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Markt-Umwälzung Die Schwierigkeiten der Versandapotheken

Deutschlands größte eigenständige Versandapotheke ist pleite, andere werden verkauft. Einige Leute glauben sogar, dass man mit dem Versand von Arzneimitteln kein Geld verdienen kann. Doch aus der Schweiz kommen neue Akzente.

© dapd Vergrößern Arzneimittel aus der Drogerie: Die Verbraucher nehmen das Angebot an

Über den Trend lässt sich kaum streiten. Die Zahl der Menschen, die Medikamente im Internet bestellen, nimmt auch in Deutschland stetig zu. Erlaubt ist der Versandhandel von Arzneimitteln seit dem Jahr 2004.

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Heute liegt der Anteil dieser Vertriebsform am Markt für rezeptfreie Präparate, zu denen etwa die meisten gängigen Mittel zur Behandlung von Schnupfen und Husten zählen, nach Angaben des Branchendiensts IMS Health bei 11 Prozent. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro auf diesem Weg umgesetzt, für 2012 ist abermals mit einem Anstieg zu rechnen.

Trotzdem hat unter den Versandapotheken in den vergangenen Wochen eine Umwälzung stattgefunden, die zu einer ausgewachsenen Branchenkrise passen würde; Die fünf größten Anbieter waren davon auf die eine oder andere Art allesamt betroffen.

Den Auftakt machte Schlecker

Den Auftakt machte die Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker, deren Tochtergesellschaft Vitalsana dem Schicksal der Zentrale mit einem Management-Buy-out Anfang September zwar knapp entronnen ist, sich nun aber neu ausrichten muss.

Wenige Wochen später meldete Sanicare aus Bad Laer Insolvenz an; die Erben des kurz zuvor gestorbenen Gründers sahen offenbar keine Perspektive für den bis dato größten eigenständigen Versandhändler mit Sitz in Deutschland. Ende Oktober kam der nächste Paukenschlag, als der Stuttgarter Pharmagroßhändler Celesio den Verkauf seiner in den Niederlanden ansässigen Versandsparte Doc Morris verkündete. Sie ist mit einem Umsatz von knapp 330 Millionen Euro zwar der Marktführer in Deutschland, hat die einst in sie gesetzten Hoffnungen aber nicht erfüllt - Celesio bezahlte vor fünf Jahren rund 220 Millionen Euro für sie und bekommt nun nur noch ein Zehntel davon als Kaufpreis.

Fast gleichzeitig gab die Drogeriemarktkette DM bekannt, die Rezeptsammelstellen in ihren Filialen künftig nicht mehr von der ebenfalls niederländischen Europa Apotheek Venlo betreiben zu lassen, deren Bekanntheitsgrad in Deutschland diese Partnerschaft zuvor erheblich gesteigert hatte. Beobachter werten diesen Schritt als zusätzliches Indiz dafür, dass der Mutterkonzern von Europa Apotheek, der amerikanische Pharmadienstleister Express Scripts, das Interesse am Versandgeschäft in Europa über kurz oder lang gänzlich verlieren könnte; schon im Sommer war aus der Zentrale in St. Louis die Schließung der beiden Büros in Berlin und Amsterdam angekündigt worden.

Niedrigere Margen als normale Apotheken

Auf Expansionskurs dagegen befindet sich die Schweizer Gruppe Zur Rose AG. Das Unternehmen, das sich im Besitz von rund 2000 eidgenössischen Ärzten befindet, übernimmt nicht nur das Versandgeschäft von Celesio. Es ist über seine deutsche Tochtergesellschaft auch der Dienstleister der Versandapotheke Zur Rose in Halle an der Saale, die anstelle von Europa Apotheek künftig in den DM-Märkten präsent sein wird.

Formal sind die Aktiengesellschaft aus dem Thurgau und die inhabergeführte Apotheke aus Sachsen-Anhalt voneinander unabhängig, doch die Verbundenheit geht offenbar über die Namensgleichheit hinaus. Jedenfalls hat Zur Rose aus der Schweiz als Partner von DM in Österreich schon 2011 die Rolle übernommen, in die Zur Rose aus Halle nun in Deutschland schlüpft.

Angesichts der rasanten Marktbereinigung in den vergangenen Wochen und der jahrelangen Unzufriedenheit von Celesio mit dem Versandgeschäft mutet der Doppelschritt riskant an. Tatsächlich lagen die Margen vieler Versandapotheken zuletzt niedriger als die der herkömmlichen Apotheken, die nach Berechnungen der Treuhand Hannover im Durchschnitt einen Rohertrag von 25 Prozent des Umsatzes erzielen.

Verbot von Rabatten

Kein Wunder also, dass zwar fast jeder zehnte der rund 21.000 Apotheker in Deutschland eine Lizenz zum Versandhandel hat, aber nur zwei Dutzend sie auch aktiv nutzen - die Größenvorteile bei Einkauf und Verwaltung werden augenscheinlich von den Abschlägen auf den Verkaufspreis aufgezehrt, mit dem die Versandapotheken typischerweise um Kunden werben. Außerdem haben Politiker und Richter jüngst eher Entscheidungen zu Lasten des Arzneimittelversands getroffen.

Ein tiefer Einschnitt war etwa das im August vom Bundesgerichtshof ausgesprochene Verbot von Rabatten auf verschreibungspflichtige Arzneimittel, mit denen vor allem die in den Niederlanden ansässigen Versandapotheken wegen der dort niedrigeren Medikamentenpreise geworben hatten. Hinzu kommt, dass durch das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts (Amnog) auch seitens der Pharmagroßhändler der Spielraum für Rabatte geringer geworden ist.

„Das können die Versandhändler ausgleichen, indem sie verstärkt direkt bei den Pharmakonzernen einkaufen“, erläutert Arnt Tobias Brodtkorb von der Unternehmensberatung Sempora in Bad Homburg. „Aber sie müssen neue Wege finden, um ihren Kunden Vergünstigungen anbieten zu können.“ Getestet werden zurzeit etwa Bonusprogramme und Prämien für die Teilnahme an Befragungen zur Arzneimitteleinnahme. Die Großhändler aber sind gegenüber den Versandapotheken generell kritischer geworden.

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Sie betonen vielmehr auffällig oft die Partnerschaft mit den stationären Apotheken. Ein neues Konzept des Frankfurter Händlers Anzag etwa besteht darin, für diese Apotheken eine Bestellplattform im Internet einzurichten. Wer darauf bestellt, soll entweder vom Botendienst der Apotheke in seiner Nähe beliefert werden oder sich das vorbestellte Medikament dort abholen können - ein klarer Angriff auf das Geschäftsmodell der Versandapotheken.

„Der Markt hat großes Potential“, hält die Unternehmenssprecherin der Zur-Rose-Gruppe dagegen. In anderen Branchen mache das Versandgeschäft schließlich schon bis zu 25 Prozent vom Gesamtmarkt aus, zudem lasse die Alterung der Bevölkerung den Arzneimittelbedarf stetig zunehmen. Und den Glauben an eine weitergehende Öffnung des deutschen Apothekenmarkts habe man in der Schweiz auch noch nicht aufgegeben.

Der Artikel ist korrigiert: Die Muttergesellschaft von Europa Apotheek heißt nicht Easy Scripts, sondern Express Scripts.

Quelle: F.A.Z.

 
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