08.09.2011 · Herstellern von Verkehrsschildern droht die Auslese. In Deutschland gibt es nur noch 19 Unternehmen, die die Lizenz besitzen.
Von Katharina KleinIn Deutschland gibt es geschätzte 20 bis 24 Millionen von ihnen. Und obwohl sie uns täglich zu unserem gewünschten Zielort bringen, genießen sie keinen guten Ruf in der Bevölkerung: Verkehrsschilder. Zu viele gebe es von ihnen, wird oft behauptet, und zudem seien sie meist falsch aufgestellt. Aber worüber sich die Autofahrer ärgern, damit verdienen andere ihren Lebensunterhalt: In Deutschland gibt es 19 Unternehmen, die die Lizenz zur Herstellung von Verkehrsschildern besitzen.
In der kleinen Branche hat es in jüngster Zeit einen großen Konzentrationsprozess gegeben. Vor 30 Jahren gab es noch mehr als 30 Schilderproduzenten in Deutschland. Die Auslese dürfte sich verschärfen: Der Druck des Preiswettbewerbs sei nach wie vor hoch, der Markt werde sich daher noch bereinigen, glauben Vertreter der Hersteller. In einem Wettbewerb um ein Produkt, dessen Kriterien für Aussehen und Beschaffenheit bis ins Detail festgelegt sind, bleibt als einziges Merkmal der Differenzierung nur der Preis. Und der ist immer weiter gesunken, denn die Wettbewerber mussten einander unterbieten, um einen Produktionsauftrag zu erhalten.
Überleben konnten auf Dauer nur diejenigen, die sich auf andere oder neue Produkte rund um die Schilder konzentrierten, wie beispielsweise städtische Beschilderungssysteme oder die Entwicklung elektronischer Wegweisung. Entgegen der Annahme, große Unternehmen hätten einen Preisvorteil durch die Bestellung größerer Mengen, geben diese an, diesen Vorteil durch den gleichzeitig höheren Personal- und Verwaltungsaufwand wieder zu verlieren. Mittelständische Anbieter konnten sich daher genauso in der Branche etablieren wie ihre großen Konkurrenten.
Neidisch blicken deutsche Schilderhersteller ins Ausland
Doch in den vergangenen Jahren kamen weitere Wettbewerber hinzu: Verkehrsschildhändler. Sie stellen selbst zwar keine Schilder her, können sich aber trotzdem für die ausgeschriebenen Aufträge bewerben. Wenn sie den Zuschlag erhalten, geben sie den Auftrag an die einschlägigen Produzenten weiter. Um den Auftrag möglichst in der zweiten Runde einer Ausschreibung zu bekommen, müssen diese den Preis weiter drücken. Heute zahlt man rund 150 Euro für die einfachste Version eines Schildes, inklusive Aufstellvorrichtung, Fundament und Montage. Doch das ist nur der offizielle Katalogpreis: „Der wird im Kampf um den Auftrag meistens unterboten“, sagt Klaus Schulz von der Kurt Ries GmbH in Bruchsal. Auch Reinhard Regel von der Dambacher Werke GmbH bestätigt: „Das Ende dieser Preisspirale ist nicht absehbar.“
Neidisch blicken deutsche Schilderhersteller ins Ausland. In Österreich bekommt derjenige den Auftrag, der den zweitgünstigsten Preis anbietet. In Deutschland sei das nicht denkbar, vermutet Schulz: „Hier denken die öffentlichen Auftraggeber: Selbst wenn sie dem zweitgünstigsten Anbieter den Zuschlag geben, haben sie immer noch zu viel bezahlt, denn sie hätten ja auch den günstigsten nehmen können.“
Neben dem gnadenlosen Preiskampf hat sich in Deutschland auch die Auftragslage verschlechtert. „Durch auslaufende Konjunkturpakete wird nicht mehr in den Ausbau von Infrastruktur investiert“, sagt Regel. Im Vergleich zu 2008 seien Aufträge für den Ausbau der Infrastruktur um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Das Gros der Ausschreibungen betrifft nur noch den Ersatz alter Schilder.
Die Aufträge, die von den Kommunen öffentlich ausgeschrieben werden, sind dabei meist Jahresverträge mit den Herstellern. Für ein Jahr lang werden dann die benötigten Schilder ausschließlich bei einem Lieferanten bestellt. Für Autobahnen, Landes- und Kreisstraßen sind die Auftraggeber meist die Straßenbauverwaltungen der Länder; für Städte und Gemeinden sind indes die kommunalen Bauverwaltungen zuständig.
Vor allem Städte betreffe das Problem
Angesichts der teils maroden Infrastruktur ist der Nachholbedarf groß. Der Industrieverband Straßenausstattung schätzt, dass jedes vierte Schild am Straßenrand ersetzt werden müsste. Jedes zweite sei nicht mehr funktionsfähig. Das ist dann der Fall, wenn ein Schild das Alter von 15 Jahren erreicht hat, denn dann verliert es nachts an Sichtbarkeit. Vor allem Städte betreffe das Problem, erklärt Schulz von der Kurt Ries GmbH, denn die Schilder heben sich nicht mehr von der Umgebung ab. Für Autofahrer könne dieser Mangel gefährlich werden.
Aber nicht nur die schwindende Sichtbarkeit der blechernen Wegweiser wird zum Problem. Viele Fahrer übersehen die Schilder auch aus einem anderen Grund: „Ein Mensch kann nur drei Schilder je Sekunde wahrnehmen“, schätzt der Automobilclub ADAC. Doch wahrnehmen bedeutet noch lange nicht, die Signale auch umsetzen. Daher gilt: „Je weniger Schilder, desto besser kommt die Botschaft an“, sagt Andreas Hölzel vom ADAC.
Beispielsweise brauche man in Zonen, in denen Fahrtempo 30 gelte, nicht noch ein Schild, das vor Kindern warne, und an Flughäfen sei es überflüssig, auf Flugzeuge hinzuweisen. Branchenkollege Schulz gibt zu bedenken, dass viele Schilder, die für Verwirrung sorgen, auch Werbeträger seien. Gleichzeitig führt er für die Zunahme an Ge- und Verboten entlang der Straßen gute Gründe ins Feld: „Wenn etwa vor einem Hauseingang ein Halteverbot gelten soll, kann das nur mit einem Schild eindeutig geregelt werden.“
Eine Wunschvorstellung
Verbindliche Regelungen bedeuten eine rechtliche Absicherung. Nach diesem Grundsatz entstand in jüngster Vergangenheit der berühmte deutsche Schilderwald: „Die Kommunen verfolgen das Prinzip: Lieber ein Schild zu viel als eins zu wenig, um sich vor möglichen Klagen zu schützen“, sagt Gerhard Werminghaus von der Stadt Selm in Nordrhein-Westfalen. Wie das auch anders funktionieren kann, zeigte Werminghaus als Projektleiter der Aktion „K(ein) Schild für Selm“. Eine Woche lang wurden die Schilder der Stadt in gelbe Säcke eingetütet; nur ein Minimum blieb unverhüllt. „Auf einmal war die ganze Stadt gelb“, erinnert er sich, doch die 40 Prozent der Schilder, die anschließend entfernt wurden, vermisst bis heute keiner. Sein Fazit: „An die Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer muss stärker appelliert werden“.
Doch ein Verkehrssystem, das mit wenig Wegweisern auskommt, wird wohl eine Wunschvorstellung bleiben. „Einen Bedarf an Schildern wird es immer geben“, sagt Reinhard Regel. Dabei bleibt den deutschen Herstellern unliebsame Konkurrenz erspart: Weil die Vorgaben und Kriterien für Schilder in jedem Land unterschiedlich sind, gibt es vorerst keine ausländischen Konkurrenten.
Schilderwald
Otto Dieter Huber (otto-dieter)
- 08.09.2011, 14:27 Uhr
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