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Wenig machtvoll : Maschinenbauer in der Klemme

Neuer VDMA-Präsident Carl Martin Welcker: In den Worten schon sehr fordernd. Kann er das auch mit Taten bestätigen? Bild: dpa

Die Maschinenbaubranche sucht die Balance zwischen Gründlichkeit und Geschwindigkeit. Ihr Verband hat einen neuen, motivierten Präsidenten, es fehlt allerdings an etwas anderem.

          Die deutschen Maschinenbauer haben zwar seit kurzem einen neuen und auf den ersten Blick zupackenden Präsidenten. Aber dass Carl Martin Welcker einen anderen Kurs fahren wird als sein Vorgänger Reinhold Festge, ist nicht zu erwarten. Der eine mittelständische Unternehmer an der Spitze des Branchenverbandes VDMA dürfte sich von dem anderen allenfalls in Nuancen unterscheiden – auch wenn das Wahljahr 2017 genügend Gelegenheiten bieten dürfte, sich als neuer Frontmann zu positionieren.

          Welcker hat seine Bereitschaft zu pointierter Formulierung früh untermauert. So sprach er in Zusammenhang mit TTIP von einem Stellvertreterkrieg und einem Treppenwitz der Geschichte, sollte ausgerechnet der deutsche Wirtschaftsminister ein solches Freihandelsabkommen beerdigen. Zumal es deutschen Maschinenbauern – Exportanteil: knapp 80 Prozent – bei Ausfuhren in die Vereinigten Staaten Kosteneinsparungen von 5 bis 18 Prozent einbringe. Zwar ist offen, wer hier am Ende zum Totengräber wird, allerdings ist Gabriel ein gutes Beispiel, wie unterschiedlich die Branchenspitze in der Tagespolitik agiert. Der Verband, der in diesem Jahr mit Nullwachstum in der Produktion und im nächsten Jahr mit gerade mal einem Prozent Plus rechnet, leidet mitunter an Gabriel. Geht es um TTIP, sorgt dessen Politik intern für Empörung. Gleichzeitig werden Streicheleinheiten verteilt. Festge machte beim Stabwechsel eine tiefe Verbeugung und lobte, wie entschlossen der Minister Türen zu ausländischen Märkten geöffnet habe. Iran gilt dem Verband als Paradebeispiel.

          Er hat schließlich schon in genügend Regionen tiefgreifende Probleme, da kommt ein Regierungsmitglied, das früher als andere vor Ort für Maschinen aus seinem Land wirbt, gerade recht. Die gute Zusammenarbeit in der Plattform Industrie 4.0, in diversen Branchendialogen oder im Bündnis Zukunft der Industrie kamen hinzu. Dieses Feld berührt die Zukunftsfähigkeit der Branche. Und es führt zu der Frage, wie gut gewappnet der deutsche Maschinenbau für die Digitalisierung der industriellen Produktion ist. Die Beantwortung wirft Licht und Schatten auf die Branche.

          Unternehmen haben durchschnittlich 190 Beschäftige

          Diese ist derart heterogen – nicht nur was ihre Fachverbände betrifft, die vom Großanlagenbauer bis zum Software-Unternehmen reichen, sondern auch hinsichtlich der Größe der Unternehmen –, dass es beides gibt: Leuchttürme in Zeiten des digitalen Wandels, aber auch Sorgenkinder. Letztere gelten als konservativ, risikoscheu und wenig IT-affin. Der Verband versichert allerdings, dass ein Drittel der Unternehmen schon eine Digitalisierungsstrategie habe, ein weiteres Viertel wolle in den nächsten drei Jahren eine einführen. In den meisten Fällen ist ohnehin nicht von Konzernen mit all ihren personellen und technischen Möglichkeiten die Rede: Die rund 3200 Mitgliedsunternehmen des VDMA haben im Durchschnitt knapp 190 Beschäftigte. Das illustriert die Klemme, in der die Branche steckt. Sie beschäftigt rund eine Million Menschen, hat also einerseits große Wucht, muss aber andererseits stets um Wahrnehmung ringen. Ihr fehlen allseits bekannte Unternehmen, die schon wegen ihrer Größe Gehör und Öffentlichkeit finden. Das muss der Verband übernehmen.

          Dass deutsche Maschinenbauer mit ihren hochmodernen, vernetzten, miteinander kommunizierenden Produkten international zur technischen Avantgarde gehören, ist unstrittig. Gleichzeitig gelten sie nicht gerade als Vorreiter, was die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle betrifft. Mit anderen Worten: Ihre Maschinen sind exzellent, ihr Umgang mit all den Daten, die diese zusammentragen, könnte kreativer sein. Auch die Nutzung von Big Data oder Cloud-Lösungen gilt nicht gerade als Kernkompetenz. Dabei kann sich angesichts des rasanten Wandels keiner mehr ausschließlich auf die Qualität seiner Produkte verlassen. Immerhin, ein Drittel ihrer Investitionen stecken die Unternehmen im Durchschnitt nun schon in die Digitalisierung.

          Das Selbstverständnis ist auch nicht erschüttert. Das kommt in einer Frage zum Ausdruck, die im Verband mit unverändert breiter Brust formuliert wird: Wer ist denn besser als wir? Italien, ebenfalls ein Land mit traditionsreichen Maschinenbauern, Frankreich oder andere europäische Rivalen gelten als partiell konkurrenzfähig, nicht aber in der Breite der Branche. Sogar vor China macht sich der VDMA nicht klein. Die starke Kundenorientierung und die große Erfahrung verschafften den deutschen Herstellern auch diesem Rivalen gegenüber Vorteile. Dafür sei dieser zu sehr dem Massengeschäft verhaftet – der Erweiterung der technischen Kompetenz auch durch Übernahmen, etwa des deutschen Roboterherstellers Kuka oder des Spezialmaschinenbauers Krauss-Maffei, durch chinesische Unternehmen zum Trotz. Dabei treffen deutsche Hersteller auf ihren Exportmärkten immer öfter auf chinesische Wettbewerber, die ihre gesättigten Heimatmärkte verlassen. Sogar über die Vereinigten Staaten heißt es wenig beeindruckt, dort werde das eine oder andere neue Geschäftsmodell doch etwas zu schnell auf den Markt geworfen und dann wieder eingemottet. Genau darum geht es jetzt auch für die deutschen Maschinenbauer: Gründlichkeit und Geschwindigkeit in die richtige Balance zu bringen.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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