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Mannesmann-Prozeß Ackermann schweigt vorerst

26.10.2006 ·  Am ersten Tag des neu aufgelegten Mannesmann-Prozesses hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sich nicht zur Sache geäußert. Statt dessen hat er sein Gehalt preisgegeben: Der Top-Manager verdient 11,9 Millionen Euro jährlich.

Von Corinna Budras, Düsseldorf
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Um 9.40 Uhr muß der Vorsitzende Richter Stefan Drees an diesem Donnerstag morgen zum ersten Mal für Ruhe sorgen: Der erste Verhandlungstag im Mannesmann-Prozeß läuft noch keine halbe Stunde, da stört der schrille Ton eines offensichtlich defekten Hörgeräts im Zuschauerraum die getragene Atmosphäre vor dem Düsseldorfer Landgericht. Oberstaatsanwalt Peter Lichtenberg ist gerade dabei, stehend und mit der angemessenen Würde eines Strafverfolgers die Anklageschrift zu verlesen, als das störende Geräusch ertönt. Eine halbe Ewigkeit vergeht, die Zuschauer und schließlich auch die Richter werden unruhig, doch der betagte Besitzer bemerkt das nicht. Irgendwann fordert ihn ein Saaldiener mit der nötigen Deutlichkeit auf, das Hörgerät abzuschalten. Der schwerhörige Zuschauer zeigt sich erstaunt von so viel Wirbel um sein kleines Hörgerät: „Hat das etwa gestört?“ fragt er laut.

Der Zwischenfall im großen Verhandlungssaal L 111 bleibt der einzige an diesem sonnigen Oktobermorgen. Wieviel ungeordneter verlief da der erste Verhandlungstag vor knapp drei Jahren, als der erste Mannesmann-Prozeß begann. Damals führte eins zum anderen und die Summe schließlich zum PR-Gau für den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Durch den großen Besucherandrang an der Sicherheitsschleuse mußte die Verhandlung dreißig Minuten später beginnen als angekündigt. Die Zeit bis zum Erscheinen des Gerichts versuchten die sechs Angeklagten und ihre Verteidiger mit betont gelassenen Plaudereien zu überbrücken. Da hob Ackermann, wohl in Anspielung an eine Michael-Jackson-Anekdote, die Finger zum Victory-Zeichen. Eine kurze Geste, ein schnelles Foto - und vorbei war es mit der sorgsamen Imagepflege von Deutschlands größter Bank. Ins Bild des arroganten Managers paßte auch der Satz, mit dem Ackermann in der allgemeinen Aufgeregtheit vor Verhandlungsbeginn gegenüber Journalisten das deutsche Rechtssystem kritisierte: „Deutschland ist das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen.“

Hände auf den Tisch

Von all der Unruhe ist jetzt nichts zu spüren. Statt dessen herrschen klare Strukturen: Ackermann kommt kurz vor Prozeßbeginn in den Verhandlungssaal, geht schnurgerade auf seinen Platz zu, setzt sich und legt die Hände auf den Tisch. Nur der ehemalige Mannesmann-Vorstandsvorsitzende Klaus Esser, der Hauptbegünstigte in dem Verfahren, ist wie üblich schon ein wenig früher da und tänzelt zwischen den wartenden Journalisten und Verteidigern umher. In den Zuschauerreihen wird das aufmerksam registriert: „Esser kommt hier rein, als erwarte er Applaus“, witzelt ein Düsseldorfer Diplom-Kaufmann, der hier einen älteren Herrn von der ersten Verfahrensrunde wiedergetroffen hat. Man kennt sich inzwischen im abgegrenzten Besucherraum des Saales. „Er genießt seinen Auftritt doch. Ackermann sieht dagegen ein wenig bedröppelt aus - aber das kann man ja verstehen.“

Über die Schuld der Angeklagten besteht hier durchaus ein gemischtes Urteil. Rita Murmann, eine ältere, gepflegte Dame, ist eigens aus Gelsenkirchen angereist, um dem Spektakel beizuwohnen. Manager sollten endlich Verantwortung übernehmen für das, was sie tun, fordert sie. Das Verhalten des ehemaligen IG-Metall-Vorsitzenden Klaus Zwickel bei der Verteilung der Millionenprämien fand sie besonders schäbig. „Diese Gewerkschafter tun immer so, als würden sie für die armen Leute eintreten, und dann verhindern sie solche Millionen-Zahlungen nicht.“ Auch ihre Freundin Renate Stamm sieht die heutige Managergeneration mit großer Skepsis: „Ich finde es empörend, wie sich Manager aufführen.“

Essers Eichendorff-Lyrik

Von dem Diplom-Kaufmann hingegen können sich die Manager mehr Verständnis erhoffen: „Ich sage Ihnen: Esser holt einen Freispruch raus - der hat doch gar nichts gemacht“, sagt der Düsseldorfer, ein „interessierter Bürger“, der schon in der ersten Runde jeden zweiten Verhandlungstag verfolgt hat. Er scheint eine gewisse Schwäche für den schmalen Manager zu haben und erinnert bewundernd an das Gedicht von Eichendorff, das Esser zum Abschluß des ersten Prozesses zitierte. Sein Bekannter aus dem ersten Prozeß, ein Rentner aus der Düsseldorfer Umgebung, sieht das anders: „Esser hat doch die ganzen Zahlungen inszeniert.“

Im Moment inszeniert sich Esser in erster Linie selbst: Ein Gedicht gibt er zwar heute nicht zum besten. Doch er schafft es auch diesmal bei der simplen Vorstellung seines Lebenslaufes und Familienstandes, etwas mehr als die anderen fünf Angeklagten zu sagen: „Unsere zwei Kinder“, erklärt der 58 Jahre alte Manager dem Gericht über sich und seine Frau, „sind unsere Freude und unser Stolz.“ Ähnlich wie die anderen Angeklagten windet jedoch auch er sich darum, dem Gericht und damit auch der neugierigen Öffentlichkeit preiszugeben, wieviel er derzeit verdient. Sollte im Laufe des Verfahrens Bedarf an der Information bestehen, werde er sie dem Gericht mitteilen, läßt er wissen. Nur Ackermann deckt auf, was ohnehin schon jeder weiß: 11,9 Millionen Euro bekommt er im Jahr - und schiebt dann doch noch eine Überraschung über das gesamte Ausmaß seines Verdienstes hinterher: „Mein Einkommen liegt insgesamt bei 15 bis 20 Millionen Euro im Jahr.“

„Faktisches Berufsverbot“

Zur Anklage selbst äußern sich an diesem Tag nur der ehemalige Mannesmann-Aufsichtsratschef Joachim Funk und Zwickel. Funk betont, er bemühe sich, nicht emotional zu werden, und beschreibt dann doch die „persönliche Beschädigung“, die der Fall bei ihm und seiner Familie hinterlassen hat. Er redet von einem „faktischen Berufsverbot“ und davon, daß diese Zeit für immer verloren sei. „Die Verhandlung wird die Thesen im Anklagesatz der Staatsanwaltschaft widerlegen“, sagt Funk.

Zwickel hingegen greift den Bundesgerichtshof wegen dessen Revisionsurteils an. Zusammen mit Ackermann hatte ihn der Bundesgerichtshof damals besonders aufs Korn genommen: „Es ist schlechterdings nicht vorstellbar, daß sich der in führenden Positionen der deutschen Wirtschaft tätige Angeklagte Dr. Ackermann und der Gewerkschaftsführer Zwickel für berechtigt gehalten haben könnten, in Millionenhöhe willkürlich über das ihnen anvertraute Gesellschaftsvermögen verfügen zu dürfen.“ Daran anknüpfend merkte Zwickel an, es sei schlechterdings nicht vorstellbar, daß der Bundesgerichtshof davon ausgehen könne, die beiden hätten tatsächlich über das ihnen anvertraute Gesellschaftsvermögen willkürlich verfügt. „Ein Geschenk ist die Prämie an Esser nie gewesen“, sagt der ehemalige Gewerkschaftsboß. „Bewußt und willkürlich verschleudert haben wir niemals etwas, auch nicht bei Mannesmann.“ Für ihn hätte außer Frage gestanden, daß für außergewöhnliche Leistungen auch im nachhinein Prämien vereinbart werden könnten. Dies sei gängige Praxis bei Mannesmann gewesen.

Zwickel hat das vorerst letzte Wort an diesem Verhandlungstag, bevor der Vorsitzende Richter bereits nach drei Stunden den Prozeß vertagt. Der schwerhörige ältere Herr hat den Verlauf der Verhandlung auch ohne Hörgerät über die gesamte Zeit aufmerksam verfolgt. Wahrscheinlich hat er sich eher auf die Körpersprache der Verfahrensbeteiligten konzentriert - und ist jetzt womöglich schlauer als manch andere Zuschauer. Sie haben nur vieles vernommen, was schon gesagt worden war.

Quelle: F.A.Z., 27.10.2006, Nr. 250 / Seite 14
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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