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Kommentar : Lichter aus in der Mall

Amerikanische Einkaufspassagen galten einmal als „Kathedralen des Konsums“. Heute stecken sie in einer schweren Krise. Aber das liegt nicht nur an Amazon.

          In dem Film „Blues Brothers“ spielt eine berühmte Szene in einer Mall, einem typisch amerikanischen Einkaufszentrum. Die von John Belushi und Dan Aykroyd verkörperten Titelfiguren liefern sich hier eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. In den Geschäften ist viel los, Menschen springen zur Seite, um sich vor den Autos zu retten. Der Film ist fast vierzig Jahre alt, und er war einer von vielen aus dieser Zeit, in denen Malls eine prominente Rolle spielten. So betriebsam wie damals erscheinen sie in aktuelleren Hollywood-Produktionen nicht. Einer der Schauplätze im Thriller „Gone Girl“ war eine stillgelegte Mall, die düster und gespenstisch aussah.

          Diese Ödnis ist keine Erfindung der Filmindustrie. Malls, einst ehrfurchtsvoll „Kathedralen des Konsums“ genannt und ein Symbol für die amerikanische Shopping-Kultur, stecken in einer schweren Krise. Eine Schreckensmeldung jagt die nächste. Die Kaffeehauskette Starbucks hat angekündigt, ihre fast 400 vor allem in Einkaufszentren beheimateten „Teavana“-Teelokale zu schließen. Traditionsreiche Kaufhauskonzerne wie Macy’s, Sears und J.C. Penney, deren Namen früher Aushängeschilder von Malls waren, machen reihenweise Geschäfte dicht. Die „Retail Apocalypse“, von der in Amerika derzeit viel die Rede ist, um die Turbulenzen im traditionellen Einzelhandel zu beschreiben, trifft die Malls besonders hart. In ihnen stehen immer öfter Geschäfte leer, manche haben kapituliert, in Pittsburgh wurde in einer Zwangsversteigerung eine komplette Mall für hundert Dollar verschleudert.

          Mehr als bloßes Einkaufen

          „Dead Malls“ sind in Amerika zu einem Phänomen geworden. Ihnen ist eine eigene Internetseite und sogar ein Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia gewidmet. Einige von ihnen wurden schon zu Schulen oder Kirchen umfunktioniert. Eine Wende ist nicht in Sicht. Nach Ansicht mancher Fachleute könnte ein Viertel der 1200 Malls in den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf Jahren verschwinden.

          Die klassischen amerikanischen Malls sind gigantische Gebäudekomplexe mit einer Fülle verschiedener Geschäfte unter einem Dach und riesigen Parkplätzen. Das erste Einkaufszentrum nach diesem Muster wurde vor mehr als 60 Jahren nahe Minneapolis eröffnet, der österreichische Architekt Victor Gruen hatte es entworfen.

          Gruens Beispiel machte Schule, vor allem in Vororten größerer Städte entstand eine Mall nach der anderen. Der Aufstieg dieser Konsumtempel ging einher mit dem Wegzug vieler Amerikaner aus den Stadtzentren. Malls wurden zur „New Main Street“, zur neuen Hauptstraße, die den innerstädtischen Handel bedroht. Ihr Zweck ging über das bloße Einkaufen hinaus. Sie wurden Ausflugsziel für die ganze Familie und Treffpunkt für Teenager, um sich die Zeit zu vertreiben, zumal es an ihren oft ländlichen Standorten nicht viele andere Unterhaltungsmöglichkeiten gab.

          Nicht nur der Onlinehandel ist Schuld am Niedergang der Malls

          Der Niedergang der Malls und die allgemeinen Schwierigkeiten im Einzelhandel mögen verwundern in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit niedrig ist und das Verbrauchervertrauen hoch. Eine offensichtliche Erklärung für die Misere ist die Konkurrenz von Online-Händlern wie Amazon. So praktisch es früher war, in einer Mall so gut wie alles zu finden: Heute ist es noch viel praktischer, sich fast jeden Einkaufswunsch in Sekundenschnelle im Internet zu erfüllen und dafür nicht einmal das Haus verlassen zu müssen. Selbst im Geschäft mit Mode, in dem oft die Bedeutung des Einkaufserlebnisses vor Ort beschworen wird, ist der Online-Handel auf dem Vormarsch. Amazon steht heute kurz davor, zum größten Bekleidungshändler Amerikas zu werden.

          Online-Händler sind aber bei weitem nicht allein für die Krise der Malls verantwortlich. In den Vereinigten Staaten gibt es einfach zu viele dieser Megakomplexe. In den vergangenen fünfzig Jahren ist deren Zahl mehr als doppelt so stark gewachsen wie die Bevölkerung. Das Überangebot an Shopping-Gelegenheiten gilt für den gesamten amerikanischen Einzelhandel, wo es je Person mehr als zehnmal so viel Verkaufsfläche wie in Deutschland gibt. Inmitten all dieser Konkurrenz haben viele Malls nicht genug getan, um ihre Zugkraft zu erhalten. Stattdessen ließen sie es zu, dass sich mit dem immer gleichen Mix an Läden Eintönigkeit und Langeweile breitmachte. Das rächte sich umso mehr, weil sie auch als Ort der sozialen Interaktion an Bedeutung verloren haben. Gerade junge Menschen brauchen im Facebook- und Snapchat-Zeitalter kein Einkaufszentrum mehr, um Kontakte mit ihren Freunden zu pflegen.

          Es gibt in Amerika noch immer reichlich Malls, denen es prächtig geht, zum Beispiel wenn sie auf eine wohlhabendere Klientel abzielen, etwa mit Luxusmarken oder einem Autohaus von Tesla. Oder wenn sie stärker auf Erlebnischarakter setzen, mit schicken Restaurants, Konzerten oder Sportparks. Die Herausforderung besteht darin, etwas zu bieten, das nicht so leicht mit ein paar Fingerbewegungen auf dem Smartphone zu bekommen ist. Selbst Amazon scheint der Auffassung zu sein, dass dies möglich ist, andernfalls würde der Online-Händler wohl nicht die Supermarktkette Whole Foods kaufen wollen. Es ist also gewiss nicht jede Mall in Amerika dem Untergang geweiht. Aber Mittelmaß reicht nicht mehr zum Überleben.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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