den Ruch des Springer-Büttels zu geraten.

Trotzdem kämpfte Döpfner weiter, furchtlos und zunehmend zornig. Schließlich stand viel auf dem Spiel. Hatte er doch getönt, das Briefgeschäft zu einer „starken Säule des Konzerns“ auszubauen. Jetzt streitet er sich mit Pin-Chef Günter Thiel, der ihm die Ruinen der Firma für einen Euro übernehmen würde. „So, wie er sich das vorstellt, geht das nicht“, antwortet Döpfner gereizt.

Die alten Geschichten

Persönlich unangenehm wird die Pin-Schmach für ihn, weil jetzt die alten hässlichen Geschichten aus den Archiven aufgewärmt werden. Wie Döpfner einst, noch als Journalist, die „Wochenpost“ abgewickelt hat, auch seine glanzlosen Stationen als Chefredakteur von „Hamburger Abendblatt“ und „Welt“. Und wie er - all dem zum Trotz - immer schneller immer höher aufgestiegen ist bis in den Vorstand von Europas größtem Zeitungshaus. So eine Karriere schafft Feinde fürs Leben. „Die warten alle nur darauf, dass ich den ersten großen Fehler mache“, hat Döpfner als frischbestallter Vorstandschef gesagt. Damit lag er richtig. Aus allen Ecken melden sich jetzt die Gegner, die lästern, Führungskräfte seien schon wegen kleinerer Beträge als 600 Millionen Euro gefeuert worden.

Der große Rückhalt Döpfners war bisher Friede Springer. Die allmächtige Verlegerwitwe und Großaktionärin des Konzerns habe einen Narren an ihm gefressen, wurde berichtet, in ihm soll sie das Ebenbild von Axel Cäsar Springer erkannt haben. Hat das Verhältnis unter dem jüngsten Fehlschlag wohl gelitten? Oder gilt noch immer der Satz Döpfners, er könnte sich „gut vorstellen, sein Berufsleben bei Springer zu beenden“? Mit Sicherheit wissen das nur die beiden Protagonisten. Die Umwelt achtet noch genauer als sonst auf jede Geste bei gemeinsamen Auftritten der beiden. Jeder Blick bietet da Stoff für Laienpsychologen. Bisher hatte Friede Springer den Ziehsohn für seine unternehmerische Kreativität bewundert, wie er die Profitabilität gesteigert und den ungeliebten Großaktionär Leo Kirch verscheucht hat. Irgendwann schaut aber auch die Großaktionärin Springer auf den Börsenkurs. Die Aktie des Konzerns hat im Lauf des Jahres fast ein Drittel des Wertes verloren.

Der Mensch

Mathias Döpfner wird am 15. Januar 1963 geboren. Der Vater ist Professor für Architektur, die Mutter Hausfrau. Nach dem Studium (Musikwissenschaft, Germanistik, Theaterwissenschaft) promoviert er mit einer Arbeit über die „Musikkritik in Deutschland nach 1945“.

Nachdem er schon als Schüler für Tageszeitungen geschrieben hat, tritt er 1986 in die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein. 1992 wechselt er zum Zeitschriftenkonzern Gruner & Jahr, arbeitet unter anderem als persönlicher Assistent des damaligen G&J-Vorstandschefs Gerd Schulte-Hillen, später als Chef von „Wochenpost“ und „Hamburger Morgenpost“.

Ende 1998 heuert er als Chefredakteur des Springer-Blattes „Die Welt“ an. Im Januar 2002 tritt er als Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlages an.

Döpfner lebt mit seiner Frau Ulrike und drei Söhnen in Potsdam.

Das Unternehmen

Der legendäre Verleger Axel Cäsar Springer gründet sein Unternehmen im Jahr 1946. 1985 geht der Konzern an die Börse und nennt sich heute stolz „Deutschlands größter Zeitungsverlag und drittgrößter Zeitschriftenverlag“. Profitables Flaggschiff Springers war und ist die „Bild“-Zeitung. Insgesamt ist das Medienhaus mit mehr als 170 Zeitungen und Zeitschriften in 33 Ländern vertreten.

Die 9733 Mitarbeiter erwirtschafteten zuletzt einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro und einen Jahresüberschuss von 291 Millionen Euro. Der Konzern zog am vergangenen Freitag die Notbremse beim Briefdienstleister Pin. Ohne das Geld des Mehrheitseigners Springer ist die Zukunft der jungen Firma nun fraglich. Auch aus dem Fernsehgeschäft in Deutschland hat sich Springer zurückgezogen: Die Anteile am privaten Fernsehkonzern ProSieben Sat.1 wurden vorige Woche an Finanzinvestoren verkauft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.12.2007, Nr. 50 / Seite 48
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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