24.01.2005 · Es klingt wie die Klage aus einer anderen Welt. Die Rücker AG findet kaum Ingenieure für Entwicklungen am neuen Airbus A 380 - und wenn, dann eher im Ausland, nicht auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt.
Es klingt wie eine Klage aus einer anderen Welt oder doch zumindest aus anderen Tagen. "Es gelingt uns nicht, 150 Ingenieure für die Standorte Hamburg und Rostock zu finden", sagt Wolfgang Rücker, Gründer und Leiter der Entwicklungsgesellschaft Rücker AG. Dabei sei er inzwischen nicht einmal mehr wählerisch.
Ideal wäre natürlich ein Ingenieur mit den Ausbildungsrichtungen Fahrzeugbau oder Luftfahrt. Aber auch reine Maschinenbauer schule er in sechs bis zwölf Monaten um. Und was er bietet, ist ja attraktiv. Rücker bezeichnet sich als einen der international führenden Entwicklungsdienstleister. Das hat nichts mit Entwicklungspolitik zu tun, sondern ist anspruchsvollste Technik am Computer. 2.000 Ingenieure planen und entwickeln bei Rücker die Autos und Flugzeuge der Zukunft.
Entwickelt wird nur, wofür es einen Auftrag gibt
„Alles, was wir machen, tun wir aufgrund eines Auftrags", wirft Rücker ein, um jeden Anflug von unrealistischer Planung ins Blaue hinein zu unterbinden. Den Traum, mal ein eigenes Auto zu entwickeln, habe er ausgeträumt. Es werde nur entwickelt, wofür es Aufträge gebe. Und die habe er inzwischen von fast allen europäischen Automobilherstellern.
Nach einigen schwierigen Jahren wegen der schlechten Automobilkonjunktur ist Rücker jetzt mit der Auftragslage auch wieder sehr zufrieden: „Zur Zeit müssen wir nicht um Aufträge kämpfen, sondern wir bekommen sie." Rücker stellt selbst nichts her, auch keine Modelle oder Werkzeuge, sondern übernimmt Planungsaufträge. Rücker entwickelt Basismodelle, vor allem aber Aufbauten, Innenausstattungen und Sondermodelle von Autos.
Auftrag für das Projekt Airbus A 380 als Krönung
Die zur Zeit intensive Entwicklungsarbeit in der Automobilindustrie bestärke ihn in der Ansicht, daß nach der Internationalen Automobilausstellung im Sommer dieses Jahres in Frankfurt die derzeit flaue Branchenkonjunktur wieder anzieht. Neue Modelle beleben das Geschäft. Aber in Zukunft ist Rücker von der Auomobilkonjunktur noch unabhängiger als bisher.
Seit wenigen Tagen hat Rücker einen Großauftrag aus einer ganz anderen Branche. Die Airbus Deutschland GmbH hat der Rückergesellschaft Rücker Aerospace GmbH einen umfangreichen Entwicklungsauftrag für das neue Großraumflugzeug Airbus A 380 erteilt. Das ist die Krönung seiner inzwischen zehnjährigen Bemühungen, neben der Arbeit für die internationale Automobilindustrie die Entwicklungen für die Luftfahrtindustrie als zweites Standbein zu etablieren.
500 Ingenieure um weitere 200 verstärken
„Als wir wußten, daß der neue Airbus A 380 gebaut werden soll, haben wir sofort Ingenieure eingestellt und Kontakte zu Lieferanten und zu Airbus geknüpft." Und das mit großem Erfolg.
Bei Rücker in Rostock beispielsweise wird die Verkabelung des Großraumflugzeugs geplant. Und die Niederlassung Barcelona kümmert sich um die Innenausstattung des neuen Flugzeugs. Dazu gehört auch die Konstruktion des Sitzes für die erste Klasse. „Wir planen, bis Ende 2005 die 500 derzeit für die Flugzeugindustrie beschäftigten Ingenieure um 200 weitere zu verstärken", dokumentiert Rücker seinen festen Glauben an eine langfristige Kooperation und fügt hinzu: „Wir haben mit den Airbusaufträgen für die Flugzeuge A 380, A 350 und A 400 eine Langfristperspektive von mindestens zehn Jahren." Denn der Normalversion folgten die Langversion, die Frachtversion und zahlreiche individuelle, an entsprechende Kundenwünsche angepaßte Sonderversionen eines Flugzeugs.
Lieber in die West-Arbeitslosigkeit als nach Rostock
„Und eben dafür würden wir sofort 150 Ingenieure in Rostock einstellen", sagt Rücker. Im Arbeitsamtsbezirk Rostock gebe es schon keine arbeitslosen Ingenieure mehr. Jetzt kooperiere Rücker mit dem Arbeitsamt (heute Agentur für Arbeit) Magdeburg. In den neuen Bundesländern seien die Ingenieure nämlich auch bereit, umzuziehen.
„Aber im Westen geht ein 45 Jahre alter Ingenieur aus Rüsselsheim lieber in die Arbeitslosigkeit als nach Rostock oder auch nur nach Hamburg", beklagt Rücker. In Rüsselsheim habe man wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei Opel den Personalbestand reduzieren müssen.
„Wir kriegen die Ingenieure“ - aus Österreich oder Polen oder...
Einen Mangel an Ingenieuren kann Rücker in Deutschland nicht feststellen. „Es gibt in Deutschland genug Ingenieure, aber die wollen ihr soziales Umfeld nicht aufgeben", ist Rücker überzeugt und fügt hinzu, daß das in anderen Ländern anders sei. Davon will auch Rücker künftig stärker profitieren.
Denn daß ihn der Ingenieurmangel am Wachstum hindere, glaubt Rücker nicht. „Wir kriegen die Ingenieure", ist er überzeugt und deutet auch die Richtung an. „Es gibt auch in Österreich gute Ingenieure. Und in Polen ist unser technischer Direktor gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Fahrzeugbau an der Hochschule in Warschau." Auch die Ingenieurausbildungen in Tschechien oder in der Slowakei seien sehr gut.
Ausländische Ingenieure nicht besser aber mobiler
Und überall sei Rücker inzwischen auch mit eigenen Niederlassungen vertreten - insgesamt 40mal in 16 Ländern der Erde. Die Ingenieure im Ausland seien nicht besser als ihre deutschen Kollegen. Deutschland habe noch immer eine sehr gute Ingenieursausbildung. „Aber in anderen Ländern sind die jungen Leute einfach mobiler", stellt er fest.
Dabei seien die Aussichten in seinem Unternehmen gut. Vor allem für die Flugzeugentwicklung ist Rücker optimistisch. Nach den guten Erfahrungen mit Airbus bemüht sich Rücker zunehmend auch um andere Aufträge. So stehe man vor Verhandlungen mit dem kanadischen Flugzeughersteller Bombardier. In diese Kooperation will Rücker vor allem das Wissen einbringen, das er mit der Übernahme der Entwicklungsabteilung von Dornier eingekauft hat.
Ausbau selbst im Automobilbereich
Aber auch im Automobilbereich, der mit einem Anteil am Umsatz von 75 Prozent der nach wie vor tragende Umsatzbringer ist, baue man aus. Gerade hat Rücker mit einem chinesischen Ingenieurbüro einen Vorvertrag über die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens unterzeichnet. Rücker übernehme die Qualifizierung der Mitarbeiter, die dann die 30 Mitarbeiter von Rücker in China verstärken sollen.
Ein vergleichbares Gemeinschaftsunternehmen gibt es bereits in Korea, Rücker arbeitet zudem für lateinamerikanische Autohersteller oder auch für solche aus Iran oder Malaysia. Der weltweite Verbund von Niederlassungen garantiere nicht nur, daß man bei den Kunden vor Ort ist. Er beschleunige auch die Auftragsabwicklung.
Zwei Jahre Zeit und 100 Ingenieure - oder rund um die Uhr
Die Zeiten, in denen man sich für die Entwicklung eines Autos acht Jahre Zeit genommen habe, seien längst vorbei. Heute seien zwei Jahre normal. Aber eine gewisse Zeit sei eben nicht zu unterschreiten, wenn die Planung qualitativ hochwertig und fehlerfrei sein soll. „Für die Entwicklung einer neuen Karosserie mit Türen und Innenausstattung, also einem sogenannten neuen Hut für ein Auto, brauchen 100 Ingenieure etwa zwei Jahre", sagt Rücker.
Man könne diese Zeit aber verkürzen, wenn man durch die Verbindung zweier Büros rund um die Uhr arbeite. So habe sich die gemeinsame Planung der Büros in Barcelona und in Korea für den Autohersteller Seat (Volkswagen-Konzern) gelohnt. Wenn die Konstrukteure in Korea Feierabend gemacht haben, übernehmen die spanischen Kollegen die Arbeit und umgekehrt.
Drei sind einer zuviel - es kommt zu Verständnisfehlern
Die Kosten hätten zwar um 20 Prozent über denen gelegen, die angefallen wären, wenn man das Ganze in einem Büro geplant hätte. Aber es sei eben viel schneller gegangen. Es habe sich gezeigt, daß es bei einer Schnittstelle, hier also zwischen Spanien und Korea, keine unüberwindbaren Schwierigkeiten gebe. Beispiele von großen Autoherstellern, die versucht hätten, durch die Einschaltung von drei Büros in den Vereinigten Staaten, Deutschland und Australien noch schneller bei der Auftragsabwicklung zu werden, seien aber gescheitert. Dann komme es doch zu Verständnis- und Übertragungsfehlern.
Für Rücker ist es das Ziel, der bei gleichbleibender Qualität schnellste Entwickler zu werden. Und er will der führende Entwicklungsdienstleister in Europa sein. Ob er es nicht schon ist, weiß er nicht genau. Es gebe zwar Mitbewerber, die mehr Umsatz macht, aber die böten auch den Modellbau oder anderes an, was Rücker nicht anbiete. „Ohne Stahl und Eisen dürften wir mit 150 Millionen Euro Umsatz schon heute die Nummer eins sein", kann sich Rücker vorstellen. Was sich auf jeden Fall bessern werde, sei der Gewinn, versichert er. Genaue Zahlen für 2004 will er aber mit Rücksicht auf die Börse noch nicht nennen.
Zur Person
Wolfgang Rücker ist in fast jeder Hinsicht mobil. Als Mehrheitsgesellschafter des von ihm 1970 gegründeten und 2000 an die Börse gebrachten Unternehmens ist er der Autoindustrie und dem Flugzeugbau verbunden. An 40 Standorten in 16 Ländern arbeiten Ingenieure an den Autos und Flugzeugen von morgen. Privat gehört Rückers Interesse eher den alten Autos, zur Zeit vor allem seinem Horch aus dem Jahr 1930. Der im Juni 1945 in Wiesbaden geborene Rücker lernte nach der Hauptschule zunächst technischer Zeichner, bevor er seine Ausbildung mit dem Studium der Konstruktionstechnik abschloß.
| Name | Kurs | Prozent |
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